Tausende Betroffene erläutern erneut ihre Argumente gegen die Stromautobahn

Stromtrassen waren kein Thema beim Energiegipfel

Überall entlang der die Region durchschneidenden Trasse wurden Protestplakate aufgestellt. Foto: Blinten2014/04/trassenwahn.jpg

NÜRNBERGER LAND – Bei der Bürgerinitiative gegen die geplante Stromautobahn war man eigentlich davon ausgegangen, dass das Thema Gleichstromtrassen beim Spitzengespräch von Bundeskanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder am Dienstag zur Sprache kam. Vier Stunden hat der Energiegipfel gedauert. Die Stromtrassen jedoch wurden nicht thematisiert, erfuhr der Bote auf Nachfrage in der Bayerischen Staatskanzlei. Immerhin: Dazu sollen gesonderte Gespräche geführt werden. Ein Termin steht allerdings noch nicht fest.

„Wir gehen davon aus, dass die Stromtrasse weiterhin umstritten ist, das ist nicht unbedingt ein negatives Signal“, sagt Werner Merkel, Sprecher der hiesigen Bürgerinitiative. Wer glaube, dass die Sache vom Tisch sei, der irre gewaltig. „Es steht ein harter Kampf bevor, denn es geht um ein gigantisches Geschäft.“ Solange nichts entschieden sei, nutze die Bürgerinitiative die Zeit, um sich weiter zu formieren und eine möglichst breite Bevölkerungsschicht über die wahren Hintergründe der Süd-Ost-Passage aufzuklären. „Wir werden mit Vorsicht und Bedacht an unserem Ziel arbeiten, den Bau der Stromtrasse zu verhindern.“

Zweifel an der Notwendigkeit

Tausende von Menschen, die entlang der geplanten Süd-Ost-Gleichstromtrasse leben, haben sich zwischenzeitlich per Brief an Landespolitiker gewandt, um ihren Protest gegen die Trassenpläne erneut zu begründen.
Zu lesen sind sachlich fundierte Einwände gegen den Planungsprozess und das gesamte Vorhaben einer 450 Kilometer langen Stromleitung mit der sogenannten HGÜ (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung)-Technik. Anfangs stellen sie die zugrundeliegende Bedarfsermittlung durch den beauftragten Netzbetreiber Amprion selbst in Frage: „Wie kann eine Netzbetreiberfirma eine objektive Bedarfsermittlung stellen, wenn sie dann im nächsten Schritt selbst mit der Umsetzung der daraus resultierenden Maßnahmen beauftragt wird und davon profitiert …? Aus diesem Grund bezweifeln wir die energiewirtschaftliche Notwendigkeit der Stromtrasse.“ Sie stellen die zugesagte Rendite von über 9% für die Stromnetzbetreiber dem erwarteten, auch wirtschaftlichen Schaden für die Trassenanwohner gegenüber.

Die Bürgerinitiative sieht die geplanten Trassen in einem europäischen Zusammenhang, weil ein privater, russischer Atomkonzern bei Kaliningrad Atomreaktoren baut, deren Strom in Nachbarstaaten verkauft werden soll. So heißt es auf eine Anfrage der Linken zu dem russischen Vorhaben in einer Antwort der Bundesregierung: „Der Bundesregierung sind die Überlegungen des russischen Stromunternehmens Inter RAO UES zu Lieferungen aus dem geplanten Kernkraftwerk Baltiskaya nach Deutschland bekannt. Inter RAO UES hat sich mit dem Vorhaben „Interconnection Kaliningrad Region Power System – German Power System“ um den Status „Vorhaben von gemeinsamen Interesse“ beworben. Entsprechend den Regelungen des Verordnungsvorschlages „Transeuropäische Energieinfrastrukturleitlinien“ der Europäischen Kommission schließen sich nun Auswahlverfahren auf europäischer Ebene an.“

Aus dem Startpunkt der geplanten, übermäßigen Leitungen im Raum Halle mit bekannt hohen Braunkohle-Verstromungskapazitäten schließen die Initiativen, dass hier Kohlestrom der großen Energiekonzerne vermarktet werden soll – oder gar der Weg geebnet, „dass durch ein nach und nach weiter ausgebautes HGÜ-Netz Atomstrom ‚durch die Hintertür‘ nach Deutschland geliefert werden kann.“ Deshalb befürchten sie in zwangsläufiger Folge, „ … dass sich eine dezentrale Energiewende mit dem Ausbau erneuerbarer Energien unter Bürgerbeteiligung und damit regionaler Wertschöpfung nicht entwickeln kann.“

Forderung nach Bürger-Energiewende

Die Briefschreiber fordern „ein vernünftiges, für alle Bürgerinnen und Bürger verträgliches Konzept“ für eine „Bürger-Energiewende“. Dieses sollte ebenso Maßnahmen zur Energieeffizienz und Energieeinsparung beinhalten – zu der alle Bürger angehalten werden sollten,  wie eine angemessene Bürgerbeteiligung – die sie im bisherigen Verfahren nicht sehen können, in dem alle eingebrachten rund 3.600 Einwendungen abgewehrt worden seien.
Die Bürgerinitiativen gegen die Gleichstrompassage Süd-Ost richten sich mit ihren Aktivitäten gegen die Planung einer mächtigen „Stromautobahn“ von Bad Lauchstädt (Raum Halle) bis Meitingen (Landkreis Augsburg).

Seit Beginn der Informationsveranstaltungen des Netzbetreibers Amprion im Januar diesen Jahres (z.B. 29.1.2014 in Nürnberg) organisieren sich tausende Menschen in lokalen Bürgerinitiativen entlang des geplanten Trassenverlaufs von Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) über Tirschenreuth, Bayreuth, Hof, Pegnitz, Nürnberger Land, Neumarkt, Fürth, Roth, Ansbach, Eichstätt, Donauries bis nach Meitingen (Landkreis Augsburg/Bayern). Bei regelmäßigen, lokalen Treffen werden Informationen zusammengetragen und Aktionen geplant.

www.stromautobahn.de

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