Laufer Literaturtage: Eva Mattes

Abend der besonderen Frauen

Eva Mattes überzeugte bei den Laufer Literaturtagen: Als Vorleserin und als interessante Erzählerin. | Foto: Stadtbücherei Lauf2017/11/Eva-MattescStadtbucherei-Lauf_4731.jpg

LAUF — Eva Mattes ist vieles – Schauspielerin von großem Können seit ganz jungen Jahren, auf der Bühne, vor der Kamera, sie leiht bekannten Filmfiguren ihre Stimme und nimmt Hörbücher auf, singt. Und sie liest gerne vor Publikum. Wie am Freitagabend in der proppenvollen Bertleinaula in Lauf.

Ja, dieser Lila, die eigentlich Lina und ganz korrekt Raffaella Cerullo heißt, fühlt sich Eva Mattes verbunden, bekennt sie. Mehr verbunden jedenfalls als Elena (Creco), Lilas Freundin seit Kindertagen, die so ganz anders ist und sein darf als sie, beflissen, fleißig und später dann, weg von der Heimat Neapel, als Schriftstellerin Anerkennung findet. Als Lila aber, die immer in Neapel geblieben war, plötzlich, mit 66 Jahren,verschwindet, schreibt Elena ihre gemeinsame und doch trennende Geschichte auf. Um die Antwort auf die Frage zu finden – wo zum Teufel ist Lila?

Eine „Neapolitanische Saga“

Lila und Elena sind die Hauptprotagonistinnen einer auf vier Bände angelegten „Neapolitanischen Saga“ der Anonyma Elena Ferrante, aus deren dritten Teil Eva Mattes bei den Laufer Literaturtagen liest.

„Die Geschichte der getrennten Wege“, lautet der Titel, und wie der vierte Band, der im kommenden Jahr erscheint, heißen wird, ist auch schon klar: „Die Geschichte des verlorenen Kindes.“

Das verheißt einiges, doch noch bewegt sich die Saga in den 1970er Jahren, als Lila Mann, Ehe und Wohlstand hinter sich gelassen hat, alleinerziehend ist und in einer Wurstfabrik arbeitet, wo widerwärtige Machomänner glauben, das Sagen zu haben. Es sind ekelhafte Umstände, in jeder Hinsicht, die Lila mit Stolz, Arroganz und teils gespielter Stärke bewältigt, und Eva Mattes Gabe ist es, ihre sanfte, stabile, seit Jahrzehnten geschulte Stimme so einzusetzen, dass sie in den zitierenden Passagen, etwa, wenn sich Lila gegen männliche Aufdringlichkeiten zur Wehr setzt, deutlich wird, aber nicht künstlich übertreibt, und in den erzählenden Passagen die Worte der Autorin wirken lässt und sich selbst als Vorleserin zurücknimmt.

Aufwühlende Dialoge

Der Verlag, lässt Eva Mattes wissen, suche aus, was sie vorlese, und die Wahl fiel auf eine Passage, in der die Frustrationen des Wurstfabrikalltags im Vordergrund stehen, die aber mit einem die Vergangenheit aufwühlenden Dialog mit einer Lehrerin aus Kindertagen endet.

„Ihr Lehrer gebt so viel aufs Lernen, weil ihr damit euer Brot verdient, aber Lernen nützt gar nichts, es macht einen auch nicht zu einem besseren Menschen, nein, es macht einen sogar schlechter“. – „Ist Elena denn jetzt ein schlechterer Mensch?“ – „Nein, sie nicht.“ – „Wieso denn nicht?“ – Lila setzte ihrem Sohn die Wollmütze auf: „Als wir klein waren, haben wir einen Pakt geschlossen. Die Böse bin ich.“

Pause, das Publikum klatscht, amüsiert-nachdenklich. Eva Mattes wird später erzählen, dass sie sich in Elena Ferrantes neapolitanisches Sittengemälde hineinversetzen könne. Aufgewachsen am Rande Münchens, Tochter einer alleinerziehenden Schauspielerin, die offenbar großes Vertrauen in das Potenzial ihrer Tochter hatte und sie schon in ganz jungen Jahren machen ließ. Mit zwölf Jahren stand sie erstmals auf der Bühne, mit 15 bekam sie die weibliche Hauptrolle in „o.k.“, einem brutalen Anti-Kriegsfilm mit ihr als Vergewaltigungsopfer, der die Berlinale 1970 fast gesprengt hätte.

Heißes Bad bei Senta Berger

Gedreht von Michael Verhoeven, dem Ehemann von Senta Berger. Eva Mattes erzählt zum Vergnügen des Publikums, wie sie in der Villa der beiden Stars ein heißes Bad nehmen durfte, nachdem sie im Film von den Tätern in der eiskalten Isar entsorgt wurde, dass ihr Senta Berger sogar angeboten habe, ihre Schminke im Badezimmer zu benutzen. „o.k.“ wurde zum Treibsatz für ihre Karriere, Bundesfilmpreis als beste Nachwuchsschauspielerin, sie gehörte nun zur Branche, in die sie immer wollte. Obschon sie keine Schule abgeschlossen hatte, weder eine normale noch eine für das Schauspiel. Trotzdem folgten Jahre mit großen Erfolgen, sie arbeitete mit Regisseuren wie Peter Zadek, Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog, Vater der gemeinsamen Tochter Hanna.

Einem ganz breiten Publikum bekannt wird Eva Mattes als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum, 14 Jahre lang, 31 Folgen. Der letzte läuft im Dezember 2016, sie hört auf, selbstbestimmt. Die Drehbücher waren ihr nicht mehr gut genug, sagt sie. Und gibt den Satz zum Besten, den sie und die anderen TV-Kommissare so sehr hassen: „Hatte Ihr Mann Feinde?“ Breites Lachen im Publikum. Und schiebt die Frage nach, auf die es keine Antwort gibt. „Warum wird denn eigentlich nie gefragt: ,Hatte ihre Frau Feinde´?“

Seit 2015 spielt Eva Mattes in der Heimatfilm-Reihe „Lena Lorenz“ die Mutter der Hauptperson. Heimatfilm ist in Ordnung, gibt sie zu verstehen; was bedeutet, dass da mehr geht, klar. Doch mit bald 63 Jahren sei es heute nicht einfach, gute große Filmrollen zu bekommen, bekennt sie offen. „Doch wer weiß, wenn ich richtig alt bin, dann kommt vielleicht was richtig Schönes.“

N-Land Stephan Sohr
Stephan Sohr