Simon & Jan im Brauhaus Altdorf

Das kann nicht weg. Das ist Kunst.

Simon & Jan, Träger des Bayerischen Kabarettpreises, bei ihrem Auftritt im Brauhaus. | Foto: Szameitat2018/09/Altdorf-Brauhaus-Konzert-Jan-Simon.jpg

ALTDORF – Das preisgekrönte Duo Simon & Jan hat die Sommerpause des Brauhauses beendet. Die liedermachenden Gitarrenvirtuosen und scharfzüngigen Poeten der Generation Y wurden bereits mit dem Bayerischen Kabarettpreis und dem deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet. Drei Jahre mühte sich das Brauhaus, die beiden nach Altdorf zu holen. Nun endlich hat es geklappt.

Wie sie da so sitzen, auf der Brauhaus-Bühne, würde man ihnen nicht unbedingt ansehen, dass sie tags zuvor in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft aufgetreten sind. Trotz der Auszeichnungen sind Simon Eickhoff und Jan Traphan jeglicher Allüren und Überheblichkeit unverdächtig. Sie überzeugen durch schieres Können auf der Bühne. Es ist die Kombination von Texten und Musik, die oberflächlich betrachtet oft nicht zusammenpassen wollen.

Ein alter Trick der Gospel-Musik paart Texte über Sorgen und Leiden mit lebensbejahender Musik. Simon & Jan drehen den Spieß um. Die Texte lesen sich auf Papier bissig und gewitzt, aufgeweckt und sarkastisch. Die Musik hingegen und die Darbietung legen eine den Texten ebenfalls inhärente Traurigkeit offen, eine Verzweiflung sogar, bei der einem nicht nur das Lachen im Hals stecken bleibt, sondern sich gern auch mal in einen Kloß im Hals verwandelt.

Selbst- und Sinnsuche

„Was machen die Hormone, keiner weiß es, zwischen Pubertät und Midlife-Crisis“ ist eine witzige Refrainzeile, doch Simon & Jan verschweigen nicht, dass in dieser schwierigen Lebensphase Statussymbole die innere Leere auffüllen sollen, dass die Selbst- und Sinnsuche mitunter solche Blüten treibt, dass die Würde auf der Stecke bleibt, dass Beziehungen deswegen auseinandergehen und Familien zerbrechen.

„Weil ich kann“ beginnt mit drolligen Anekdoten, welche Freiheiten man sich im Alltag herausnehmen kann, einfach, weil’s geht; im Sommer in kurzen Hosen vorm offenen Kühlschrank sitzen zum Beispiel. Doch steht dahinter nicht die gleiche Ignoranz, der Unwille, größere Zusammenhänge zu erkennen, wie die des Yachtbesitzers, der in den Flüchtlingen vor Lampedusa nur paddelschwenkende Loser erkennt? Dieser Refrain gilt für ganz oben wie ganz unten: „Ich lass die ganze Scheiße einfach gar nicht an mich ran. Weil ich kann.“ Dass das kein Spaß ist, vermittelt die Musik dazu.

Im Lauf des Abends kriegen unter anderem Helene Fischer, die AfD, religiöser Fanatismus und Heino ihr Fett weg, aber niemals machen es sich Simon & Jan sich selbst und ihrem Publikum leicht. Die zwei beziehen differenziert Position, die Indifferenz des Mainstreams teilen sie nicht. Im Gegenteil. Mitdenken ist gefragt und, was fast noch wichtiger ist: Mitfühlen. Und Mitsingen!

„Krawall und Remmidemmi“

Bei Leonard Cohens „Halleluja“, das völlig ironiefrei vorgetragen wird und ohne das hohle Pathos, mit dem das Lied in Castingshows gerne trivialisiert wird, übernehmen die Altdorfer Gäste den verlängerten Schlussrefrain. So ergreifend würde man das gerne mal in der Kirche erleben.

Ähnliches geschieht in der Zugabe, bei dem Deichkind-Cover „Krawall und Remmidemmi“. Da fordern Simon & Jan auf, richtig Krawall zu machen, „den Laden auseinanderzunehmen“. Natürlich passiert nichts dergleichen. Bei ihnen klingt das Lied eben nicht wie Krawall und Remmidemmi, sondern nach Einsamkeit und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Und im Grunde dreht sich der Song ja genau darum. In einer seltenen Mischung aus Belustigung und Ergriffenheit singt das ganze Brauhaus zur zärtlichen Melodie „Yippie Yippie Yeah, Yippie Yeah, Krawall und Remmidemmi“. Das kann nicht weg. Das ist Kunst.

Tatsächlich kreist das aktuelle Programm oft um die Frage, woran man heute als erwachsener Mensch überhaupt noch glauben kann, aber auch darum, woran man glauben sollte – und woran nicht. Simon versichert backstage, dass das keine Absicht war. So hätten sich eben die Lieder ergeben. Das ist gut so, denn genauso organisch, wie dieses Programm entstand, entfaltet es sich auf der Bühne. Ob nun Musikkabarett oder Liedermacher: Simon & Jan bescherten ihrem Publikum einen großartigen Abend.

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