Richard Stücklen wäre heute 100 geworden

Böllerschüsse im Regierungsviertel

Charakterköpfe im wahrsten Sinne des Wortes: Richard Stücklen und Altdorfs 2. Bürgermeister und Altbürgermeister im Festspiel, Erich Stoll, beim Besuch des Festspiel-Schirmherrn 1988 in Bonn. Archivfoto: Märtl2016/08/Stuecklein.jpg

ALTDORF – Richard Stücklen, langjähriger Abgeordneter des Bundeswahlkreises Roth, Postminister, langjähriger Bundestagspräsident und Bundestagsvizepräsident, wäre am 20. August 100 Jahre alt geworden. Unvergessen ist die Schirmherrschaft der Wallensteinfestspiele 1988, die er damals als Bundestagsvizepräsident übernommen hatte. In die Annalen eingegangen vor allem ist die Fahrt der Wallensteiner auf Einladung von Richard  Stücklen nach Bonn.

„Böllerkrach macht Bonns Beamte wach“, lautete damals die Schlagzeile, als der Bote über diese Fahrt berichtete.

„Ein würdiger Schirmherr, darüber ist sich die Delegation einig: Einladung nach Bonn, Auftritt vor einer großen Schar von Medienvertretern und die Gewißheit, dass man nicht nur einen Schirmherrn auf dem Papier hat, wie es vor drei Jahren der Fall war. Trotz aller Sportbegeisterung ist es für ihn eine Ehrenpflicht, die Festspiele am Sonntag zu eröffnen.EM-Spiel am Samstag in München – selbstverständlich, Flug am Sonntagmorgen nach Bonn, Auftritt im Presseclub und dann ab mit dem Hubschrauber nach Altdorf. Die Protokollbeamten werden ganz schön schwitzen – so wie die Sicherheitskräfte am Montag.

„Was, wer hat das Böllerschießen verboten?“ Der Vizepräsident ist entrüstet, dass man ausgerechnet ihm, dem Schirmherrn, diese Ehrenzeremonie vorenthalten will. Vor ihm müssen selbst die Sicherheitskräfte passen. „Jetzt machen wir einen Saukrach, jetzt wird geschossen“, heißt die Devise. Ein ohrenbetäubender Krach macht auch dem letzten Beamten klar: Mittag ist‘s. Vergnügt genießt Richard Stücklen die Abwechslung.“

In der Tat war nach dem Knall im Regierungsviertel helle Aufregung, die sich aber schnell legte, als bekannt wurde, wer den Schuss abgefeuert hatte.

So lautet der Auszug aus dem Bericht des Chronisten im Boten.
Und Stücklen kam wie versprochen zur Eröffnung der Festspiele.
„Neuer Job für den Schirmherrn“, berichtete damals der Bote, denn Festspielvereinsvorstand Dr. Heinrich Bergmann bot Stücklen für die Zeit im Ruhestand die Rolle des Böllerschützen an. Dazu kam es zwar nie, aber der Böllerknall im Bonner Regierungsviertel hallte noch lange nach.

Beachtliche Karriere

Der gebürtige Heidecker Richard Stücklen hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine beachtliche politische Karriere hinter sich und hatte  maßgeblichen Anteil am Aufbau der bundesdeutschen Demokratie nach 1945.

Als Sohn eines Heidecker Handwerkers – und Bürgermeisters – studierte der junge Richard Stücklen vor und während des Weltkriegs Ingenieurswissenschaften. Nach Kriegsdienst, Studienabschluss als Elektroingenieur und Wirken als Abteilungsleiter bei AEG kehrte er 1945 in den elterlichen Betrieb nach Heideck zurück. 1945 zählte der 28-Jährige zu den Gründungsmitgliedern der CSU und Jungen Union in Bayern.
Von 1949 bis 1976 vertrat Stücklen die Wahlkreise Weißenburg und Roth im Deutschen Bundestag; von 1976 bis 1990 den Wahlkreis Roth, zu dem auch das Nürnberger Land gehört.

Mit 41 Jahren Parlamentserfahrung gehörte Stücklen zu den „parlamentarischen Urgesteinen“ der Republik. Einzig Wolfgang Schäuble bringt es bis heute auf mehr Jahre im Bundestag.

Dass sich Herausforderungen und Ziele während dieser Zeit veränderten, zeigen alte Interviews mit dem Handwerkspolitiker. Wenn der bodenständige fränkische Politiker davon berichtete, dass ihm während einer Nachtzugfahrt zur ersten Sitzung des Bundestages 1949 die Schuhe geklaut wurden und er in Strümpfen durch Bonn zog, um sich Ersatz zu organisieren, ist dies auch sinnbildlich für die ersten Jahre parlamentarischer Arbeit in Westdeutschland. Es ging noch immer verstärkt darum, die Bedürfnisse der Menschen zu decken und Strukturen aufzubauen.

Als stellvertretender Vorsitzender der CSU-Landesgruppe von 1953 bis 1957 und Bundesminister für Post- und Fernmeldewesen von 1957 bis 1966 hatte Stücklen maßgeblichen Anteil daran. Während etwa der junge CSU-Parteivorstands-Kollege Franz Josef Strauß zu dieser Zeit für Marktwirtschaft und Westanbindung stritt, verdiente sich Stücklen seine politischen Meriten als „Vater der Handwerksordnung“ und Erfinder der Postleitzahlen und des Telefonselbstwählbetriebs.

Zwar brachte sich der überzeugte Katholik auch in die „großen Debatten“ ein und warnte wiederholt vor den Gefahren des Kommunismus. Die Basis für seine Popularität in der Heimat – seit 1976 immer knapp 60 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Roth – legte Stücklen jedoch mit einer bürgernahen Politik, die nach dem Notwendigen und Machbaren fragte.

So forderte der Ehrenbürger der Städte Weißenburg, Heideck und Gunzenhausen, dass es einem Politiker möglich sein müsse, wenigstens einmal im Monat ein Wochenende zu Hause mit der Familie zu verbringen. Doch nicht nur seine Frau und seine beiden Kinder waren dem bekennenden Liebhaber fränkischer Küche wertvoll. Im Wahlkreis war Stücklen als leidenschaftlicher Skat- und Schafkopfspieler ebenso bekannt wie als Förderer des lokalen Sports. Noch heute findet man, etwa in den Fluren des Meckenhauser Sportheims, Bilder diverser Spiele um den „Richard-Stücklen-Pokal“. Bilder eines kickenden Ex-Ministers 1970 in Mexiko zeugen von einer Authentizität und „Inszenierungsfreiheit“, wie sie auf der heutigen „Polit-Bühne“ kaum mehr möglich sind.

Vor allem diese unaufgeregte Bodenständigkeit und sein Humor ermöglichten es Stücklen in aufgeladenen parlamentarischen Debatten, Konflikte zu lösen und mit Humor zu glänzen. So begab sich der Postminister, quasi als Vorläufer dessen, was wir heute als Testkäufer kennen, in Postfilialen, um den Service seiner Beamten am eigenen Leib zu evaluieren, oder beschenkte Kollegen, deren Kleidungsstil er für mit der Würde des Parlaments nicht vereinbar hielt, schmunzelnd mit Krawatten. Nachdem der Träger des Europäischen Karlspreises der Sudetendeutschen Landsmannschaft mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und der friedlichen Revolution im Osten die Erfüllung seines „politischen Herzenswerkes“ (Stücklen) noch erleben durfte, verstarb er 2002 in Weißenburg.

Stücklen wirkte über die Parteigrenzen hinweg nachhaltig. „Richard Stücklen“, so sein langjähriger Weggefährte, der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, „gehört zu jenen Besten aus allen politischen Parteien, die unsere Demokratie aufgebaut und gefestigt haben. Wir werden […] uns immer wieder aufs Neue jener Werte vergewissern, die ihm wichtig waren, die er uns als Politiker, als Parlamentarier, als Mensch vorgelebt hat.“

N-Land Lorenz Märtl
Lorenz Märtl