Evangelischer Pfarrer über die „Ehe für alle“

Wie weit reicht die Liebe?

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FÖRRENBACH – Am Freitag beschloss der Bundestag die „Ehe für alle“. Die gesellschaftliche Diskussion über die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist damit nicht unbedingt beendet, wie auch im Gespräch mit dem promovierten Religionswissenschaftler, Referenten des Evangelischen Forums und Förrenbacher Pfarrer Andreas Reichelt deutlich wird. Der 47-jährige ist verheirateter Familienvater.

Wie geht es Ihnen mit der Entwicklung in Berlin zum Thema „Ehe für alle“?

Alexander Reichelt:
Wenn Sie mich als Kirchenvertreter fragen: Bei uns gibt es ja kein Lehramt wie in der katholischen Kirche, kein festes Dogma. Es gibt eine Diskussion, von der ich Ihnen erzählen kann.

Was denken, fühlen Sie selbst?

Ich nehme wahr, dass es sich keiner zu leicht macht bei dieser Frage. Es ist gut, dass so etwas ohne Fraktionszwang frei entschieden wird.

Und wie steht Ihre Kirche dazu?

Die Diskussion bei uns spiegelt die aktuelle in der Gesellschaft ganz gut wider. Grundlage für die evangelische Kirche ist das biblische Zeugnis: in der Genesis, wo es heißt, „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild als Mann und Frau“ und im Matthäusevangelium, wo Jesus dies bekräftigt und sagt: „darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die beiden werden ein Fleisch sein“. Von daher ist es schwierig, dass es eine wirkliche kirchliche Eheschließung für Homosexuelle geben kann. Das ist noch einmal etwas anderes als eine bürgerliche Ehe. In der Frage nach der homosexuellen Partnerschaft insgesamt gibt es zwei Haltungen, die beide ihre Begründung haben. Die einen sagen, wir richten uns nach den ethischen und kultischen Maßgaben der Bibel, die anderen sind dagegen, diese strikt durchzusetzen, weil es im Kern doch um die Liebe Christi gehe. Martin Luther hat gesagt, der richtige Zugang zur Bibel ist, „was Jesus treibet“. Das ist so zu verstehen, dass sich der kulturelle Rahmen und Bezug wandelt. So wie sich die Stellung der Frau geändert hat. Die Bibel sagt, sie habe in der Gemeinde zu schweigen, das ist zum Glück heute nicht mehr so.

Worauf wird die Diskussion am Ende rauslaufen?

Das Thema Ehe ist schwierig. Was ich sagen kann: Wenn jemand um einen Segen bittet, wenn zwei Menschen liebend miteinander verbunden sind, dann kann ich ihnen das nicht verweigern. Das ist meine persönliche Meinung.

Alexander Reichelt. | Foto: Michael Scholz2017/06/reichelt.jpg

Das ist bisher ja auch möglich. Das heißt, eine Entscheidung für die absolute Gleichstellung in Berlin ändert erst einmal nichts in der Kirche?

Die Diskussion wird sich natürlich auswirken. Aber nicht unmittelbar.

Was ist das Besondere an der Ehe im Vergleich zum Segen oder einer offiziellen Lebenspartnerschaft?

Im Alten und auch im Neuen Testament ist klar die Besonderheit der Verbindung von Mann und Frau formuliert. Dazu kommt eine gewisse Distanz zu homosexuellen Verbindungen. Sie werden sowohl im Buch Leviticus als auch in den Briefen des Paulus klar abgelehnt. Das kann ich heute anders einordnen, aber es bleibt die besondere Verbindung von Mann und Frau.

Wie ist das zu verstehen? Was ist das Geheimnis dahinter?

Spontan würde ich sagen: Das Aufeinander-bezogen-Sein, die gegenseitige Verantwortung ein Leben lang. Das kann in einer homosexuellen Partnerschaft natürlich genauso gelebt werden, sicher auch, wenn darin ein Kind adoptiert wird. Was ich faszinierend finde beim Verlangen nach Gleichstellung ist die damit verbundene Aufwertung der Ehe. Man könnte ja auch sagen: Die Ehe ist das bürgerliche Lebensmodell des 19. Jahrhunderts. Aber offensichtlich steckt da mehr dahinter, auch für Menschen, die mit Religion wenig zu tun haben.

Diese Öffnung weckt bei konservativen Menschen auch Ängste. Wo führt diese Toleranz hin?

Eigentlich ist es doch so, dass eine allgemein bereits anerkannte Lebensform eine traditionelle Form bekommt. Die Öffnung hat ja bereits vorher stattgefunden. Im Prinzip wird eine neue Lebensform in eine konservative und althergebrachte Struktur gebracht.

Sind Sie selbst dafür, dass Ihre Kirche über die Segnung hinaus die „Homo-Ehe“ zulässt?

Ich kann es mir derzeit nicht vorstellen. Wenn ich gefragt würde, würde ich vor dem Hintergrund der Bibelstellen sagen: Wir machen eine Segnung. Wichtig ist, dass die Kirche die Menschen mitnimmt. Wie gesagt, gibt es verschiedene Positionen und alle haben ihre Wertigkeit. Ich bin Pfarrer für alle. Mich verwundert, welches Gewicht dieses Thema bekommt. Es gibt noch viele andere brennende Fragen.

Wie oft sind Sie mit dem Thema Homosexualität im Alltag befasst?

Am Land eher selten. In der Schule kommt es vor, wenn es auf dem Lehrplan steht. Die Schüler sind sehr offen. In der Gemeinde wurde ich zum Beispiel darauf angesprochen, als die Kirche gleichgeschlechtliche Lebenspartner im Pfarrhaus zuließ.

Was wurde da gesagt?

Dass das ja nicht geht …

Und was antworten Sie?

Naja, vorher blieb es halt geheim. Was ist denn jetzt besser? Und: Wie wäre es, wenn es Ihr Sohn wäre?

Auf welcher Grundlage kann Toleranz funktionieren?

Wenn Toleranz bedeutet, dass es mir egal ist, führt das in Belanglosigkeit und Lieblosigkeit. Jesus hat Menschen, die am Rand der Gesellschaft standen, immer wieder hineingeholt. Toleranz ist dann gut, wenn sie auf der Liebe zu den Menschen beruht.

N-Land Michael Scholz
Michael Scholz