Eine Fichte wird nochmal Weihnachtsbaum

Comeback der Zwergfichte

Es braucht schon einige Transporthelfer, um den acht Meter langen Baum vom Garten des Haus 34 in die Kirche zu transportieren.2020/12/Rummelsberg-Fichte3-beschnitten.jpg

RUMMELSBERG – In der Rummelsberger Philippuskirche steht einer der ganz wenigen Nadelbäume, die innerhalb von 15 Jahren zweimal Christbaum sein durften. Obwohl oder gerade weil er beim ersten Mal zu klein war.

Es gibt Christbäume, die zu den großen Familien der Tanne oder Fichte gehören, manche sind auch langnadelige Föhren, es gibt heimische, von weither gekarrte, selbst geschlagene, Bio-Gehölze. Die allermeisten verbindet aber ein trauriges Schicksal: Sie glänzen einen Tag lang im Kerzenschein als Blickfang, nehmen aber schon bei der Bescherung nur noch eine Nebenrolle ein, werden schließlich als unvermeidliches Deko-Utensil empfunden und nach zwei bis drei Wochen als nadelndes Ärgernis entsorgt. Von wegen „Mein Freund, der Baum“. Wenn man bedenkt, wie lange so ein Bäumchen wächst und wie kurz sein einmaliger Auftritt im Kreise der Menschenfamilie letztlich ist, könnte man ins Grübeln kommen.

Vom Wohnzimmer ins Kirchenschiff

Doch es gibt auch herzerwärmende Geschichten, die im Kontrast zu solch traurigen Baumbiografien stehen. In Rummelsberg gibt es wohl einen der weltweit ganz wenigen Indoor-Christbäume, die es geschafft haben, zu zwei verschiedenen Weihnachtsfesten den Raum zu erleuchten. Erst ein Wohnzimmer, dann das Kirchenschiff der Philippuskirche. 15 Jahre ist es her, dass der Baum, der damals noch ein Bäumchen war, im Wohnzimmer von Andrea Ender-Ammon und ihrer großen Familie im Rummelsberger Diakoniedorf stand.

Die sechs Kinder der Familie haben wesentlich zu dieser ungewöhnlichen Geschichte beigetragen. Und die geht so: Als das Sextett noch sehr klein war, waren die Christbäume der Ender-Ammons noch sehr groß. Im Laufe der Jahre aber, als die Kinder wuchsen, schrumpften die Bäume, aber nicht der Anspruch des Nachwuchses.

Zweite Chance im Garten

Jahr für Jahr bekamen Mutter und Vater beim Anblick des Baumes zu hören: „Der ist aber klein.“ Die Enttäuschung gipfelte an Weihnachten 2005, als die Kinder im Alter von 13 bis 20 forderten, die mit Wurzeltopf in der guten Stube stehende Weihnachtsfichte müsse einfach noch eine zweite Chance bekommen und, nachdem sie ihre Schuldigkeit im weihnachtlichen Wohnzimmer getan hat, zurück in den Garten gepflanzt werden, auf dass sie noch ein bisschen wachsen möge.

So geschah es, und der vorerst gerettete Nadelbaum dankte dies mit üppigem Wuchern im Laufe der Jahre. Bereits vor einem Jahr musste man einsehen, dass der Baum einfach zu groß geworden war: Der Nachbar konnte nicht mehr an seine Wäschespinne, das Gartentürchen war zugewachsen und ließ sich nur noch unter Schwierigkeiten öffnen.

Andrea Ender-Ammon ist als Mitarbeiterin im Rummelsberger Pfarramt seit einigen Jahren auch für den jährlichen Weihnachtsbaum in der Kirche zuständig. Was also lag näher, als die mittlerweile acht Meter hohe Fichte mit einem Platz über die Feiertage in der Philippuskirche zu adeln und so gleichzeitig wieder mehr Raum im heimischen Garten zu schaffen?

Fertig geschmückt: die Fichte der Familie Ender-Ammon. Foto: Gisa Spandler2020/12/Rummelsberg-Fichte4.jpg

Im vergangenen Jahr ließ sich das allerdings noch nicht durchführen, aber dieses Jahr stand dem nichts mehr im Weg. Als Helfer wurden die Studierenden der nahen Diakonenschule gewonnen, die sich anboten, den Stamm der stattlichen Fichte zu schlagen und ihr das Comeback in ihrer Weihnachtsbaumkarriere im Gotteshaus zu ermöglichen.

Tatsächlich war das Fällen des Nadelbaumes dann gar keine so emotionslose Angelegenheit, wie man das glauben möchte. „Das ist mir schon ein bisschen schwergefallen und den Nachbarn auch“, gesteht Andrea Ender-Ammon ein. Die haben die ganze Aktion gefilmt und auch gleich gefordert, dass da wieder ein Ersatzbäumchen gepflanzt werden solle.

Nach dem Fest wartet der Ofen

Mittlerweile steht der Baum, geschmückt und in seiner ganzen Pracht den Kirchenraum beherrschend, und wartet auf den Höhepunkt in seiner Laufbahn als Schmuckbaum, wenn ihn die Besucher der Online-Gottesdienste bestaunen werden. Sein Ende finden wird er in ein paar Wochen schließlich im Ofen der großen Familie, wo er noch einmal so richtig einheizen darf.

„Sein Ende?“, fragt die Mutter wehmütig und hoffnungsvoll zugleich. „Wer weiß, vielleicht keimen ja schon ein paar ganz kleine Fichtensamen im Garten hinter dem Haus, und so könnte sich diese Geschichte tatsächlich in ein paar Jahren noch einmal wiederholen.“ Die Nachbarn wären zufrieden. Und die Kinder der Familie auch. Die werden aber auch heuer wieder, unabhängig vom weiteren Verlauf der Fichten-Geschichte und obwohl sie mittlerweile selbst erwachsen sind, ihren Kommentar zum diesjährigen Christbaum in der Ender-Ammonschen Wohnstube abgeben: „Ist der aber wieder klein.“

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