Wallenstein-Festspiele Altdorf

Der Held, der an sich selbst scheitert

Wallenstein (2.v.r.) vertraut Octavio viel zu lange, Max und Gräfin Terzky beobachten die beiden skeptisch. | Foto: Spandler2018/06/altdorf-Wallenstein-schiller4.jpg

ALTDORF – Die Schweden als Gegner hatten am Samstagabend nicht nur die deutschen Fußball-Nationalspieler, sondern auch die kaiserlichen Truppen in Schillers „Wallenstein“, der zeitgleich eine grandiose Premiere auf der Bühne im Hof des Wichernhauses feierte. Das Match gegen die Skandinavier war wohl auch daran schuld, dass die Tribüne für einen so denkwürdigen Theater-Abend nur schwach besetzt war. Die Schauspieler und alle Akteure hinter der Bühne kümmerte das wenig, sie zeigten eine ausgezeichnete Leistung, die weit über das Niveau üblicher Laienaufführungen hinauswies.

Auch wer die von Regisseur Michael Abendroth auf zweieinhalb Stunden eingedampfte Schiller-Trilogie schon gesehen hatte, wurde dieses Mal wieder durch neue Inszenierungseinfälle und eine leichte Straffung des Plots überrascht. Die Botschaft des Dramas aber und die entscheidenden tragischen Charaktere standen jedoch in eindringlichen Szenen im Mittelpunkt.

Eine klassische Tragödie war dort zu erleben, die „den Irrsinn des Krieges“ (Abendroth) zum Inhalt hat, aber auch die schillernde Persönlichkeit Wallensteins, der letztendlich mit einer großen Idee an sich selber scheitert. Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf und steuern auf die Katastrophe zu, am Ende gibt es keine Gewinner, die Frauen verlieren ihre Männer, die Männer ihr Leben, und der 30-jährige Krieg, den Wallenstein durch einen neuen, heute würde man sagen, europäischen Gedanken, beenden wollte, sollte noch 14 Jahre weiter gehen.

Der Kapuziner liest im Lager den Soldaten die Leviten. | Foto: Spandler2018/06/altdorf-Wallenstein-schiller3.jpg

Spiel um Macht und Einfluss

Schiller und mit ihm Regisseur Abendroth gelingt es aufzuzeigen, dass es in dieser kriegerischen Auseinandersetzung keineswegs um Religion oder Moral geht, sondern um Macht und Einfluss. Der Darsteller des Wallenstein, Udo Gerstacker, der die Rolle bereits zum zweiten Mal verkörpert, geht in der zerrissenen und zaudernden Gestalt auf. Er gibt den Feldherrn, der einerseits vom Kaiser in Wien geschätzt, aber auch immer wieder gedemütigt wird, und lebt für eine neue Ordnung.

Dabei spielt er mit dem Gedanken, die kaiserlichen Truppen mit den schwedischen zu vereinen, die beiden Lager so zu versöhnen, Frieden nach Europa zu bringen und sich selbst die Krone Böhmens zu sichern. Dies würde aber gleichzeitig eine Schwächung der kaiserlichen Macht in Wien bedeuten, aus Sicht der Kaisertreuen natürlich auch Hochverrat.

Gerstacker lebt diese Zweifel in seiner Rolle aus, zeigt in authentischer Körpersprache sein Hin- und Hergerissensein zwischen den beiden Fronten: Auf der einen Seite die Terzkys (sehr überzeugende: Julia Alexander, Wolfgang Christl), die ihn in seiner revolutionären Idee bestärken, und auf der anderen der kaiserliche Gesandte (gewohnt souverän: Wolfgang Völkl), der ihm die Daumenschrauben anlegen will. Wallensteins Ausweg ist die Astrologie („Die Sterne lügen nicht“).

Der Zauderer Wallenstein kann sich weder entschließen, den Aufforderungen des kaiserlichen Gesandten von Questenberg (rechts) noch denen seines Schwagers Terzky zu folgen. | Foto: Spandler2018/06/altdorf-Wallenstein-schiller1.jpg

Ungünstige Sterne

Sobald die Gestirne günstig stehen, so berät er sich mit seinem Astrologen Seni (geheimnisvoll: Herbert Creutz), werde er handeln. Besondere Ironie im Handlungsverlauf: Als die Sterne ungünstig stehen, hätte er das Steuer herumreißen können, als sie dann angeblich günstig stehen, ist es für seine Idee zu spät.

Die Figuren der Generäle und Obersten sind alle historisch verbürgt, erkärt der Regisseur in einer kurzen Werkeinführung vor der Premiere. Mit deren Darsteller lebt und fällt ein solches Drama, und die Truppe brilliert in ihren Rollen, bringt Leben in das Geschehen, ebenso wie die Marketenderin (Nikola Hinney), die die Männer bezirzt und darauf achtet, dass sie auch gut für ihre Dienste entlohnt wird.

Zwei Parts allerdings sind Fiktionen von Schiller, nämlich der Thekla (Josefin Weinert) und des Max Piccolomini (Ben Westerath). Die beiden sind Gegenentwürfe zu den politisch kalkulierenden Personen im Stück, sie hören als Liebende auf ihr Gefühl, was zu einigen herzzerreißenden Momenten in der Aufführung führt, die von den jungen Darstellern hervorragend und mit Tiefgang gemeistert werden. Doch auch sie werden Opfer der unsicheren Situation, besonders Max erlebt eine tiefe Enttäuschung.

ER überwirft sich nicht nur mit seinem Vater Octavio (Bernd Fischer) , sondern kann auch das Handeln Wallensteins, den er verehrt und für dessen neue Weltordnung er gern mitgekämpft hätte, nicht mehr nachvollziehen. Auch Bernd Fischer nimmt man seinen rationalen, konservativen Piccolomini ab, der an der alten Machtaufteilung festhalten will, so seinen Sohn verliert und letztendlich Wallenstein verrät, was dieser viel zu spät kapiert. Dennoch mimt er nicht ausschließlich den kalten, kaisertreuen, gefühllosen General, sondern vermittelt überzeugend, dass er einfach nicht anders kann.

Thekla und ihre Mutter, die das Verhängnis schon früh ahnt | Foto: Spandler2018/06/altdorf-Wallenstein-schiller2.jpg

Komische Momente

Bei aller Tragik enthält das Schauspiel jedoch auch einige komische Momente, die das verfrorene Publikum auf den Rängen gelegentlich mit Gelächter und Zwischenapplaus quittiert. Die Rolle des Kapuziners, der gegen Wallenstein sowie den Sittenverfall allgemein wettert, ist Ernst Bergmann auf den Leib geschneidert.

Eine furiose Predigt hält er und kennt in seinem deutsch-lateinischen Wortschwall kein Halten, wenn er wie ein Derwisch über die Bühne fegt. Komisch auch trotz der vermeintlichen Gefahr, der Moment, als der Bauer (Richard Winter) mit Sohn (Theo Alexander) als Betrüger beim Kartenspiel entlarvt und beinahe gehenkt wird, und nicht zuletzt die Szene, in der die beiden von Buttler (Tom Trobisch) gedungenen Mörder (Lorenz Märtl, Lothar Sack) den Preis für ihr schändliches Tun in die Höhe treiben.

Die Frauenfiguren in dem Stück sind bis auf die eifrige Gräfin Terzky eher zurückgenommen angelegt. Barbara Becks Herzogin zeigt eine Gemahlin Wallensteins, die eher depressiv und das Unglück vorausahnend in Erscheinung tritt, ihre Tochter Thekla, die anfangs noch ihre junge Liebe feiert, erlebt bald, dass ein Beziehungsglück auch ohne eigene Fehler zerstört werden kann.

Das Publikum würdigt die außergewöhnliche schauspielerische Leistung durch zahlreiche „Vorhänge“, es gibt Blumen, Glückwünsche und berechtigtes Lob von allen Seiten.

Weitere Aufführungen: Samstag, 30. Juni, Freitag, 6. Juli, Samstag, 7. Juli, Samstag, 14. Juli, Freitag, 20. Juli, und Samstag, 21. Juli, statt.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler