Abenteurerpaar Katzer am Ziel in der Mongolei

„Schlafen kann tödlich sein“

„Eine von vielen Nächten unterm Sternenhimmel am wärmenden Feuer“, schreiben die Katzers auf ihrer Facebook-Seite über dieses Bild2012/09/50093_TanjaundDenisKatzerLagerinderMongolei_New_1347638765.jpg

ERDENET — Ein Jahr leben die Behringersdorfer Abenteurer Tanja und Denis Katzer nun schon in der Mongolei. Als erste Mitteleuropäer überwinterten sie ein halbes Jahr bei den Tuwa-Rentiernomaden in der Wildnis. Derzeit befinden sich die beiden auf dem 1000 Kilometer langen Rückweg in die Zivilisation. Der PZ erzählt Denis Katzer vom Zeltalltag bei extremer Kälte, von nächtlichen Angriffen und weiteren „viel zu spannenden Situationen“.

Der 53-Jährige schnauft. Mit dem Handy am Ohr erklimmt er einen Gipfel. So viel ist zu verstehen. Weiter oben ist der Empfang für ein Interview dann stabil genug. Jetzt hört sich die Stimme so nah an, als stehe er gerade auf dem Moritzberg, tatsächlich ist Denis Katzer aber 8000 Kilometer entfernt. Zusammen mit seiner Frau Tanja, Hund Mogi und sechs schwer bepackten Pferden befindet er sich etwa 50 Kilometer vor Erdenet, der mit 88 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt der Mongolei.

Wie sieht es um ihn herum gerade aus? „Hier sind wahnsinnig viele Berge, eine Gebirgskette. Die Spitzen sind mit Lärchen bewachsen. Alles ist grün, eine megagroße Weidelandschaft, wie ein riesengroßer Garten Eden.“ Woher der Überschwang? „Die Vegetation, die Kräuter und Blumen duften einfach unglaublich stark, sehr würzig.“

Nach der unablässigen Aufregung des vergangenen Jahres, der neben der Australien-Expedition härtesten Abenteuerreise der beiden, in der es einige Male auch ums nackte Überleben ging, muss diese Kulisse geradezu paradiesisch wirken. Kurz vor der Stadt drohen kaum noch Überfälle, hier ist erstmals Zeit, die für unsere Augen exotische Landschaft genauer zu betrachten und, wie zu vernehmen ist, zu genießen.

Seit August 2011 dauert diese fünfte Etappe der Trans-Ost-Expedition an, auf der die Behringersdorfer seit sieben Jahren Europa und Asien vom Bodensee bis China erkunden wollen. 15 000 Radkilometer hatten sie bis in Mongolei bereits zurückgelegt (wir berichteten), im vergangenen Jahr kamen in der Steppen- und Gebirgslandschaft noch einmal 3000 Kilometer im Pferdesattel dazu.

Wenn Katzer erzählt, dass es anstrengend war und beide recht abgemagert sind, dann redet er natürlich nicht davon, einen Hügel für einen besseren Handy-Empfang hochzulaufen. Er spricht von unaufhörlichen Reisestrapazen, krassen Temperaturunterschieden und kurioserweise von der sich fatal auswirkenden mongolischen Gastfreundschaft. In den Jurten gibt es praktisch nur fettes Pferdefleisch, vergorene Stutenmilch und Kuhmilchschnaps, Vitamine Fehlanzeige – der Körper bedankt sich da schon mal auf seine Art.

Aber wirklich gezehrt hat die allgegenwärtige Gefahr, in der Wildnis einen Fehler zu machen, wieder einmal von jetzt auf gleich von den mongolischen Begleitern im Stich gelassen zu werden, und die ständigen Angriffe auf Hab und Gut oder auch als simple Aggression im Vollrausch. Selbst bei den sonst sehr friedlichen Tuwa. „Wenn du hier etwas lernst, dann ist es, dass nichts verlässlich, nichts von Dauer ist“, sagt er. „Du musst ständig hellwach sein, sonst bist du tot“, lautet die wohl wichtigste Lektion.

Am schwierigsten war es Anfang des Jahres bei minus 35 bis minus 50 Grad in der Jurte und im Tipi der Tuwa, dem Urtz, zu leben. Selbst Mongolen halten die Tiefstgrade bei Tsagaan Nuur, dem „Weißen See“, kaum aus. Das stellten die Behringersdorfer 50 Kilometer vom nächsten Dorf und 350 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt verblüfft fest.

„Reine Pampa“, nennt Katzer das Gebiet, das praktisch nur über Trampelpfade zu erreichen ist. Neben der Jurte und einer Basisernäherung aus Nudeln, Reis, Tee, Kakao und Kaffee waren ein Ofen und eine Motorsäge dort unentbehrliche Mitbringsel. Der Kaffee war ihre Eintrittskarte nach einem Probemonat bei den noch nach alten schamanischen Riten und Traditionen lebenden Nomaden – denn Katzers betrieben fortan die recht gut frequentierte „Café-Jurte“. Die Säge wiederum sicherte das Überleben. Katzer: „Jeden Tag musst du raus und Feuerholz machen, auch wenn du dir beim Luftholen Lungenschäden holst, sonst erfrierst du in deinem Zelt.“


Nachts waren nicht die heulenden Wölfe das Problem, die zwar beunruhigten, aber auf Rentierbeute aus waren, sondern die Wodka saufenden Nomaden, die mit diesem Produkt aus der Zivilisation nicht umgehen können. „Waren sie tagsüber noch freundlich, werden sie mit einem Mal hoch aggressiv. Nachts schlugen sie mit Prügeln auf unsere Jurte ein – da hast du einfach Schiss“, gibt Katzer offen zu und fragte sich öfter, ob sie diesmal mit ihrer Abenteuerlust zu weit gegangen sind.

Eine weitere Gefahr waren Überfälle. „Unsere Ausrüstung ist hier sehr viel wert“, erklärt Katzer. Ein Zelt und ein Pferd erbeuteten Diebe, was nicht weiter ungewöhnlich ist in der Mongolei. Womöglich hat die strikte Nachtwache im zweistündigen Wechsel herbere Verluste verhindert. Einige Male ritten Einheimische heran, um die Lage zu sondieren. Hirten oder Diebe?, lautete jedes Mal die Frage. Als die Mongolen eine ganze Pferdeherde am Zelt vorbeihetzten, war klar, dass sich die Tiere der Fremden in Panik losreißen sollten. Was aber nicht gelang.

„Du musst freundlich sein und auch zeigen, dass du wehrhaft und entschlossen bist.“ Schusswaffen sind nicht erlaubt, Katzers sammelten stattdessen beharrlich jeden Tag Steine, blendeten nächtliche Besucher mit starken Taschenlampen und hielten Pfefferspray bereit. So haben sie – abgesehen von Bänderverletzungen, die sie mit heimbringen – ihr großes Ziel wohlbehalten erreicht. „Es geht uns riesig“, sagt Denis Katzer. Er hofft, dass sie in den restlichen beiden Monaten vor der Rückkehr nach Behringersdorf noch einige Freunde und auch Sehenswürdigkeiten besuchen können. Die Erleichterung aus 8000 Kilometer Entfernung überträgt sich fast übers Telefon, freilich nicht der Duft dieses ganz speziellen Garten Eden. Michael Scholz

Ein aktueller Blog, die Reiseroute und Bilder sind zu finden auf www.denis-katzer.com, aktuelle Infos auch auf Facebook.

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