„Weißes Rössl“ im DHT: Die Welt ist himmelblau

«Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?». Das geht auch dem schüchternen Klärchen beim Liebesbekenntnis auf dem «original Schafberggipfel» durch den Kopf2009/12/20091206_weissesroessldhtsingspiel_big.jpg

DEHNBERG – Im Weißen Rössl am Wolfgangsee tobt das Leben. Das altehrwürdige Gasthaus ist Schauplatz von Liebe und Streit und Ort skurriler Begegnungen. Jedenfalls in der weltberühmten Operette von Ralph Benatzky. 79 Jahre nach der Uraufführung hatte nun eine Neuinszenierung der Berliner Fassung im Dehnberger Hof Theater Premiere.

Das Künstlerensemble um Benjamin Sahler (Regie) und Christian Auer (musikalische Leitung) präsentiert das Singspiel witzig, flott – und mitnichten verstaubt.

Gespannt wartet das Publikum der ausverkauften Premierenvorstellung, was sich hinter den zunächst verschlossenen Türen des «Heimatmuseums St. Wolfgang» tut. Endlich: Tür auf! Das Weiße Rössl, bekannt aus Bühne, Film und Fernsehen, taucht auf. Und auch gleich eine Gruppe Vergnügungsreisender aus der Jetzt-Zeit. Wie Heuschrecken fallen die schrillen, vom Sightseeing-Stress getriebenen Touristen in der Wirtschaft ein. Kameras, Laptop, Plastiktragetaschen – und jene berüchtigten Tüten, in denen die Wegzehrung für den restlichen Tag verstaut wird – sind Attribute unserer Tage.

Bald schon wird die Atmosphäre nostalgischer im Weißen Rössl zu Dehnberg-St.Wolfgang , zumindest kurzzeitig. Der karierte Anzug, in dem der Berliner Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler im Salzkammergut auftaucht, war in den wilden 20ern topmodern. Schwieriger einzuordnen sind der Trikotagenfabrikant Wilhelm Giesecke, dem die Alpenidylle («Allein schon der Radau der Vögel!») den letzten Nerv kostet, und seine attraktive Tochter Ottilie. Sie würden den Friseursalon 2009 ein wenig anders verlassen, sonst passen sie aber in die Gegenwart. Und das Rössl-Team um Wirtin Josepha Vogelhuber kann man sich ohne weiteres in der heutigen Gastronomie vorstellen. Das Benehmen ihrer Gäste übrigens auch.

Das Lustspiel , das in den 1930er Jahren auch in London, New York und Paris Riesenerfolg hatte – und im nationalsozialistischen Deutschland wegen seiner jüdischen Mitautoren verboten war – hat eine simple Handlung. Fast wie im Bauerntheater. Die sehr unterschiedlichen Menschen, die im Weißen Rössl aufeinander treffen, durchleben Emotionen und Irritationen. Man liebt und streitet sich. Am Ende finden alle zueinander, geschäftlich wie privat.

Heile Welt im Heimattheater – diesen Ruf hatte das Weiße Rössl lange Zeit. Dazu trug nicht zuletzt die populäre Verfilmung aus dem Jahr 1960 mit Waltraud Haas als Wirtin Josepha und Peter Alexander als Oberkellner Leopold bei. Dabei galt Benatzkys Operette ursprünglich als hinreißend ironisches, frivol-freches Werk mit besonderem Klangbild: Die Kombination von alten, bekannten (Pseudo-)Folkloreweisen und neuen Jazz-Klängen der 1920er Jahre machte einen Gutteil des Erfolgs aus.

In den letzten Jahren gab es Rekontruktionsversuche. 1994 erregte die Berliner Kleinkunstbühne «Bar jeder Vernunft» große Aufmerksamkeit mit dem Experiment, die Revueoperette wieder im Geist der doppelbödigen Erotik ihrer Entstehungszeit aufzuführen. Ende 2008 wurde das weltweit gesuchte originale Orchestermaterial in Zagreb gefunden. Ein halbes Jahr später erklang die Uraufführungsfassung in der Staatsoperette Dresden zum ersten Mal wieder im Sound der 30er Jahre.

Die Neuinszenierung im DHT orientiert sich an der «Berliner Fassung». Die Musiker, eine Art Kurorchester, servieren eine muntere Mischung aus Folkloristischem und Jazz. Die Schlager von vorgestern wirken frischer als die Paprikahendl aus der Rössl-Küche – und die sind immerhin erst von gestern. Durch die peppige Aufführung findet auch jüngeres Publikum Gefallen an Stücken wie «Die ganze Welt ist himmelblau», «Mein Liebeslied muss ein Walzer sein», «Was kann der Sigismund dafür» oder «Zuschau’n kann i net».

Das Weiße Rössl – realitätsferner Kitsch im DHT? Nur scheinbar realitätsfern, meint Regisseur Benjamin Sahler. «Das Verrückte an dieser Operette ist, in welcher Offenheit und Distanzlosigkeit die handelnden Personen ihre Gefühle und Emotionen äußern, ihre Neurosen und Probleme ausleben und auch die Seiten von sich zeigen, die man normalerweise vor der Öffentlichkeit zu verbergen sucht.» Ob Kellner oder Kaiser, jeder ist nur ein Mensch.

Menschen zeigen hier Schwächen, die sie für Stärken halten. Und manche Schwäche erweist sich als Stärke. Das Weiße Rössl bietet zweieinhalb Stunden kurzweilige Unterhaltung. Die Nachdenklichkeit kommt hinterher – wenn man sich überlegt, wann und wo es eigentlich spielt.

Thomas Kohl

N-Land Pegnitz-Zeitung
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