Teilhabeplanung für den Landkreis

Es gibt noch viel zu tun

Gehbehinderte Frau im Rollstuhl | Foto: Fotolia2018/10/NL-Teilhabe-Bordstein-Rollstuhl-Fotolia.jpg

SCHWARZENBRUCK – „Im Landkreis Nürnberger Land spielen wir im guten Mittelfeld mit, aber es ist noch Luft nach oben.“ Das hat Angelika Feisthammel, Behindertenbeauftragte im Landkreis, bei der Vorstellung des Abschlussberichts für Teilhabeplanung gesagt. Die zentrale Frage war: Was kann der Landkreis dazu beitragen, dass sich die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung verbessert? In zahlreichen Äußerungen wurde deutlich, dass der Abschlussbericht keineswegs das Ende der Bemühungen sein kann – es gibt noch viel zu tun.

Einbezogen waren in die Planung neben der Kreis-Behindertenbeauftragten auch die Koordinationsstelle Seniorenarbeit, die Lernwirkstatt Inklusion, die Offene Behindertenarbeit der Lebenshilfe, der Caritas und der Rummelsberger Diakonie.

Beackert wurden folgende Bereiche: Wohnen, Mobilität und Barrierefreiheit, Bildung, Arbeit sowie Freizeit und Kultur. Da die Schnittmenge der Problematiken von behinderten Menschen und Senioren ziemlich groß ist, hat man bei der Erarbeitung der Handlungsempfehlungen von Anfang an auch die Bedürfnisse älterer Menschen mit einbezogen.

n die Thematik führte BR-Moderatorin Ulrike Nikola ein, die kompetent und sensibel die wichtigsten Baustellen, die sich aus den fünf Arbeitsgruppen ergaben, ansprach und in der Diskussion mit den Akteuren nachhakte. Anja Gruhl, zuständig für die Seniorenarbeit im Nürnberger Land, bestätigte, dass der Flächenlandkreis tatsächlich ein Nachteil sei, was die Koordinierung von Behinderten- und Seniorenarbeit angeht.

Es sei in den vielen kleinen Orten tatsächlich schwieriger, die Menschen zu motivieren, findet sie. Tatsächlich seien es oft die kleinen Dinge, wie abgesenkte Bordsteine oder barrierefreie Homepages, für die sensibilisiert werden müsse. „Wir müssen die Leute nur mit der Nase drauf stoßen“, ist sie sich sicher.

Mehr barrierefreier Wohnraum

Paul Brunner von der Offenen Behindertenarbeit der Caritas und Mitarbeiter im Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund, sprach für die Arbeitsgruppe Wohnen, in die er sich eingebracht hat. Er wies auf das generelle Problem des mangelnden Wohnraums hin, das behinderte Menschen noch stärker betrifft. Die Gesellschaft müsse viel entschlossener barrierefreie Wohnungen bauen.

Hier forderte er ganz dezidiert: „Der Staat darf vorhandene Flächen nicht mehr verkaufen, sondern muss sie für behindertengerechten Wohnraum vorhalten.“ Ferner plädierte er für eine Art Wohnungstauschbörse, bei der alte und junge, behinderte und nicht-behinderte Menschen zusammengebracht werden, um passenden Lebensraum zu finden. Hier aber müssten die Kommunen eine entscheidende Rolle spielen.

Beim Thema Arbeit konnte Brunner keine großen Fortschritte vermelden. Er mahnte an, dass Leistung nicht das sein dürfe, was allein zählt. Die Arbeitgeber müssten ermutigt werden, auch Kräfte mit Handicaps einzustellen, aber auch hier müssten sie sich informieren, Förderinstrumente schaffen und die nötigen Hilfen für die betreffenden Personen bereit stellen. Es müsse Ansprechpartner im Betrieb geben, die sich auskennen und kümmern.

Bahn bewegt sich kaum

Angelika Feisthammel stand dem Arbeitskreis Mobilität vor. Sie berichtete über die Schwierigkeiten im Schienenverkehr mit fehlenden oder nicht funktionierenden Aufzügen und die Hartleibigkeit der Bahn AG. Tatsächlich seien der Klassiker Bordsteine oder auch Mülltonnen auf dem Gehweg, die den Rollifahrern ebenso wie Kinderwagen oder Rollatorbenutzern Schwierigkeiten bereiten.

Behindertengerechte Toiletten gehörten ebenfalls in diesen Themenkreis. Es könne nicht sein, dass man darauf verzichte, einen Ort oder eine Veranstaltung zu besuchen, weil man nicht wisse, wie man auf die Toilette kommen kann. Hier sei der Landkreis gefragt und in diesem Zusammenhang brach sie eine Lanze für einen hauptamtlichen Inklusionsbeauftragten, der sich um derartige Anliegen professionell kümmern könnte.

Bildung gegen Barrieren

Zum Thema Bildung äußerten sich Dr. Gerald Klenk von der Lernwirkstatt Inklusion und Karolin Stratulat von der Offenen Behindertenarbeit im Nürnberger Land. Klenk sprach von der richtigen Haltung den gehandicappten Personen gegenüber. Diese erreiche man nur über Bildung im weiteren Sinn, also auch über die Erwachsenenbildung, Vereine, Kirchen. Stratulat ergänzte, dass diese Art der Erziehung, die zu einem selbstverständlichen Umgang mit behinderten Menschen führe, schon ganz früh, in den Kindertagesstätten beginnen müsse.

„Wo ist Handlungsbedarf beim Thema Freizeit und Kultur?“, wollte Ulrike Nikola schließlich von Regina Fritsch, Einrichtungsleiterin bei der Lebenshilfe, wissen. Menschen mit kognitiver Einschränkung sollten verstärkt Informationen in einfacher Sprache erhalten können. Ganz generell müsse man aber auch die Barrieren in den Köpfen beseitigen, wenn es beispielsweise darum geht, gehandicappte Personen in einen Verein aufzunehmen. Hier gilt es, Überzeugungsarbeit zu leisten und auf vorhandene Assistenzmöglichkeiten hinzuweisen. Bei Veranstaltungskalendern im Kulturbereich schwebt Fritsch ein Gütesiegel vor, das als Kennzeichnung dient.

Im Anschluss stellte ein Hersbrucker Arbeitskreis das Projekt Inklusiv vor. Eine Gruppe von Personen, die sich auch beruflich mit dem Thema Inklusion beschäftigen, plant ein inklusives Wohnprojekt. Die Teilnehmer dieser Initiative möchten nicht isoliert wohnen, sondern in großer Vielfalt, sich gegenseitig unterstützen, aber wenn nötig auch professionelle Hilfen holen. Rechtsform, Fördermittel, Objekt, Grundstück sind Fragen, die die Initiatoren derzeit bewegen. Derzeit gibt es 25 Personen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen, darunter seien auffällig viele junge Familien.

Seit 30 Jahren barrierefrei

In seinem Grußwort wies Schwarzenbrucks Bürgermeister Bernd Ernstberger darauf hin, dass die Gemeinde sich schon sehr früh um die Belange behinderter Mitbürger gekümmert habe und auch das Rathaus schon vor 30 Jahren barrierefrei umgebaut habe. Sicher hätte hier natürlich die in der Gemeinde ansässige Rummelsberger Diakonie einen bedeutenden Einfluss ausgeübt.

Stellvertretende Landrätin Cornelia Trinkl freute sich ebenfalls über die Ergebnisse des Projekts, das sie seit seinen Anfängen mitverfolgt habe. Sie dankte, wie viele andere, allen Beteiligten für ihr großes Engagement und zeigte sich überzeugt, dass man im Landkreis in Sachen Inklusion auf einem guten Weg sei. Musikalisch umrahmten das Duo Armin Nembach und Martin Weigert mit irischen und lateinamerikanischen Weisen die Veranstaltung, für Erheiterung sorgte der Komiker Martin Fromme, bevor es die Möglichkeit zum Austausch am Büfett gab.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler