Biotop ist Stein des Anstoßes

Überdimensionierte Bebauung geplant?

Ein Teil der Lindelburger, die sich gegen das Baugebiet und für den Erhalt der Fläche mit Biotop im Hintergrund aussprechen. | Foto: Spandler2017/07/Oberlindelburg-protest-baugebiet.jpg

LINDELBURG – Im ruhigen Oberdorf von Lindelburg geht es derzeit gar nicht beschaulich zu. 138 Anwohner haben sich zusammengefunden und innerhalb von zwei Wochen ihre Unterschrift unter ein Schreiben an den Gemeinderat von Schwarzenbruck gesetzt, in dem eine baldige Bürgerversammlung gefordert wird. Grund: Man möchte die Bebauung eines Grundstücks verhindern, unter anderem weil sich darauf ein Biotop befindet.

Vor der jüngsten Gemeinderatssitzung machten einige Unterzeichner von ihrem Rederecht Gebrauch und zählten etliche Punkte auf, die ihrer Meinung nach gegen das Projekt sprechen. Der Versuch der Verwaltung, Luft aus der hitzigen Diskussion zu nehmen und darauf hinzuweisen, dass noch nichts entschieden sei, hatte nur begrenzt Erfolg.

Was erbost die Lindelburger dermaßen? Die Anlieger fühlen sich bei den Planungen nicht nur über-, sondern auch hintergangen. Sie unterstellen der Verwaltung mit Bürgermeister Bernd Ernstberger an der Spitze, die Planungen auf dem etwa 11.000 Quadratmeter großen Grundstück, das teils im Gemeinde-, teils im Privatbesitz ist, im Stillen vorangetrieben zu haben, obwohl sie wusste, dass sich dort ein zu 100 Prozent geschütztes Biotop befindet. Nach ihrer Meinung wurden auch die Gemeinderäte auf der Februar-Sitzung getäuscht, als die Planer von P4 das Projekt vorstellten. Obwohl aus der Datierung von Unterlagen des Büros klar hervorgehe, dass die Gemeinde über die Existenz des Biotops vor dem 17. Januar informiert worden sein musste, sei dies in der Diskussion während der Sitzung mit keinem Wort erwähnt worden, so dass sich die Gemeinderäte im guten Glauben, es handle sich um ein ganz normales Grundstück, für die Bebauung aussprachen. „Nicht einmal die Grünen haben sich kritisch geäußert“, erinnert sich Günther Hippmann. Hätte die Verwaltung den Gemeinderat klar informiert, hätten sich doch zumindest die Mitglieder dieser Fraktion gegen das Bauvorhaben gewehrt, so seine Meinung.

Vorwurf eingeräumt

Diesen Vorwurf räumt der Bürgermeister ein. Das Bauamt hätte das Feuchtbiotop thematisieren sollen, denn Mitglieder der Verwaltung waren bereits im vergangenen Jahr mit der Unteren Naturschutzbehörde vor Ort. Doch eine Täuschung kann er in dem Versäumnis nicht erkennen, denn in dem Verfahren sei ja noch alles offen, und etwaige Gründe, die der Bebauung entgegenstehen, würden im Verfahren ja noch berücksichtigt, die Stellungnahmen in den Entwurf eingearbeitet.

Der Bund Naturschutz und auch die behördlichen Naturschützer sowie natürlich der Städteplaner seien ja bei den Entscheidungen eingebunden. Selbst wenn das Thema Biotop schon wesentlich früher zur Sprache gekommen wäre, wäre dies aber keinesfalls ein Grund gewesen, das Verfahren nicht einzuleiten, so Ernstberger. Laut Bundesnaturschutzgesetz können auch Biotope in einem Bebauungsplan enthalten sein, es müsse eben abgewogen werden, wie damit umgegangen wird. So werde man bei einer genaueren Planung auf jeden Fall darauf achten, dass der alte Baumbestand auf den Grundstücken erhalten bleibt. Unter diesem Gesichtspunkt sei es natürlich möglich, dass bis dato geplante Wohneinheiten reduziert werden müssten.

Kritische Fragen

Von Seiten der Oberlindelburger Anlieger gab es vor Eintritt der Tagesordnung zur Gemeindratssitzung Mitte Juli kritische Fragen an den Bürgermeister. „Wie aus dem Schreiben des Planungsbüros eindeutig hervorgeht, musste die Verwaltung in der Februar-Sitzung ja bereits von dem Biotop gewusst haben“, hielt ihm Michael Will vor.

„Wir werden das klären“, versicherte der Bürgermeister, der anmerkte, dass das Schreiben erst am 15. Februar, eine Woche nach der Sitzung am 7. Februar, einging, auch wenn es das Datum vom 17. Januar trägt. Außerdem wies der Bürgermeister darauf hin, dass man sich ja erst in der Entwurf-Phase befände. Derzeit findet die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung statt, in der die Bürger und auch die Träger öffentlicher Belange informiert werden und Gelegenheit erhalten, sich zu dem Vorhaben zu äußern. Im Laufe der Planung muss der derzeit geltende Flächennutzungsplan geändert werden, bevor man den Bebauungsplan aufstellen kann.

Der Schutz des Biotops, in dem nach Auskunft der Unterzeichner des Antrags zahlreiche seltene Tiere und Pflanzen zu finden waren, ist nicht ihre einzige Sorge. Sehr aufgebracht reagierten sie auf die Tatsache, dass das Feuchtbiotop vor wenigen Tagen gemäht und gemulcht wurde, was auf solchen Flächen gar nicht erlaubt sei. Weiter sprachen sie von einem „Riesen-Neubaugebiet“, das auf dem Areal geplant ist. Die vorgesehenen 20 Baueinheiten fügten sich nicht in die bisherige Struktur ein, zerstörten den ländlichen Charakter Oberlindelburgs und provozierten auch ein Parkplatzproblem.

Zudem wäre zu befürchten, dass ein Großteil der künftigen Bürger den derzeit nur als Schotterweg ausgebauten Teil der Brunnenstraße nutzen würden, die dann aber richtig ausgebaut werden müsste, was wiederum zusätzliche Kosten für alle Anlieger bedeuten könnte. Den Bedenken setzte der Bürgermeister entgegen, dass man extra einen Städteplaner beauftragt habe, der das Vorhaben in die bestehende Struktur integrieren werde. Im September oder Oktober werde dann über die eingegangenen Stellungnahmen entschieden.

Schützenhilfe vom BN

Schützenhilfe erhielten die Lindelburger von Ursula Siebenlist vom Bund Naturschutz. „Der BN lehnt die Planung ab, weil an dieser Stelle ein kartiertes Feuchtbiotop ist, und von denen gibt es nicht so viele“, bestätigte sie die Erkenntnisse. Auch lasse sich ein Feuchtbiotop nicht beliebig an anderer Stelle ausgleichen, wenn es zerstört wird. Zudem wies sie darauf hin, dass durch die Ausweisung eines Wohngebiets die Verkehrssituation in Lindelburg, Pfeifferhütte und über die B8 noch weiter verschlimmert werde. Da es in Lindelburg keinerlei Infrastruktur und auch keinen S-Bahn-Anschluss gibt, sei jeder auf Pkws angewiesen, so dass sich auch noch die Lärmbelästigung verstärken werde. Anders verhalte es sich in Rummelsberg, wo nun ja ebenfalls gebaut werde, aber Einkaufsmöglichkeiten, Arztpraxen und andere Einrichtungen vor Ort sind. „Warum muss man in Lindelburg, dem abgelegenen Ortsteil, ein Wohngebiet ausweisen?“, fragte sie abschließend.

Bürgermeister Ernstberger sieht zu einer weiteren Bürgerversammlung, wie von den Unterzeichnern gefordert, derzeit keine Veranlassung. Die Bürger wurden bereits auf einer Versammlung informiert, alles weitere sei im Internet ersichtlich. Was von den gesammelten Unterschriften zu halten ist, lässt er durchblicken, wenn er erwähnt, dass einer der Unterzeichner sich bereits für eines der geplanten Grundstücke interessiert habe.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler