Wallenstein-Festspiele Altdorf

Heil der Retterin

In ihm schlummern Dämonen: Sebastian Kögel als Wallenstein. | Foto: Mock2018/06/Altdorf-Wallenstein-Volksstueck-Premiere-Wallenstien-2.jpg

ALTDORF – Fast jeder, der in Altdorf und Umgebung wohnt, kennt das Wallenstein-Volksstück: In seiner Jugend schwingt er sich zum Anführer der Studenten auf, vergreift sich brutal an seinem Diener, wird in den Karzer geworfen und kann durch seinen Kniff mit dem Pudel verhindern, dass das Loch nach ihm benannt wird. Er verlässt die Universität und zieht zusammen mit seinen Rauf- und Saufkumpanen ins Feld. Im Nachspiel kommt er als General des Dreißigjährigen Krieges zurück nach Altdorf, verschont die Stadt in seiner Milde. Er ist der tolle Hecht, der Retter, dem alle in Dankbarkeit huldigen. Ende gut, alles gut. Oder? Regisseur Oliver Karbus schafft mit der Änderung eines einzigen Wortes, das Traditionsstück zu revolutionieren.

Das Stück „Wallenstein in Altdorf“, das Franz Dittmar 1894 im Auftrag des Altdorfer Festspielkomitees verfasste, ist seinem Inhalt nach veraltet. Der Freiheitsbegriff, dem die Studenten nachjagen, beinhaltet hauptsächlich, nicht in ihrer Rauf- und Sauflust gestört zu werden und in den Krieg ziehen zu dürfen. „Hinaus ins Leben, hinaus in die Freiheit, ins Feld“ singen sie, als sie geführt von Junker Wallenstein am Ende des ersten Teils aus der Universität ziehen, um sich als kaiserliche Soldaten zu verdingen. Diese Einstellung der Studentenrevolte steht aus heutiger Sicht in krassem Widerspruch zu freiheitlichen Bewegungen, besonders zur Studentenrebellion der 1968er, die sich heuer zum fünfzigsten Mal jährt und sich unter dem Banner des Friedens und der Gewaltfreiheit versammelt hat.

Kann ein solches Stück heute überhaupt noch gespielt werden? „Die Verblendung der Jugend muss man unbedingt mit bedenken, wenn man das Stück anpackt“, sagt Regisseur Oliver Karbus. In seiner Inszenierung erscheinen die Studenten nicht als sympathische Rüpel, die das Herz eigentlich am rechten Fleck haben. Besonders Sebisch, ausdrucksstark gespielt von Jens Ammon, ist ein brutaler, respektloser Schläger, der ausschließlich Wallenstein folgt.

Das hilflose Volk hat sich in die Universität geflüchtet. | Foto: Mock2018/06/Altdorf-Wallenstein-Volksstueck-Premiere-Volk.jpg

Charme eines Mantel- und Degenfilms

Dittmars „Wallenstein in Altdorf“ funktioniert nur dann, wenn es in seiner Welt ernst genommen wird. Wenn Heldenmut, unsterbliche Liebe und unerschütterliche Treue so eindringlich dargestellt werden, wie gestern von den Altdorfer Schauspielern, erhält das Stück den unwiderstehlichen Charme eines Mantel- und Degenfilms.

Sebastian Kögel ist ein leidenschaftlich feuriger Wallenstein, der sehr differenziert sowohl den aufbrausenden Heißsporn, als auch den hilflos verliebten Studenten spielt. Man nimmt dem Altdorfer durchaus ab, dass in ihm „Dämonen schlummern“. Als sein Gegenspieler überzeugt Michael Kuhn. Dem besonnenen Nößler geht erst die Geduld aus, als er glaubt, seine und die Ehre seiner heimlichen Verlobten Ännchen verteidigen zu müssen.

Als Wallensteins Famulus zeigt Jakob Albrecht sein großes komödiantisches Talent. Besonders im Zusammenspiel mit der ebenfalls komischen Rolle des Pedells, gewitzt gespielt von Wolfgang Werthner, entlockt er dem Publikum zahlreiche Lacher. Die spielerische Qualität beeindruckt quer durch alle Rollen. „Es sind nur Laien, oder schöner Liebhaber, die hier auf der Bühne stehen. Diese immense Leidenschaft, mit der sie spielen, vermisse ich manchmal sogar auf professionellen Bühnen“, sagt Profiregisseur Karbus über seine Altdorfer Schauspieler.

Der eigentliche Coup gelingt dem Österreicher im Nachspiel des Stückes. Hier weicht der Autor von den historischen Begebenheiten ab und lässt den ehemaligen Studenten Wallenstein als triumphalen Feldherren des Dreißigjährigen Krieges vor die Tore Altdorfs ziehen. Die Situation spitzt sich zu: Donnernde Kanonenschläge lassen den Hof der ehemaligen Universität erzittern, Schreie hallen von den Wänden wieder, das hilflose Volk ist in Panik, der Senat der Universität wie gelähmt.

Die Stadt steht kurz vor der völligen Vernichtung. Die tapfere Bürgerwehr besteht aus alten Männern, die den gut ausgerüsteten Soldaten außer ihrer Entschlossenheit nichts entgegenzusetzen haben. Niemand hat den Mumm oder die Mittel, die Plünderung abzuwenden – bis Wallensteins alte Jugendliebe alle beschämt und sich dem Kriegsherren entgegen stellt.

Nicht leicht zu beeindrucken: Franziska Sperber als Ännchen. | Foto: Mock2018/06/Altdorf-Wallenstein-Volksstueck-Premiere-Aennchen.jpg

Sperber brilliert als Ännchen

Ännchen Schopper, anmutig und ausdruckstark gespielt von Franziska Sperber, ist die wahre Heldin des Stücks, das Karbus dementsprechend aufbaut. Sie ist bei weitem nicht nur die „Perle des Schwarzachtals“, die „schönste Blume Altdorfs“ als die sie der Student Wallenstein sieht. In einer rein männlich dominierten Welt weiß sie auch als junges Mädchen schon durchaus Contra zu geben. Sie ordnet sich weder blind dem Willen ihres Verlobten unter, noch lässt sie sich von Wallensteins Liebesschwüren um den Finger wickeln.

Ännchen besitzt „nicht nur Liebe, sondern auch Würde“, die sie den „sturen Männern“ gegenüber auch zu behaupten weiß. Ihre starke Position spiegelt sich auch in der brillianten Musik von Wolfgang Völkl wieder. Das einprägsame Ännchen-Motiv durchzieht sie wie ein roter Faden.
In der letzten Szene ist es sie allein, die es vermag, Wallenstein am Schleifen Altdorfs zu hindern. Wo sämtliche Waffen versagen, versteht sie es, mit Verstand und Gefühl, die Lage zu deeskalieren. Sie appelliert an die Menschlichkeit des Feldherren und erinnert ihn daran, was er ihr bei seinem Abschied versprochen hatte: Altdorf und sie als seinen guten Geist nicht zu vergessen.

Oliver Karbus trägt dem Rechnung. Statt wie vom Autor vorgesehen, dem ach so milden, großmütigen Feldherrn zu huldigen, dem „Retter“, der vor noch wenigen Minuten nicht gezögert hätte, die ganze Stadt niederzubrennen, entschließt er sich zu einer kleinen, aber signifikanten Textänderung: „Heil der Retterin“, ruft der Altbürgermeister, gekonnt verkörpert von Herbert Creutz, als Altdorf der Katastrophe entkommen ist. Mit dieser Wendung wird der feministisch angelegten Figur zum ersten Mal die Ehre erwiesen, die ihr gebührt.

N-Land Magdalena Mock
Magdalena Mock