VHS-Matinee in Lauf: Auftakt mit Nostalgie

Auch Traditionen leben von Neuerungen: Im Laufer Sparkassensaal, wo viele Jahre adventliche Matineen im Rahmen des Laufer Kammerkonzerts, organisiert von Therese Reichling, stattfanden, gab es jetzt wieder eine Neujahrsmatinee. Interpreten waren das Kammerorchester der Volkshochschule und die Orchestergemeinschaft Hersbruck, seit zwei Jahren unter Leitung von Friedemann Pods verbündet. An der Schwelle zur zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts gab es Musik zur Epoche vor rund 100 Jahren, ergänzt um Rezitationen von zeitgenössischen Texten durch den Wiener Schauspieler Marko Pustisek – eine Hommage an Zeit und Lebensgefühl des «Fin de siècle».

Sehr elegisch eröffnete das Orchester, gewissermaßen die Grundstimmung des Konzerts vorgebend, mit dem «Andantino für Streichorchester» von Georges Bizet (1838-1875). Ein lyrisches Stück, hervorgegangen aus zwölf Miniaturen (Kinderspielen) op. 22, schlichten Stücken für Klavier zu vier Händen. Bizet, der geniale Vorläufer der Epoche jenes «Fin de siècle», Schöpfer der «Carmen», gleichzeitig hervorragender Pianist, hat fünf dieser Stücke als Suite für Streichorchester gesetzt.

Rund 100 Jahre später, etwa Mitte des 20. Jahrhunderts, wurde das folgende Stück, «Divertimento di Danza», geschrieben. Harald Genzmer (1909-2007), der deutsche Komponist mit dem «biblischen» Alter (Bizet waren dagegen nur 37 Jahre vergönnt), schuf eine Suite von höfischen Tanzsätzen in der Tradition großer Meister des Barocks, doch in zeitgemäßem Stil: eher ruhig, doch auch lebhaft bis schnell und «schmissig», wie etwa seine Bearbeitungen altfranzösicher oder englischer Tanzstücke.

Charles Ives (1874-1954) war der musikalische, leider von seinen Zeitgenossen ignorierte Repräsentant der Epoche des ausgehenden 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Nordamerika. Es erklang die Orchesterfassung des von ihm bereits kurz vor der Jahrhundertwende geschriebenen, getragenen «Andante con moto» aus dem Streichquartett Nr. 1 («From the Salvation Army»).

Die nostalgische musikalische Reise endete in England bei Sir Edward W. Elgar (1857–1937). Er gilt als der erste herausragende englische Komponist (Autodidakt) seit dem frühbarocken Henry Purcell und einer der bedeutendsten Vertreter der musikalischen Spätromantik. Auch er ein sehr englischer Komponist mit Bearbeitungen der britischen Nationalhymne sowie dem unvergleichlichen «Pomp and Circumstance March». Mit seiner Serenade e-Moll op.20 klang der musikalische Teil der Matinee so elegisch aus wie er begonnen hatte.

Zwischen den Musikstücken, jeweils vor und nach der Pause gab es Lesungen, wie die Musik nicht minder souverän vorgetragen von Franko Pustisek, Doktor der Tiermedizin und der Philosophie. Er suchte für die Zeit der gesellschaftlichen und literarischen Umbrüche, des «Fin de siècle», passende Texte von Arthur Schnitzler und Oscar Wilde aus.

Figuren waren der zynische, doch auch sich nach Harmonie und Liebe sehnende Anatol von Arthur Schnitzler. Ebenso wie der von der Natur zutiefst verunsicherte und sich in die menschengemachte Kunstwelt flüchtende und das Denken zynisch als gefährlich betrachtende Dandy eines Oscar Wilde.

Beide zeigen eine Zeit auf, die geprägt ist von einem Schwanken zwischen einerseits Aufbruchstimmung und Zukunftseuphorie, andererseits diffuser Zukunftsangst, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss und Weltschmerz, gleichzeitig Leichtlebigkeit (Dandytum), Frivolität und Dekadenz, wonach diese Zeit auch benannt ist. Im lockeren und süffisanten Vortrag Pustiseks waren diese Lebensgefühle gut spürbar gemacht.

Das Publikum im vollen Sparkassensaal war von dieser Art Neujahrsmatinee sehr angetan und bedankte sich mit langem, zugabeförderlichem Applaus. Eine Motivation für Orchestergemeinschaft und die veranstaltende Volkshochschule mit Karl-Heinz Hausdorff zu künftig weiteren Events im heimischen Raum Lauf-Hersbruck.

Hermann Hatzelmann

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren