Therapeutisches Reiten in Behringersdorf

Glücksmomente auf dem Pferderücken

Bis sich Loreias Gleichgewicht entwickelt hat, setzt sich Therapeutin Anne Engert zu Bewegungsübungen mit auf den Pferderücken. Foto: Kohl2014/01/74819_ReittherapieBlindiTK2354_New_1388680564.jpg

BEHRINGERSDORF — Therapeutisches Reiten, Reittherapie: Das Nürnberger Land will damit in Zukunft verstärkt werben, dass es hier Angebote auch in diesem speziellen Bereich gibt. Sie reichen von der großen Anlage der Lebenshilfe in Schönberg (wo zur Eröffnung im August 2012 sogar Bundesministerin Ursula von der Leyen kam) bis zu unauffälligen privaten Diensten. Das Blindeninstitut Rückersdorf setzt schon seit vielen Jahren aufs Pferd. Was da passiert, geht unter die Haut – im positiven Sinn.

Nymphe ist eine sehr brave, ausgeglichene Haflinger-Stute. Sie hilft ihren Reitern, Grenzen zu überwinden. Die 18-Jährige arbeitet seit vielen Jahren als Therapiepferd für das Rückersdorfer „Blindi“. Unzählige junge Menschen mit teils sehr schweren Behinderungen hat sie schon über das Gelände des Simon-Reitstalls in Behringersdorf getragen. Auf diesem Hof wohnt sie – aber sie muss für Kost und Logis arbeiten, was sie offenbar gern tut.

„Nymphe hat eine spezielle Ausbildung als Therapiepferd für die Arbeit mit schwerstbehinderten Menschen bekommen, zum Beispiel Rollstuhlgewöhnung. Sie lebt hier im Herdenverband. Das ist eine artgerechte Haltung, die einen Ausgleich zur Arbeit in der Reittherapie schafft“, betont die Therapeutin Anne Engert. Sie erklärt, was diese Zusammenarbeit von Zwei- und Vierbeinern so wertvoll macht: „Pferde zeigen durch ihr Wesen als Herdentier soziale Verhaltensweisen. Sie sind an Kontakt interessiert, zeigen Akzeptanz, lassen Nähe zu und geben uneingeschränkt Zuwendung. Das wird beim Heilpädagogischen Reiten besonders für den Aufbau von Beziehung als grundlegendes Element genutzt.“

An vier Vormittagen in der Woche haben Nymphe, die Therapeutin und ihre Helferinnen auf dem idyllischen Gelände am Behringersdorfer Ortsrand alle Hände beziehungsweise Hufe voll zu tun. Im Halbstundentakt bringt Hermann Weidinger mit einem Kleinbus Kinder und Jugendliche aus dem Blindeninstitut Rückersdorf. Und fährt Menschen dorthin zurück, die erleben durften, dass das „höchste Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde“ liegt.

Therapie fördert Fähigkeiten

Anne Engert ist vom Wert dieser besonderen Therapie absolut überzeugt: „Es ist beeindruckend, welche positiven Effekte für die motorischen Fähigkeiten – wie Gleichgewicht, Aufrichtung, Koordination und Symmetrie – das bringt. Es fördert zugleich sensorische Fähigkeiten wie Feinmotorik, taktile und visuelle Fähigkeiten und die Körperwahrnehmung.“

Beim Zuschauen merkt man: Die Kontakte sind unkompliziert, herzlich. „Tschüss Nymphe, mach‘s gut – bis nächste Woche“, flüstert die kleine Laura beim Abschiednehmen der Pferdedame ins Ohr. Eine halbe Stunde lang hatte sie die Bewegungen des Tieres, sein weiches Fell, seine Wärme genossen. Zum Abschied hält sie der Stute einen Eimer mit Futter hin. Zufriedenes Schmatzen und Grummeln des Pferdes, Glück im Kindergesicht.

„Etwa zwei Drittel der jungen Menschen hier sind Rollstuhlfahrer“, sagt Anne Engert. Es wirkt verblüffend, wie sie nach dem Umsteigen vom Rolli aufs Pferd innerhalb kurzer Zeit aufblühen. Anspannung weicht einem zufriedenen Lächeln, verschlossene Kinder gehen plötzlich aus sich heraus, aus Steifheit wird harmonische Bewegung. Therapeutin Engert und ihrer Helferinnen passen auf, dass die Kinder auch bei einem emotionalen Überschwang nicht den Halt verlieren.

Es gibt auch andere „tiergestützte Therapien“, etwa mit Hunden und Streicheltieren. Aber kein Vierbeiner nimmt den Menschen so mit wie ein Pferd, im wahrsten Sinn des Wortes. Für Sport- und Freizeitreiter mag es bescheiden wirken, was da in Behringersdorf auf dem Reitplatz abläuft: Ein mittelgroßes, unspektakulär wirkendes Pferd trägt ein Kind, drei Frauen laufen nebenher. Manchmal setzt sich eine von ihnen mit auf den Pferderücken. Etwa bei Loreia. „Das Mädchen ist völlig blind“, erklärt Anne Engert. Die Kleine macht aber von Stunde zu Stunde tolle Fortschritte. Sie wird lockerer, freudiger, offener. Das wiederum erleichtert die therapeutische Betreuung im Rückersdorfer Blindeninstitut.

Ein Angebot für alle, denen es helfen würde, besser mit ihren Behinderungen zu leben? Leider nein, bedauern die Therapeutin und ihre Helferinnen. „Die Eltern müssen das selbst bezahlen, außer es finden sich Unterstützer. Wir suchen immer wieder auch Sponsoren für Patenschaften für einzelne Kinder“, sagt Anne Engert. Die Fachfrau für heilpädagogisches Reiten betont, dass die Reittherapie hier zwar niemanden materiell reich mache, aber trotzdem erhebliche Kosten anfallen. Das Pferd braucht Unterkunft und Verpflegung, die beteiligten Menschen erwarten auch einen gewissen Lohn. Trotz der sichtbaren Erfolge werde Reittherapie nicht von Krankenkassen oder Versicherungen bezahlt.

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