Unterstützung von Eltern mit Behinderung

„Ungeplantes Wunschkind“

Tanja Hechtel aus Altdorf hat einen guten Kontakt zu ihrer inzwischen 17 Jahre alten Tochter. Regelmäßig sehen sich die beiden und verbringen eine schöne Zeit. | Foto: Heike Reinhold2019/09/Altdorf-Hechtel.jpg

ALTDORF – Vor 17 Jahren kam die Tochter der körperbehinderten Tanja Hechtel aus Altdorf zur Welt. Das Mädchen lebt heute in einer Pflegefamilie. Die Rummelsberger Diakonie entwickelt Konzepte für die Unterstützung von Eltern mit Behinderung.

„Meine Tochter ist ein ungeplantes Wunschkind“, erzählt Tanja Hechtel aus Altdorf. Ihre inzwischen 17-jährige Tochter lebt bei einer Pflegefamilie im Nürnberger Land. Sie sehen sich einen Tag im Monat.

21 Jahre war Tanja Hechtel alt, als Anna (Name geändert) auf die Welt kam. Bis dahin lebte die gebürtige Schwabacherin im Wichernhaus in Altdorf, einer Einrichtung der Rummelsberger Diakonie für Menschen mit einer Körperbehinderung.

Tanja Hechtel musste ausziehen

Ein Kind krempelt jedes Leben um. Aber bei Tanja Hechtel und vielen anderen Frauen mit einer Behinderung ist es anders, existenzieller. Falls sie in einer stationären Einrichtung für Menschen mit Behinderung leben, müssen sie dann häufig ausziehen. Das ist auch Tanja Hechtel passiert. Die Einrichtung der Rummelsberger Diakonie war, wie andere Einrichtungen der Behindertenhilfe, nicht auf Frauen mit Kindern eingestellt. Also musste sich Tanja Hechtel eine neue Bleibe suchen.

Die Mitarbeitenden des Wichernhauses haben sie unterstützt. Sie sind mit ihr in die Schwangerschaftsgymnastik gegangenen, haben sie zum Gynäkologen gefahren und später einen Platz in einem Mutter-Kind-Heim gesucht. Dort lebten Mutter und Tochter sieben Monate lang. Nach langem Überlegen und vielen Gesprächen mit Fachkräften hat Tanja Hechtel entschieden, ihre Tochter in eine Pflegefamilie zu geben. Dann ist sie allein zurück ins Wichernhaus gezogen.

Künftig sollen Frauen diese schwere Entscheidung nicht mehr treffen müssen. „Wir arbeiten gerade an einem Konzept, wie Menschen mit einer Behinderung als Familie im Wichernhaus leben können“, berichtet Einrichtungsleiter Diakon Thomas Jacoby. Die Bewohnerinnen und Bewohner benötigen Unterstützung im Alltag, darauf sind die Fachkräfte eingestellt.

Entgegen eines weitverbreiteten Vorurteils ist es aber nicht so, dass Mütter mit Behinderung behinderte Kinder bekommen. „Rund 95 Prozent der betroffenen Kinder sind vorgeburtlich nicht behindert. Behinderungen entstehen zum Beispiel durch Sauerstoffmangel bei der Geburt oder später“, sagt Simone Hartmann von pro Familia in Nürnberg.

Immer das Kindeswohl im Blick

Die Unterstützung von Menschen mit Behinderung wird über den Bezirk finanziert. Für die Kinder von Eltern mit Behinderung sehen sich die Jugendämter zuständig. Um die Ämter für eine neue übergreifende Zusammenarbeit zu sensibilisieren, hat die Rummelsberger Diakonie den Arbeitskreis Begleitete Elternschaft gegründet. „Kolleginnen und Kollegen aus der Behindertenhilfe und Jugendhilfe überlegen gemeinsam, wie diese Zusammenarbeit gut funktionieren kann“, sagt Daniela Grießinger, Fachdienst Ambulant unterstütztes Wohnen der Rummelsberger Dienste für Menschen mit Behinderung. „Ziel ist, dass es in unserer Gesellschaft normal wird, dass Kinder bei ihren Eltern aufwachsen, auch wenn diese Unterstützungsbedarf haben. Wir begleiten die Familien und haben dabei das Kindeswohl im Blick.“

Sieben Mütter mit minderjährigen Kindern werden derzeit von den Mitarbeitenden des Ambulant unterstützten Wohnens begleitet, einige Kinder leben in Pflegefamilien. Nach Informationen des Zentrums Bayern Familie und Soziales gibt es keine offizielle Statistik, wie viele Eltern mit Behinderung in Bayern leben.

Rein rechtlich gesehen ist die Lage klar: Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Wie Tanja Hechtel aus Altdorf entscheiden sich viele irgendwann, in einer eigenen Wohnung zu leben.

Dabei werden sie von den Mitarbeitenden im Ambulant unterstützten Wohnen begleitet. „Ein Grund für den Umzug in die eigenen vier Wände ist häufig, dass sich die Frauen und Männer mehr Privatsphäre wünschen“, erzählt Grießinger. Dazu gehöre auch, Sexualität zu leben und eine Familie zu gründen.

„Wir wollen das Thema enttabuisieren“

Dass Menschen mit Behinderung ihre Kinder selbst erziehen wollen, können sich viele nicht vorstellen. Der Landkreis Nürnberger Land will das ändern und hat das Netzwerk „Eltern sein mit Behinderung“ gegründet. „Wir wollen das Thema in der Gesellschaft enttabuisieren“, sagt Gleichstellungs- und Familienbeauftragte Anja Wirkner vom Landratsamt.

In dem Arbeitskreis arbeiten soziale Träger, Beratungsstellen und Landratsamt zusammen. „Wir wollen Menschen einen Überblick geben, welche Angebote es für Eltern mit Behinderung im Nürnberger Land gibt“, sagt Wirkner.

Für Tanja Hechtel kommt das 17 Jahre zu spät. „Wenn ich damals diese Möglichkeiten gehabt hätte, hätte ich mein Kind bei mir behalten.“ Sie sagt es ohne Bitterkeit. Tanja Hechtel weiß, dass viele Faktoren diese Entscheidung beeinflusst haben. „Meiner Tochter geht es gut in ihrer Pflegefamilie. Sie wird geliebt und gefördert.“

Doch sie sagt auch: Menschen mit einer Behinderung sollten es sich gut überlegen, ob sie ein Kind bekommen. Es sei eine wirklich große Entscheidung. „Ich habe es keine Sekunde bereut“, betont sie und freut sich auf das nächste Wochenende, wenn ihre Tochter an der Tür klingelt und sie wieder einen schönen Nachmittag zusammen verbringen.

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