Matthias Egersdörfer legt den Roman seiner Jugend in Lauf vor

Von einem, der auszog und zurückkam

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LAUF. Die Jahre der Adoleszenz sind selten leichte, weder für die Protagonisten selbst, noch für ihr Umfeld. Matthias Egersdörfer erging es nicht anders. In seinem Roman „Vorstadtprinz“ kramt der in Lauf aufgewachsene Künstler, Jahrgang 1969, gut 30 Jahre später tief in der Erinnerungskiste seiner Jugend. Den autobiografischen Roman nur als späte Therapiearbeit und Coming-of-Age-Geschichte zu sehen, ist indes zu kurz gegriffen. Dem 49-Jährigen gelingt der Spagat zwischen Erinnerung, Zeitgeist und höchst nett zu lesenden literarischen Kapriolen. Bei der Lesung in der Laufer Stadtbücherei entzückte er damit das gewogene Publikum.

Die Neugier war groß, wie sich der Sohn der Stadt, der seit einigen Jahren wieder mehr den Kontakt zu Lauf sucht, wohl präsentieren würde. Als Spurensicherer im „Tatort“ eher wortkarg, als Bühnenkabarettist gerne an der Grenze des guten Geschmacks, als Maler und Musiker talentiert, eilt dem 49-Jährigen stets ein leichter Ruf des Schreckens voraus.

Wird er das Publikum brüskieren? Gar beschimpfen? Das Forum nicht würdigen, das man ihm bietet? Nichts von dem tritt ein. Eher zurückhaltend, fast schon in sich gekehrt, im braunen, schon leicht abgetragenen Cordanzug, Haare und Bart wie von Gott gegeben, nimmt Matthias Egersdörfer hinter dem Lesepult Platz, flankiert von seinem alten Kumpel Robert Stephan von der gemeinsamen Band „Fast zu Fürth“, der am Piano die musikalische Dramaturgie für den Abend liefert.

Der Auftritt ist nicht nur rein äußerlich eine Reminiszenz an die Jahre, die ihm bis heute offenbar zum Teil im Magen liegen. Auch vom Gefühl her sitzt da der auf der Bühne, über den er in seinem Roman schreibt. Im Publikum viele aus seiner Generation, die wissen oder zumindest ahnen, wovon „Egers“ spricht, auch wenn sie nicht aus Lauf sind.

Im kleinstädtischen Milieu der 1970er Jahre war die Luft eng und bleiern, erst in den 1980er Jahren, mit der Öko- und Friedensbewegung und dem zunehmenden Wohlstand, schwappte so etwas wie ein Hauch der Freiheit und später des Hedonismus in die WLAN-losen Häuschen der Provinzen, sofern die drei Fernsehprogramme über die Hausantenne selbigen zuverlässig lieferten.

In diesen Jahren zwischen Studentenrevolte, Modern Talking und Golf GTI heranzuwachsen, bedeutete, allein mangels Mobilität wenig Fluchtmöglichkeiten zu haben, außerhalb dessen, was die direkte Umgebung bot. Das war in Lauf nicht anders als anderswo. Manch einer verlor dabei die Contenance, andere gingen in die Opposition. Die meisten passten sich an, etliche fielen in Lethargie oder implodierten. Matthias Egersdörfer zählte wohl eher zu Letzteren.

Dieses Gefühl einer ritualisierten Kindheit und Jugend mit wenig Luft zum Atmen ohne Bitterkeit, dafür mit einiger Melancholie, viel Humor und Zärtlichkeit für die Menschen, die ihn in diesen Jahren begegneten und begleiteten, zu beschreiben, ist nicht leicht. Matthias Egersdörfer ist es gelungen. Längst hat er zu vielem, was war, eine ironische Distanz und lebt damit und auch davon ganz gut. In seinen Bühnenprogrammen tauchen die Episoden seiner Kindheit in Lauf seit Jahren auf, nicht nur die legendären Besuche bei der Metzgerei Pristownik.

Dazu passt, dass er 2018 eine Art Konfrontationstherapie wagte und als Bierkönig beim Laufer Kunigundenfest auftrat, dem Fest, vor dem es ihm in der Kindheit regelmäßig gegraust hatte, weil er Angst davor hatte, wie seine Mitschüler in eine Strumpfhose gesteckt und mit dem Umzug auf den Berg geschickt zu werden. Nachzulesen in „Vorstadtprinz“ auf Seite 162.

Überhaupt bietet der 318 Seiten starke Roman einen fast lückenlosen Überblick über den Werdegang des kleinen Matthias aus dem Viertel mit den Blumennamen in Lauf rechts. Von der Geburt über die Grundschuljahre über die Konfirmation bis hin zur Gymnasialzeit, die der junge Egersdörfer am Ende wohl nur deshalb überlebte, weil er irgendwann sein Alter Ego Philipp Moll traf, der ihn spiegelte und stärkte und dessen plötzlicher Tod vor zwei Jahren ein tiefe Lücke hinterließ.

Entwicklungsroman, Freundschaftsroman, Autobiografie, Generationenroman. „Vorstadtprinz“ ist vieles, das betont auch der Autor, wenn auch nicht ohne Augenzwinkern. Sogar eine Kriminalstory habe er untergebracht, versichert er. Schließlich wisse er heute, was von ihm erwartet wird.

Noch mehr aber, und das gelingt Matthias Egersdörfer bei der Lesung in Lauf vorzüglich unter Beweis zu stellen, indem er negative Kommentare von Lesern mit Passagen aus seinem Buch widerlegt, ist es höchst vergnüglich zu lesende Literatur, frei von jedem Verdacht, nur wegen des zeitgeistigen Wiedererkennungseffektes geschrieben worden zu sein.

Unangestrengt lässt der Autor zwischen den präzisen und oft skurrilen Schilderungen seiner heimatlichen Erkundungstouren immer wieder die Gedanken frei und treibt Situationen wie seine Zeugung oder ein aus sonntäglicher Langeweile entstehendes Hupkonzert, unterlegt mit der Tonspur der ewigen Sehnsucht des Mannes nach dem weiblichen Geschlecht, in furiose sprachliche und emotionale Höhen, bis am Ende alles explodiert. Das Publikum tobt und der Delinquent freut sich diebisch über die wohlig rieselnden Schauer. Seine anbetungswürdigen Frauen im Roman indes dürften erleichtert aufgeseufzt haben. Es ist alles gut geworden mit dem kleinen Matthias.

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