Achim Hofmann über Unterstützte Kommunikation

„Alle sollen sich beteiligen können“

So kann Unterstützte Kommunikation funktionieren: Xaver Seidel kommuniziert mit seiner Lehrerin Martina Langer-Bader mit Hilfe eines Touchpads und Bildkarten. | Foto: Malik2018/01/Rummelsberg-UK-Interview_Xaver-und-Lehrerin_Simon-Malik_klein.jpg

ALTDORF – Am Mittwoch, 31. Januar, eröffnet die Rummelsberger Diakonie die ELECOK-Spielothek im Wichernhaus für alle Klassen und Wohngruppen. Dort können Kinder und Jugendliche mit Hilfe Unterstützter Kommunikation (UK) gemeinsam Computer- und Gesellschaftsspiele spielen oder sich ein Spiel für die Gruppe oder Klasse ausleihen. Achim Hofmann (45), Konrektor der sonderpädagogischen Berufsschule am Förderzentrum für Körperbehinderte im Wichernhaus und Leiter der ELECOK-Beratungsstelle für elektronische Kommunikationshilfen in Altdorf, erklärt, was Unterstützte Kommunikation kann und wo die Grenzen sind.

Herr Hofmann, was ist eigentlich Unterstützte Kommunikation?
Achim Hofmann: Kinder und Erwachsene, die sich nicht oder nur sehr schwer verständigen können, nutzen alternative Kommunikationsformen, Hilfsmittel und Techniken, um sich mitzuteilen. Zur sogenannten Unterstützten Kommunikation zählen Gesten, Blicke oder Körperhaltungen. Daneben kommen konkrete Objekte oder Bücher mit Fotos oder Bildsymbolen, auch Bild- und Wortkarten sowie Kommunikationstafeln zum Einsatz. Und natürlich gibt es auch elektronische Kommunikationshilfen, zum Beispiel Tablets, die als „Talker“, also als Computer mit Sprachausgabe, eingesetzt werden.

Wie lernt man Unterstützte Kommunikation?
Hofmann: Das gelingt über das sogenannte Modelling. Auch Kinder, die das Prinzip der Kommunikation verstanden haben, müssen erst lernen, in der Sprache zu sprechen, die sie selbst nutzen können. Das gelingt uns in der Schule, indem wir mit den Schülern über UK kommunizieren. Wir versprachlichen das Verhalten der Kinder und Jugendlichen mit UK und zeigen auf entsprechende Bilder, Symbole oder Lesekarten. Und wir nutzen auch für unsere eigenen Gedanken, Bedürfnisse und Äußerungen die Hilfsmittel der Schüler. Dadurch lernen die Schüler, durch Nachahmung mit UK zu kommunizieren.

Achim Hofmann, Sonderschulkonrektor der berufsvorbereitenden Schule des Förderzentrums für Körperbehinderte der Rummelsberger Diakonie in Altdorf, leitet die ELECOK-Beratungsstelle für elektronische Kommunikationshilfen in Altdorf. | Foto: Malik2018/01/Rummelsberg-UK-Interview_Achim-Hofmann_Simon-Malik_klein.jpg

 

Und können dann am Unterricht teilnehmen?
Hofmann: Unsere Schüler können sich dank Unterstützter Kommunikation aktiv am Unterricht beteiligen und auch, je nach Beschulung, einen Schulabschluss machen. Unser Ziel ist es, allen jungen Leuten die Möglichkeit zu geben, unabhängige Entscheidungen zu treffen, um ihren Werdegang selbstständig zu beeinflussen. Wir wollen Chancengleichheit bieten. Und das ermöglicht UK. Menschen mit einer Sprachbeeinträchtigung können sich so mitteilen und ein Leben in Würde und gesellschaftlicher Teilhabe führen.

Wo sind die Grenzen von Unterstützter Kommunikation?
Hofmann: Die Nutzer brauchen zunächst ein Körperteil, mit dem sie Hilfsmittel steuern können. Seien es Hände, Knie, Füße, Kopf oder Augen. Die Augensteuerung ist meist der letzte Weg, da sie sehr anstrengend ist. Nach zehn Minuten lässt die Konzentration der Augen nach und die Betroffenen brauchen eine Pause. So ist der Zeitfaktor das größte Hindernis für gelungene UK. In Schule und Arbeit bekommen UK-Nutzer meist nicht die Zeit, die sie bräuchten, um die gewünschte Leistung zu erbringen – obgleich sie kognitiv dazu in der Lage wären. Spielt Zeit keine Rolle, kann sich jeder Mensch über UK mitteilen. Was wir brauchen, sind empathische Gegenüber.

Dafür braucht es auch individuelle Settings. Wie erarbeiten Sie diese?
Hofmann: Bei Schülern besuchen wir deren Unterricht, bei kleineren Kindern den Kindergarten oder die schulvorbereitende Einrichtung. Wir begleiten die Kinder im Schul- oder Kindergartenalltag, sprechen mit Lehrern, Erziehern und Mitschülern. So bekommen wir ein erstes Gefühl für das Kind und sein Können. Im Anschluss folgt das Elterngespräch, wir geben Empfehlungen und entscheiden gemeinsam mit Eltern und Schule, welche Hilfsmittel benötigt werden und was machbar ist.

Und wer bezahlt die meist teuren Geräte?
Hofmann: Die Kosten tragen meist die Krankenkassen. Wenn wir ein Setting zusammengestellt haben, wird eine Stellungnahme für die Krankenkasse erstellt. Manchmal gibt es dann direkt eine Bewilligung. Meist kommt es jedoch erst einmal zu einer Ablehnung und die Eltern müssen Widerspruch einlegen, manchmal sogar eine Klage beim Sozialgericht einreichen. Bisher sind alle Geräte letztlich bewilligt und finanziert worden.

Wo steht die Rummelsberger Diakonie beim Thema UK?
Hofmann: Die Rummelsberger Diakonie hat bereits vor mehr als 30 Jahren die Beratungsstelle ELECOK eröffnet. Der damalige Leiter, Gerhard Hornicek, war einer der Wegbereiter für Unterstützte Kommunikation in Bayern und damit auch für das Förderzentrum der Rummelsberger Diakonie in Altdorf. Unser interdisziplinäres UK-Team ist das größte in Bayern (siehe unten, Anm.d.R.). Wir besprechen wöchentlich aktuelle Fälle oder planen Fortbildungen und Veranstaltungen. Am 31. Januar eröffnen wir unsere ELECOK-Spielothek im Wichernhaus. Die Kinder und Jugendlichen können sich unsere Spiele ansehen oder auch direkt losspielen – je nach Lust und Laune. Außerdem gibt es 2018 wieder einen Fachtag: Am 27. April laden wir Lehrkräfte, Mitarbeitende, Eltern und Interessierte zum Fachtag „Unterstützte Kommunikation – ganz konkret!“ ins Wichernhaus ein.

Interview: Stefanie Dörr

Unterstützte Kommunikation (UK) in der Rummelsberger Diakonie:
1986 wurde im Förderzentrum für Menschen mit körperlicher Behinderung im Wichernhaus in Altdorf die Beratungsstelle ELECOK für elektronische Kommunikationshilfen gegründet. Seit 2008 gibt es außerdem ein interdisziplinäres UK-Team am Wichernhaus. Es besteht aus sieben Lehrkräften und Therapeuten. Das Team trifft sich einmal in der Woche, um aktuelle Fälle zu besprechen, Fortbildungen zu planen, Informationen auszutauschen und die UK-Strukturen in der Einrichtung weiter zu entwickeln.

Seit 2015 ist Unterstützte Kommunikation fester Bestandteil des Schulkonzepts im Wichernhaus. Das heißt, jeder Schüler, der sich lautsprachlich schwer oder nicht mitteilen kann, kann im Unterricht, bei den Hausaufgaben und in der Freizeit auf entsprechende Hilfsmittel zurückgreifen.

Alle pädagogischen Kräfte müssen seither eine Einweisungsveranstaltung zum Thema UK besuchen sowie regelmäßige Fortbildungen durch interne und externe Referenten. Zusätzlich gibt es seit 2016 das Beratungsangebot „UK 18Plus“ für alle Einrichtungen der Rummelsberger Diakonie, die erwachsene Menschen betreuen oder beschäftigen. Das Angebot ist mit der ELECOK-Beratungsstelle vernetzt.

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