Rainer von Vielen mischt altes Brauhaus auf

Fitte Väter

Trio mit sozialkritischem Anspruch und viel Elektronik im Gepäck: Rainer von Vielen bei ihrem Auftritt im Brauhaus Altdorf. | Foto: Spandler2018/01/altdorf-rainer-von-vielen3.jpg

ALTDORF – Für „unausgeschlafene Familienväter“, wie man sie angekündigt hat, haben sie ganz schön viel Power – die Jungs der Band Rainer von Vielen. Über zwei Stunden volle Dröhnung ohne Pause und – zumindest bei Sänger Rainer Hartmann – vollen Körpereinsatz erlebten die Zuhörer im vollen Brauhaus. Vom ersten Takt an wurde mitgetanzt und -gesungen, denn etliche im Publikum waren wohl ausgesprochene Fans der Formation und kannten die Texte auswendig.

Als Trio war die Band dieses Mal zu erleben, neben Hartmann mit Gitarrist Mitsch Oko und Dan Le Tard, dem „besten Bassisten der Welt“, wie er zu Beginn angekündigt wurde. Schlagzeuger Sebastian Schwab war nicht mit auf der Bühne, sein Part wurde wie vieles andere von der Konserve übernommen. Entsprechend vielfältig war das Klangbild der deutschsprachigen „Bastard-Pop-Band“ wie sie ihren Stil selbst bezeichnet.

Der ist in der Tat schwer einzuordnen, hier trifft Hardrock auf Hiphop, Rap auf Punk, Elektropop auf Extrem-Liedermaching. Und meist geht es um ganz schnelle, laute Rhythmen und Texte mit engagiert herausgeschrienen Botschaften, seltener auch um emotionale Einblicke in den aktuellen Seelenzustand.

Sänger im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt steht, hüpft, wirbelt und tanzt Sänger Hartmann, der über ein auffällig umfangreiches Stimmrepertoire verfügt. Mit tiefer rotziger Deutschrockstimme erzeugt er dumpf-düstere Stimmung, zu Beginn des Konzerts leider schlecht verständlich beschwert er sich in bester Protestsong-Manier über gesellschaftliche und andere Fehlentwicklungen. Doch das ist nur die eine Seite der vielen von von Vielen. Das Versöhnliche, Optimistische schlägt die negative Grundstimmung häufig: „Ihr seid nicht allein“, heißt es da, Gemeinschaftsgefühl wird zelebriert und alle steigen darauf ein.

Viele der Songtexte geraten zum politischen Statement, wie es die „Atomkraft – nein danke“- und „Antifascista!“-T-Shirts erwarten lassen. Ein Aufstehen gegen die neue Rechte wird gefordert, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Nieder mit den Mauern in den Köpfen“, „Empört euch“ und andere etwas in die Jahre gekommene Slogans werden unter die (jungen) Leute im Auditorium gebracht, reißen alle mit, machen Stimmung und trotz aller Ernsthaftigkeit ganz offensichtlich auch Spaß.

„Überall Chaos“ heißt die neue CD, deren Lieder das Trio im Brauhaus präsentiert, und das ist Programm, wobei Musiker und Publikum das Chaos ordentlich zu genießen scheinen.

Neben den harten Deutschrock-Klängen kann der charismatische Sänger Hartmann aber noch allerhand mehr mit seinen Stimmbändern anstellen. Da ist eine hohe Falsettstimme, die er sparsam und gezielt einsetzt, daneben versteht er sich ganz ausgezeichnet aufs Jodeln, was gut zu seinen Akkordeon-Einsätzen passt, und last but not least lässt er durch schwierige Oberton-Passagen aufhorchen, eine Gesangstechnik, die nicht viele beherrschen und die hin und wieder aus den Songs das atemberaubende Tempo herausnimmt, um kurze, fast meditative Momente enstehen zu lassen.

Neben den vielen sozialkritischen Ansätzen gibt es aber in manchen Liedern auch ein gewisses Augenzwinkern, wenn erklärt wird, wie die Pin lautet, mit der man in den Hiphop-Himmel kommt, den Katern im Stadtgebiet mit einem Song Reverenz erwiesen oder der „große Bla“ angebetet wird („Komm großer Bla, erleuchte mich“). Auch in diesem Song verblüfft der Sänger mit irrwitzig schnellem Scat-Gesang, bevor er die Altdorfer noch einmal auffordert, „die Revolution zu tanzen“ und gemeinsam mit der durchgeschwitzten Menge eine bemerkenswerte Fassung von „Die Gedanken sind frei“ intoniert. Besser kann man die Message des Konzerts nicht zusammenfassen.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler