Boten-Redakteurin findet im Niemandsland Flagge des 1. FC Nürnberg

Wo im australischen Outback die Club-Fahne weht

Nach 21 Jahren hängt der Aufnäher des 1. FC Nürnberg noch. Zum Beweis das Bild, das Kai Kappes gemacht hat.2014/09/barrow_creek_2.jpg

BARROW CREEK/NÜRNBERG – Im australischen Outbackort Barrow Creek hat der Besitzer der einzigen Bar und Tankstelle ein Herz für Clubberer. Auch wenn er selbst eingefleischter Fan des FC Bayern München ist, prangt dort das Wappen des FCN. Eine Kollegin hat es auf ihrer Weltreise entdeckt – und wir den, der es dort vor über 20 Jahren aufgehängt hat.

Kennen Sie Barrow Creek, die Hochburg der fränkischen Fußballleidenschaft im australischen Outback, zu der jeder wahre Clubberer einmal in seinem Leben hinpilgern sollte? Nein? Verwunderlich. Schließlich handelt es sich hier um ein Örtchen, in dem die Fangemeinschaft, statistisch gesehen, rekordverdächtig ist: Auf weniger als zwölf Einwohner kommt ein FCN-Wimpel.

Woher ich das so genau weiß? Ich war selbst dort. Investigativer Journalismus sozusagen. Sich selbst ein Bild machen, um darüber zu schreiben – und wenn ich mich dafür in die sengende Hitze der roten Wüste des Fünften Kontinents begeben muss.

Barrow Creek ist leicht zu finden. Einfach von Darwin aus dem Highway 87 in Richtung Süden folgen. Nach etwa 1300 Kilometern und damit 280 Kilometer vor Alice Springs sind Sie bereits am Ziel. Der Ort besteht, genau genommen, aus einer Tankstelle, die zugleich als Bar, Supermarkt, Telefonzelle und Schaltzentrale für den Klatsch und Tratsch im Busch fungiert. Die gesamten Räumlichkeiten sind mit viel Liebe zum Detail eingerichtet.

Autokennzeichen, Postkarten, Schilder, Bierdeckel, Fotos, Zeitungsartikel, Pokale, Sprüche und Bilder zieren die Wände. Einfach gemütlich. Die ein oder andere Feier sei hier schon gestiegen, versichert der Mann hinter der Bar.

„From Nuremberg“

Eigentlich jeder, der das Land von Nord nach Süd oder umgekehrt durchquert, macht hier Rast. Schließlich verfügt Barrow Creek über die einzige Benzinquelle weit und breit. Und mit leerem Tank durch das Outback, darauf verzichten die meisten gern.

Wie so ziemlich alle Australier, ist auch der Besitzer der Tankstelle/Bar gern für ein Pläuschchen zu haben. Er will wissen, wo meine Freundin und ich herkommen. Ich antworte „Aus der Nähe von München“. Dank des Fußballvereins eine bekannte Stadt in Down Under. Wer kann schon ahnen, dass der Herr die Noris kennt?

Er antwortet mit einem tiefen Lachen. „Well“, er sei Fan von Bayern München, die spielten einfach „great“ Fußball. Aber trotz seiner Leidenschaft habe ihm ein Reisender den Wimpel der benachbarten Stadt, und damit einer gegnerischen Mannschaft, an die Wand gehängt. „From Nuremberg“, sagt er und deutet an einen Flecken der komplett voll gepflasterten Wand. Und tatsächlich, da hängt das Wappen des 1. FCN – die Farben schon ein wenig vergilbt, sieht es aus wie aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Woher das wohl stammt…

Kennen Sie Barrow Creek? Natürlich nicht, wie sollten Sie es auch kennen. Schließlich liegt Barrow Creek am anderen Ende der Welt, in Australien. Und auch da nicht sonderlich prominent. Sondern im Outback, im Niemandsland, irgendwo zwischen Sand, ein paar fast ausgedörrten Bäumen — und noch mehr Sand.

Stefan Schmidt aber kennt Barrow Creek, sehr gut sogar. Und das nicht, weil Schmidt Geografie studiert hat. Eigentlich ist er Betriebswirt und arbeitet für die N-Ergie. Nein, Schmidt war ganz einfach schon einmal dort.

Zwei Jahrzehnte ist das her. Im Mai 1993 ist Schmidt, damals 23 Jahre alt, auf Weltreise mit einem Kumpel. Mit dem VW-Bus tourt er auf seinem Weg auch durch Australien, nicht ahnend, dass sie in Barrow Creek landen.

Dabei ist das Örtchen immerhin so wichtig, dass es heute bei Wikipedia einen eigenen Eintrag hat. 1871 wurde Barrow Creek als Telegrafenstation aus der Taufe gehoben, ist dort zu lesen. Und: Im Jahr 2009 zählte der Ort ganze elf Einwohner.

16 Jahre zuvor sind es kaum mehr. Trotzdem bleibt Schmidt das Örtchen gut im Gedächtnis. „Als Inbegriff des Outbacks“, sagt er heute. Aber auch aufgrund der Ereignisse, die er in nur einer Nacht erlebt hat — in der er im Pub mit zig Einheimischen ins Gespräch kam.

Schlange auf dem Kopf

Einer, ein Barrow-Creekianer, möchte Schmidt beeindrucken und bestellt kurzerhand seinen Nachbarn in den Pub. „Nur dass der 70 Kilometer entfernt wohnte.“ In Australien kein Hindernis, da „im Outback, vor allem nachts, kein Geschwindigkeitslimit gilt“. Wenig später ist der Nachbar angekommen, im Gepäck eine meterlange Schlange, „die er uns dann fröhlich auf die Hüte gesetzt hat und die wir unbedingt anfassen mussten“.

Was Stefan Schmidt aber weniger stört als die Schlange, ist ein Wimpel des FC Bayern München. Hier, 14.000 Kilometer fern der Heimat, springt ausgerechnet so etwas dem Clubfan ins Auge. Bleibt nur eines: Auf einer FCN-Fahne, die Schmidt als Unterlage für den Strand mithat, entfernt er einen Aufnäher, wie er sonst auf Jacken genäht wird – und hängt ihn auf.

Und entdeckt ihn 21 Jahre später in der Zeitung auf einem Bild wieder, das Boten-Redakteurin Kai Kappes auf Weltreise zeigt. „Was für ein unglaublicher Zufall“, sagt Schmidt heute. Und ist stolz, dass das Stück Fahne noch immer hängt. Groß sollte sie sein, größer als der Bayern-Wimpel – nur ist der, tatsächlich, auf dem Foto gar nicht mehr zu finden …

N-Land Kai Mirjam Kappes
Kai Mirjam Kappes/Timo Schickler