Assistiertes Wohnen als Hilfe

Süchtig nach dem Glücksspiel: Ein Betroffener berichtet

Sogenannte „free-to-play“-Spiele können zwar gratis gespielt werden, sind aber häufig so ausgelegt, dass man nur mit dem Einsatz von Geld gewinnen kann.⋌ | Foto: Iris Lederer2022/07/NL_Gl_cksspielsucht-crop-scaled.jpg

NÜRNBERGER LAND – „Glücksspiel kann süchtig machen.“ Dies steht auf jedem Rubbellos und im Impressum von jedem Online-Kasino. Wie es ist, spielsüchtig zu sein, berichtet René L. (Name geändert) aus dem Nürnberger Land.

Der 28-Jährige lebt im assistierten Wohnen der Diakonie in Hersbruck. Nach der Scheidung seiner Eltern wohnte er zunächst bei seinem Vater und besuchte die Realschule bis zum Ende der 7. Klasse. Danach wechselte er auf die Mittelschule und machte dort seinen Abschluss. Er begann eine Ausbildung als Mechatroniker. Bereits mit zwölf Jahren kam er über seine damalige Clique in Kontakt mit Drogen. Er kiffte, später waren es synthetische Drogen, die auch zum Abbruch seiner Ausbildung führten.

Obdachlos und spielsüchtig

Sein Vater setzte ihn vor die Tür, und er lebte auf der Straße oder im Obdachlosenheim in Nürnberg. In dieser Zeit fiel er in die Alkoholsucht und er begann, in Internet Cafés in Online-Kasinos zu spielen. Geld, das er hatte oder bekam, verspielte er sofort. „Ich warf auch Steine in Handyläden, nahm Handys an mich und verkaufte sie, um zu Geld zu kommen“, erzählt René. Seine Mutter war verzweifelt, doch sie gab ihn nicht auf und versuchte, ihm zu helfen. So kam er zur Entgiftung nach Engelthal. Dies habe funktioniert. Er wurde in den Online-Kasinos gesperrt, hatte die Glücksspielsucht unter Kontrolle und zog in eine Wohnung nach Lauf.

Kostenfalle Onlinebanking

Nach einiger Zeit konnte er seine Miete nicht mehr bezahlen. Er hatte „free-to-play“, also ganz normale Online-Spiele gespielt. In der Faszination dieses Spiels rüstete er sich immer mehr aus, wollte immer schneller auf das nächste Level kommen – und das kostete Geld. „Manchmal kam das Geld vom Jobcenter und in drei Stunden war es weg“, berichtet René. „Ich hatte vollkommen den Überblick verloren.“ Auch das Online-Banking habe dazu beigetragen: „Es war ja immer nur ein Knopfdruck auf dem Handy.“

Ohne Wohnung reiste er „schwarz mit dem Zug“ durch Deutschland und besuchte Leute, die er beim Zocken kennengelernt hatte. „Von Berlin über Cloppenburg, ich habe auch heute noch überall Bekannte“, so René. Bei vielen Jobcentern in Deutschland war er registriert und versuchte einen Neuanfang. Nie hat es funktioniert. „Ich danke meiner Mutter, die immer zu mir gehalten hat“, so René.

Ende 2019 kam er zurück ins Nürnberger Land und wohnte bei seiner Mutter. Er versuchte zu arbeiten, war sogar bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt, doch der Vertrag wurde nach sechs Monaten nicht verlängert. „Als ich arbeitete, hatte ich Struktur, hatte eigenes Geld, um auch mal weggehen zu können.“ Nach dem Jobverlust begann er wieder mit Online-Spielen. Gleichzeitig kam er erstmals zur Suchtberatungsstelle der Diakonie. Eine Reha wurde beantragt und genehmigt – doch dann kam Corona. In der Reha gab es keinerlei Angebote, kein Sport, keine Ergotherapie, keine Gemeinschaft. Er kehrte aus der Reha zurück, wurde zunehmend depressiv, lebte bei seiner Mutter und fand über viele Coronamonate den einzigen Halt in der Suchtberatungsstelle mit regelmäßigen, persönlichen Terminen.

Wunsch nach geregeltem Tagesablauf

Seit September 2021 lebt René L. im Assistierten Wohnen in einer Wohngemeinschaft mit insgesamt vier Personen. “Es gibt hier Gruppen für Sport, Gesprächsrunden, Ausflüge“, erzählt René, „wir kochen auch selbst zum Beispiel Curry, Geschnetzeltes, Spaghetti“. René wünscht sich, einen geregelten Tagesablauf hinzubekommen und dadurch auch einer Arbeit nachgehen zu können. „Ich habe keinen Tag-Nachtrhythmus, werde nicht müde, schlafe erst um 2 bis 3 Uhr ein und komme dann nicht aus dem Bett.“ Er plane derzeit nie weiter als zwei bis drei Wochen und versuche sein Leben so Stück für Stück immer besser auf die Reihe zu bekommen.

Abschließend betont er nochmals die Gefahr der „harmlosen“ Online-Spiele: „Online-Spiele sind gefährlicher als man denkt. Sie sind so gemacht, dass man schneller vorankommt, wenn man Geld ausgibt. Das geht alles ganz leicht per Paypal oder Handyrechnung.“ Aus dieser Spielsucht rauszukommen, sei später allerdings alles andere als leicht.

Infos

Mehr zur Suchtberatung der Diakonie Nürnberger Land/ Neumarkt gibt es hier auf deren Webseite.

Quelle: Suchtberatung Diakonisches Werk Altdorf-Hersbruck-Neumarkt e.V.

(Artikel erstmalig auf n-land erschienen am 19.7.2022)

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