„Initiativgruppe Gliedmaßenamputierter Rummelsberg“

„Amputation, und nun?“ – Hilfe zur Selbsthilfe

Hans Günther Scharrer nimmt trotz seiner Unterschenkelamputation bei internationalen Fahrradrennen teil. Zum Fahrradfahren hat er eine spezielle Prothese (oben). In gemütlicher Runde kommt beim SHG-Stammtisch der Humor nicht zu kurz. Im Vordergrund jedoch steht der Erfahrungsaustausch (unten)2013/09/SHG_Hans_Guenther_Scharrer_1.jpg

ALTDORF/RUMMELSBERG – Die Amputation einer Gliedmaße stürzt die Betroffenen nicht selten in eine existentielle Krise. „Das war´s dann wohl“ ist oft der erste Gedanke. Aber stimmt das? Welche Perspektiven gibt es für ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben trotz der Behinderung? Einige Betroffene aus Rummelsberg haben sich diese Fragen vor vier Jahren gestellt und mit der Gründung einer Selbsthilfegruppe (SHG) beantwortet.

Die Situation nach einer Gliedmaßenamputation ist weiß Gott nicht leicht. Nicht allein die Verletzung und auch weniger die Behinderung schmerzen. Der Verlust einer Gliedmaße bedeutet vielmehr eine empfindliche und folgenschwere Störung der körperlichen Integrität. Viele Betroffene können sich der Angst nicht erwehren, nach der Amputation nicht mehr vollständig zu sein.
Doch auch diejenigen, denen von Geburt an eine Gliedmaße fehlt, haben es nicht leichter. „Als Kind habe ich fürchterlich darunter gelitten“, erzählt Dieter Fesich aus Neumarkt. Seit Geburt fehlt ihm der linke Arm. „Ich kann auch nicht einfach über meine Behinderung hinweggehen. Sie ist nun mal da“, fügt er hinzu. Eine Sonderstellung verlangt der Neumarkter deswegen natürlich nicht. Er möchte einfach nur einen respektierten und anerkannten Platz in der Gesellschaft.

Austausch mit Betroffenen

Die „Initiativgruppe Gliedmaßenamputierter Rummelsberg“ hat ihm, wie vielen anderen, dabei geholfen, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Die Gruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen vor und nach einer Amputation zur Seite zu stehen. Sie hilft ihnen Motivation und Zuversicht zu behalten. Die Mitglieder treffen sich vierteljährlich zu einer großen Versammlung. Desweiteren gibt es verschiedene Sportangebote und seit Januar diesen Jahres auch einen Stammtisch zum gemütlichen Umtrunk. Unterstützt wird die Gruppe durch das Krankenhaus Rummelsberg, das ihr kostenlos Räumlichkeiten für die regelmäßigen Treffen zur Verfügung stellt.
„Besonders das Miteinander und die Gemeinsamkeit sind wichtig“, betont Simon Egid, Mitbegründer und geistiger Vater der SHG. „Es geht vor allem darum, persönliche Erfahrungen auszutauschen und eigene Erlebnisse mitzuteilen – zu zeigen: Ihr seid nicht allein“. Der lebenslustige Eismannsberger hatte selbst mit 20 Jahren ein Bein bei einem Unfall verloren.
Die Nachfrage nach einer Selbsthilfe-Einrichtung im Nürnberger Land ist groß. Bei der Gründung im November 2010 schlossen sich 16 Betroffene  zu einem Verein zusammen und riefen parallel dazu eine SHG ins Leben. Heute hat der Verein bereits 46 eingetragene Mitglieder zu verzeichnen. Zur Initiativgruppe fanden in den vergangenen Jahren sogar doppelt so viele Personen.
 Die Teilnehmer kommen größtenteils aus dem Nürnberger Land, aber auch aus der Oberpfalz, der Stadt Nürnberg und aus Ansbach. Sie treffen sich alle drei Monate in Rummelsberg. Bei der Versammlung stehen Gesellschaft und Austausch von Betroffenen im Vordergrund. Die Gliedmaßenamputierten sprechen über Schwierigkeiten und Schmerzen und geben sich Tipps für den Alltag und den Umgang mit Behörden und Versicherungen. „Niemand kann einem Betroffenen das schwere Los abnehmen“, meint Erich Hübner, der seit langem Mitglied ist.
„Aber durch eine positive Hilfe zur Selbsthilfe wird es leichter, dieses zu ertragen“.
Außerdem werden zu den regelmäßigen Treffen Fachvorträge zu Themen wie „Rehabilitation“ oder „Prothesentechnik“ organisiert.
Über die Jahre hinweg sind die Mitglieder der SHG zusammengewachsen. Neben den allgemeinen Versammlungen halten sie auch so Kontakt und treffen sich regelmäßig zum Sport oder zum geselligen Beisammensein.
Jeden Freitag findet sich ein harter Kern am „Lauf-Treff“ zwischen Altdorf und Unterrieden zum Nordic-Walking zusammen. Auch bei schlechtem Wetter laufen die Teilnehmer eisern ihre Runde und nur in den seltensten Fällen wird das Treffen abgesagt oder verschoben.
Das Training ist nicht nur für Betroffene gedacht, sondern auch für deren Freunde und Angehörige. „Hier kann mitlaufen, wer will“, läd Simon Egid ein.
Unter der Leitung von Hans Günther Scharrer finden zudem nach Vereinbarung zwei bis dreimal im Jahr Fahrradtouren statt. „Die weiteste Strecke, die wir mal zurück gelegt haben, war am alten Kanal entlang von Burgthann bis nach Neumarkt“, berichtet der Radsportbegeisterte. Der Henfenfelder nimmt trotz seiner Unterschenkelamputation regelmäßig an Radrennen in ganz Europa teil und hat eine Ausbildung zum Mountainbikeguide.

Geselligkeit am Stammtisch

Damit bei all der sportlichen Aktivität auch das leibliche Wohl bedacht wird, treffen sich die Mitglieder der SHG jeden letzten Freitag im Monat zum Stammtisch in Altdorf. In trauter Runde kommt auch der Humor nicht zu kurz. Die Stimmung ist gelöst. Die Stammtischgäste scherzen und lachen miteinander. Auch über sich selbst.
Sie wollen allerdings nicht nur die Geselligkeit genießen, sondern auch auf die teilweise vertrackte Situation Gliedmaßenamputierter aufmerksam machen. Sorgen bereitet ihnen zum Beispiel die unzureichende Repräsentation von Menschen mit Amputationen. „Wir haben einfach keine Lobby“, meint Simon Egid kopfschüttelnd.
Dies ist ihm und den Mitgliedern seiner Initiativgruppe kein Grund zum Zaudern. Sie sind erpicht darauf, dass ihre Geschichte erzählt wird.  Und sie machen weiter, jetzt erst recht.
Ihre nächste Veranstaltung ist das jährlich stattfindende Sommerfest am 13. September in Rummelsberg.

N-Land Magdalena Gray
Magdalena Mock