Interview mit Dr. Kubin

„Von einer Impfung zwischen Tür und Angel halte ich nichts“

Auch auf dem Parkplatz des BRK in Lauf hat eine Sonderimpfaktion stattgefunden. | Foto: BRK2021/08/Mobiles_Impfteam_Brk-crop-scaled.jpg

Manche Sonderimpfaktionen, wie zum Beispiel am vergangenen Samstag am Hüttenbacher Feuerwehrhaus, sind zwar erfolgreich – 51 Dosen, davon 31 Erstimpfungen, haben die Malteser an diesem Tag verabreicht –, doch insgesamt stagnieren die Zahlen. Etwas über die Hälfte der Landkreisbewohner hat sich bisher für eine Impfung gegen das Coronavirus entschieden, recht viel mehr wurden es in den vergangenen Wochen aber nicht. Ob man von einer „Impfmüdigkeit“ sprechen kann und was er von Impfungen im Supermarkt und Co. hält, das beantwortet Dr. Hanspeter Kubin, Leiter des Gesundheitsamt des Nürnberger Lands, im Interview.

Herr Kubin, in der vergangenen Woche wurden zwar 6647 Impfungen im Landkreis durchgeführt, davon waren allerdings nur 1003 Erstimpfungen. Sind die Menschen im Landkreis impfmüde?

Ich sehe es weniger als Impfmüdigkeit, sondern als Pandemiemüdigkeit. Man muss Händewaschen, Mund-Nasen-Schutz tragen, einen Impftermin vereinbaren, dafür irgendwo hinfahren. Und dann kommen auch noch Gesundheitsamt und Hausärzte und sagen: `Lasst euch impfen!` Dabei will man doch eigentlich bloß in den Urlaub und sich entspannen. Die Menschen wollen einfach vom Albtraum Corona jetzt im Sommer nichts wissen. Aber es ist sinnvoll, sich jetzt impfen zu lassen, bevor im Herbst die Zahlen wieder steigen. Nur von einer Impfung zwischen Tür und Angel halte ich nichts.

Wie meinen Sie das?

Ich halte nichts von Spontanaktionen, wie zum Beispiel schnell beim Einkaufen im Geschäft. Ich würde schon eher dazu raten, dafür zum Hausarzt zu gehen. Eine Impfung ist eine medizinische Maßnahme. Man injiziert ein Arzneimittel. Es ist nicht mit dem Kauf eines Softeises gleichzusetzen. Wenn man zum Beispiel Fieber bekommt oder es einem nach der Impfung schlecht gehen sollte, fühlt man sich vielleicht besser, wenn man es beim Hausarzt hat machen lassen. Aber jeder, der sich impfen lässt, hilft uns. Auch falls Geimpfte doch erkranken, fällt die Erkrankung weniger schlimm aus. Das sieht man derzeit auch an den weniger belegten Intensivplätzen und den zurückgegangenen Todesfällen.

Am Wochenende gab es auch vor dem Laufer Mc Donald´s eine Impfaktion. Wählen Sie als Gesundheitsamt diese Orte aus?

Nein, die jeweiligen Gemeinden, das Impfzentrum und auch die Geschäfte sprechen sich hier ab. Die Malteser und das BRK ergänzen sich hier und arbeiten eng zusammen. Die Frage ist hier: Wen können wir noch als Zielgruppe ins Auge fassen? Zum Beispiel bei der Tafel und in Asylunterkünften wurden schon Impfangebote ausgesprochen. Vor allem bei den 20- bis 30-Jährigen ist die Quote sehr niedrig und da fragt man sich doch: Wo sind diese Leute und wie erreicht man sie? Daher gibt es auch schon Ideen, wie zum Beispiel ein Impfangebot mit einem Discobesuch zu kombinieren.

Die Sonderimpfaktion in Hüttenbach kam am Wochenende gut an, aber wie sieht es grundsätzlich aus?

Die Aktionen werden ganz unterschiedlich angenommen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Angebote vor allem im oberen Pegnitztal gut ankommen. Vielen ist es einfach zu weit, bis nach Röthenbach zu fahren. Es macht Sinn, niedrigschwellige Angebote zu schaffen. Alles, was die Menschen animiert, aktiv zu werden, ist gut.

Und was wäre, wenn man es macht wie die Briten und zurückkehrt zum normalen Leben und entsprechend Infektionen einfach hinnimmt?

Das hat man sich ja bereits zum Beginn der Pandemie auch schon mal überlegt, aber es hat sich gezeigt: Das ist höchst fahrlässig und ethisch nicht vertretbar. Die Sterberate ist in so einem Fall sehr hoch und das ist meiner Meinung nach kein Ansatz, der denkbar wäre.

Sollte es stattdessen eine Impfpflicht gegen das Coronavirus geben oder Restriktionen für Ungeimpfte?

In meinen Augen steht es jedem frei, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen oder nicht. Wir haben ein sehr hohes Gut und das ist unsere Freiheit, aber Gesundheit und Sicherheit sind andererseits auch ein hohes Gut. Ich halte es auch nicht für sinnvoll zu sagen: `Sie sind nicht geimpft. Sie dürfen dies und jenes nicht`. Außerdem sind das politische Entscheidungen. Aber man muss auch sagen, dass eine Impfung kein hohes Risiko birgt. Und ein Test ist auch ein Eingriff, dass muss man ebenfalls bedenken.

Einige Eltern wollen ihre Kinder impfen lassen, damit die Tests für die Schule oder Quarantäne entfallen. Ist das sinnvoll?

Es ist kein Grund, Kinder zu impfen, damit sie sich nicht ständig testen lassen müssen. Die Impfkommission empfiehlt eine Impfung für Kinder ab zwölf, die ein höheres Risiko eines schweren Coronaverlaufes haben. Alle anderen stecken die Infektion in der Regel gut weg. Hier geht es auch nicht darum, andere zu schützen, sondern die Kinder selbst. An diese Vorgabe halten sich Ärzte unterschiedlich und entscheiden im Einzelfall. Es ist nicht verboten, gesunde Kinder zu impfen. Die Stiko empfiehlt es nicht, weil sie befürchtet, dass bei Kindern andere Nebenwirkungen auftreten als bei Erwachsenen. Manche Ärzte argumentieren damit, dass, wenn ein krankes Kind die Impfung gut verträgt, es ein gesundes Kind erst recht tut. Ich hoffe, dass es hier bald einen Konsens gibt.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren