Workshop im Rahmen von „mischen!“

Filmtrip durch Märchenwelt und Wichernhaus

Robert und Adrian spielen Hänsel und Gerd. Hinter ihnen hält Karl die Tonangel hoch. Ob die Tonqualität auch stimmt, überprüft die kleine Johanna neben der Kamera über Kopfhörer. | Foto: Hornung2016/08/Altdorf-Wichernhaus-Mischen-Film3.jpg

ALTDORF – 360° lautet das Motto der diesjährigen Kinder- und Jugendkulturtage des Bezirks Mittelfranken, das in vielen Workshops mit kreativen Mitteln erforscht wird. Im Wichernhaus soll ein Blick „Rund-um-uns-herum“ geworfen werden. Mit welchem Medium ginge das besser als mit Film? Mit ihrer Crew mischten elf Kinder und Jugendliche für vier Tage Gänge und Hof des Wichernhauses auf. Gemeinsam mit zwei Videoreferenten vom Medienzentrum Parabol, der Fachberatung für den Bezirk, drehten sie ein Märchenmedley. Arbeitstitel: „Hänsel und Gerd auf Pokémon-Go-Jagd“.

„Jetzt probieren wir mal. Wenn ihr hier so entlang lauft und euch an dem Pflaster orientiert, dann müsste es vom Winkel passen“, weist Lorenz Schuster von Parabol zwei verkleidete Jungs ein. Die beiden tragen Felljacken, der eine einen Hut. Der mit dem Hut ist Robert in der Rolle des Hänsel. Sein Partner Adrian spielt Gerd. In einigen Metern Entfernung steht Leon mit Parabol-Mitarbeiterin Jeanette Kutzera hinter der Kamera. Die kleine Johanna überprüft mit großen Kopfhörern den Ton.

Aus dem von Efeu umrankten Fenster über Adrian und Robert guckt eine weiß geschminkte Lady mit schwarzen Lippen. Maria in der Rolle des Gothic-Rapunzel ist eine der wenigen Schauspielerinnen am Set. Weil am Workshop mehr Jungs als Mädchen teilnehmen und die nicht wie zu Shakespeares Zeiten in Frauenrollen schlüpfen wollten, wurde aus Gretel kurzerhand Gerd.

Die Entscheidungen über Besetzungen und Text müssen flugs gefällt werden. Vier Tage nur stehen für Ideensammlung, Arbeit am Skript, Dreh und Schnitt zur Verfügung. Märchen kennen alle. Viele der elf Jugendlichen haben eine Figur gefunden, die sie interessiert. Mit der Pokémon-Jagd katapultieren sie die ins 21. Jahrhundert. Hänsel und Gerd sind glücklicherweise nicht in den Fängen einer bösen Hexe, sondern auf freiem Fuß, haben allerdings ein ganz anderes Problem: Der Ladebalken ihres Smartphones geht bedenklich gen Null. Der Akku braucht schleunigst Strom, aber es fehlt am Kabel.

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Ladekabel herab“, rufen sie zum Turmfenster hinauf. „Nein“, entgegnet Marie und macht eine dramatische Pause. „Ich kann nicht. Ich bin auf Facebook und habe keine Zeit.“ Prinz Paul unter ihrem Fenster lässt resigniert verlauten, dass auch er seit Tagen nichts weiter als What‘sApp-Nachrichten von seiner Angebeteten erhält.

Grenzenlos mischen

Der Workshop wird organisiert von „Grenzenlos!“, dem Projekt zur Förderung von Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit in Mittelfranken. Sechs Jugendliche aus der heilpädagogischen Tagesstätte des Wichernhauses spielen und drehen gemeinsam mit fünf anderen Jugendlichen aus Altdorf. Stephanie Mühlhausen vom Wichernhaus und Jutta Krach, Jugenddiakonin der Evangelischen Kirchengemeinde Altdorf, begleiten die Dreharbeiten vor Ort. „Wir dürfen das gesamte Haus nutzen“, freut sich Mühlhausen.

Susanne Hofmann, kommunale Jugendpflegerin, vermittelt für den Kreisjugendring zwischen dem Bezirk und Einrichtungen, die bereit sind Workshops anzubieten. Gemeinsam mit Angelika Feisthammel vom Vorstand des Kreisjugendrings besucht sie heute die Dreharbeiten. Für die Zusammenarbeit mit dem Wichernhaus musste Hofmann allerdings nicht viel Vermittlungsarbeit leisten. „Die Projekte sind dermaßen klasse“, findet Einrichtungsleiter Wilhelm Hammerschmidt. Nach einem DJ- und einem Kunstworkshop ist der Filmdreh das dritte mischen!-Angebot im Wichernhaus. Dem Bezirk war sehr an einer Fortsetzung der Kooperation gelegen.

„Und, bitte!“

Der Probedurchlauf für die Rapunzel-Szene ist beendet. „Und, bitte!“, gibt Kameramann Leon das Startsignal zur Aufnahme. Karl muss jetzt aufpassen. Er spielt zwar nicht in der Szene, soll mit seiner Tonangel aber nah genug am Geschehen sein, ohne dabei ins Bild zu geraten. Georg hilft, indem er das Tonkabel hoch hält. „Ton und Bild darf jeder mal abnehmen“, erklärt Jutta Krach. Julians und Marvins Szenen sind schon abgedreht. Sie schauen zu, denn irgendjemand muss schließlich auf die „continuity“ achten. Amelie filmt mit einer zweiten Kamera zeitgleich für eine Dokumentation des Workshops.

Jeder darf mal ran: Bei der nächsten Einstellung sollen „Hänsel und Gerds“ Gesichter zu sehen sein. Die Besetzung am Ton und an der Kamera wechselt. Die Schauspieler müssen sich jetzt besonders konzentrieren, um die Kontinuität der Story zu wahren.
Jeder darf mal ran: Bei der nächsten Einstellung sollen „Hänsel und Gerds“ Gesichter zu sehen sein. Die Besetzung am Ton und an der Kamera wechselt. Die Schauspieler müssen sich jetzt besonders konzentrieren, um die Kontinuität der Story zu wahren.2016/08/Altdorf-Wichernhaus-Mischen-Film2.jpg

 

Fünf Szenen wird „Hänsel und Gerd“ haben. Dafür müssen etwa 30 Einstellungen gedreht werden: Totalen, Halbtotalen, Nahaufnahmen und Details. Durchschnittlich fünf Takes braucht es pro Szene. Die Texte werden kurz vor Dreh vor Ort besprochen. Nicht wenig Arbeit. Aber: „Es läuft super“, findet Stephanie Mühlhausen. „Obwohl es nicht immer so einfach ist. Es gibt viele Wartezeiten. Immer wieder drehen und warten, das ist anstrengend.“ „Für die Jugendlichen ist das harte Arbeit“, sagt auch Parabol-Mitarbeiter Lorenz Schuster. „Es entsteht etwas, ein Werk, das gut werden und funktionieren soll. Da muss man sich durchbeißen.“ Aber zum Workshop gehört nicht nur der Dreh. Besonders stolz seien die Jugendlichen, wenn sie ihren Film endlich einem Publikum präsentieren und als Filmemacher auf der Bühne stehen dürfen. „Die Premiere ist ganz großes Kino.“

Am 15. und 16. Oktober werden die Ergebnisse der rund 25 mischen!-Workshops zur Abschlussveranstaltung der Kinder- und Jugendkulturtage im Künstlerhaus des KunstKulturQuartiers Nürnberg, Königstraße 93, vorgestellt.  „Hänsel und Gerd“ soll zudem für den Wettbewerb des mittelfränkischen Kinderfilmfestivals eingereicht werden.

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung