Reise-Tagebuch von Heiko Meyer: Mit dem Fahrrad 1 500 km durch Tschechien

Auf der Suche nach böhmischer Bier-Kultur

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ALTDORF – Vor zwei Jahren feierte man in Bayern den 500. Geburtstag des Reinheitsgebots – ein Jubiläum, das Anlass für vielerlei Aktionen und Publikationen war. Und so fragte sich auch der Reisebuch-Autor Heiko Meyer aus Altdorf: „Gibt es einen schöneren Anlass als dieses Jubiläum, dem Erfolg des göttlichen Getränks auf die Spur zu gehen?“ In seinem zu Beginn des Monats erschienenen Buch „Böhmen, Bier und Blasmusik“ tut er genau das und verbindet damit zwei seiner Leidenschaften – die für das Reisen, speziell das Radwandern, und die für den Gerstensaft.

Da er sich im Zuge einer größeren Radtour durch Tschechien auf Recherche begibt, stellt der Wahlfranke gleich zu Beginn seines Reisetagebuchs im Prolog die frevlerische Frage, ob es tatsächlich Bayern ist, wo es das beste Bier gibt – wird doch im kleinen Nachbarland Tschechien noch deutlich mehr Bier getrunken als hierzulande. Das Ziel seines sechzehntägigen Unterfangens war es, möglichst viele Braustätten zu besuchen, aber auch die allgemeine böhmische Gemütlichkeit mit Land und Leuten sowie kulturelle und architektonische Attraktionen kennenzulernen.

Auf Flexibilität gesetzt

Um interessanten Begegnungen gegenüber offen zu sein, hat er die Radl-Route ziemlich offen gestaltet, keine Unterkünfte gebucht, sich keine festen Etappen vorgenommen, damit er flexibel auf Begebenheiten und Erlebnisse vor Ort reagieren kann.

Sein in 16 Kapitel aufgeteilter Reisebericht ist je nachdem wie man es sieht, weniger oder mehr als ein Reiseführer. Weniger, weil sich der Autor explizit für die subjektive Darstellung seiner Tour entschieden hat, wie schon in seinen früheren Reisetagebüchern. Dies hat natürlich die erklärte Unvollständigkeit zur Folge, den Anspruch einer Gesamtschau erhebt Heiko Meyer aber ja auch zu keiner Zeit. Mehr als ein Führer ist sein Buch aber insofern, als dass es ganz viele persönliche Eindrücke und assoziative Einschübe enthält, die in einem herkömmlichen Reiseführer nichts verloren haben, seinen Bericht aber zu einer gut lesbaren runden Sache machen. Was das 235-seitige Werk mit Karte, selbst geschossenen Fotos und natürlich einer Liste der örtlichen Brauereien plus Sinnsprüchen so lesenswert und unterhaltsam macht, ist eben genau, dass der 58-Jährige nicht auf kleine gedankliche Exkursionen, Rückblicke oder auch persönliche Pannen verzichtet, wenn er etwa beschreibt, dass er bereits vor dem Start den Schlüssel für sein Fahrradschloss nicht mehr findet oder dass er vergisst, die Weckfunktion am Handy neu einzustellen und so zur Unzeit geweckt wird.

Seine subjektiven Empfindungen sind gut nachvollziehbar, die Naturbeobachtungen schmücken die Wegetappen aus und verraten zudem, dass der Radwanderer einiges von Flora und Fauna versteht, aber auch über ein umfassendes geschichtliches und geografisches Hintergrundwissen verfügt. Der Schreibstil ist federleicht, manchmal vielleicht etwas flapsig oder zu weitschweifend, aber es handelt sich ja auch nicht um ein wissenschaftliches Werk, und ein paar Episoden, die mit einem Augenzwinkern geschrieben wurden, ein paar philosophische Abschweifungen lockern die einzelnen Kapitel, die den Abschnitten seiner Radreise entsprechen, ordentlich auf. So nimmt er schon zu Beginn die Oberpfälzer Mundart aufs Korn: „Man benötigt in der Oberpfalz eigentlich einen Simultandolmetscher. Es handelt sich um eine Geheimsprache der Eingeborenen, vermute ich.“ Aber auch mit den Tschechen geht er nicht so hundertprozentig politisch korrekt um, wenn er schreibt: „Irgendwie kann ich mich bereits jetzt schon des Gefühls nicht erwehren, dass es für manche Tschechen eine Art Volkssport ist, die Touristen, vornehmlich Deutsche, zu verschaukeln.“ Sein lockerer Stil driftet manchmal allerdings zu sehr ins Umgangssprachliche ab, wobei es zu unnötigen Wiederholungen kommt, was dem Ganzen dann doch so manche Länge verleiht. Das sechste Kapitel endet: „auf jeden Fall schlafe ich tief und fest wie in meinem Wasserbett daheim. Ich habe keine Ahnung, wer das Licht gelöscht hat.“ Das siebte Kapitel beginnt: „Ich habe hervorragend geschlafen, wie zu Hause im Wasserbett.“

Ab und zu schleicht sich auch einmal ein gröberer Schnitzer ein, wenn der Autor die Sonne als Planeten bezeichnet, doch dann freut man sich gleich wieder über schöne Bilder in seinen Beschreibungen: „Zwei Flieger malen mit ihren Kondensstreifen Fernweh an das Himmelsdach.“

Bereits zu Beginn seiner Reise, in der er sich an Flusstälern orientiert, um kraftraubende Steigungen zu vermeiden, erklärt er – noch in der Oberpfalz unterwegs – wichtige bierbezogene Begriffe wie das Zoigl-Bier oder die Kommunbrauerei. Später erfährt man dann von der Anekdote um die Entstehung des Radlers (Getränk!), dass die Tschechen kein Weizenbier brauen und warum das Lagerbier Lagerbier heißt. Selbstverständlich fehlt es auch nicht an ganz praktischen Tipps für Nachahmungstäter, in erster Linie, was die Routen und die Beschaffenheit der Straßen und Radwanderwege angeht, aber auch die Unterkünfte und Verpflegungsmöglichkeiten. Und natürlich wird immer wieder, auch bei kleinen informativen Einschüben ein Bezug zu vorhandenen Braustätten und deren Produkten hergestellt, die der Reisende ganz offensichtlich ausgiebig testete auf seiner Tour.

Aber auch die Strapazen werden nicht beschönigt. So sehr wie er von den fantastischen Ausblicken bei den Abstechern in die Nationalparks schwärmt, so drastisch schildert er andererseits gerade diese beschwerlichen Abschnitte, bei denen er oft in großer Hitze viele Höhenmeter überwinden und sich darum kümmern muss, dass er seinem geschundenen Körper genügend Kohlenhydrate und Flüssigkeit zuführt. Und neben all den lustigen und bezaubernden Momenten in den malerischen Städten, Städtchen und Dörfern gibt er auch seiner Erschütterung viel Raum, als er das Konzentrationslager Theresienstadt auf seiner Fahrt besichtigt.

Bier- und Brau-Legenden

Immer wieder streut er nette Geschichten ein, legendengleich über die angeblich älteste Brauerei der Welt oder den ältesten Biertrinker von Saaz, den man in Bronze verewigt hat, klärt nebenbei, wo der Begriff „böhmische Dörfer“ herkommt und freut sich über die Renaissance tschechischer Kleinbrauereien. Ein wenig enttäuschend seine Abhandlung über Prag, das er in erster Linie als Moloch und Touristen-Nepp-Stadt charakterisiert. Doch was seine Mission, sich über tschechische Bierlokale und -sorten schlau zu machen, angeht, kommt er hier ein gutes Stück voran: Eine ganze Typologie von Kneipen lässt sich im Dunstkreis der Weltstadt erstellen. Und das war ja der Zweck der 1 500 Kilometer langen Radl-Tour.

Bierliebhaber, Tschechien-Fans und Freunde der gepflegten Unterhaltungsliteratur sind mit diesem Reisetagebuch gut bedient.

Am Samstag, 17. März, liest der Autor ab 19 Uhr im Rahmen der Buchmesse im Café Geschmacksrebellen in Leipzig. Außerdem wird er das Buch auf der Messe während der Veranstaltung „Leipzig liest“ am Sonntag, 18. März, vorstellen.

Heiko Meyer, Böhmen, Bier und Blasmusik, Magdeburg, traveldiary Verlag, 2018.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler