Behringersdorfer kennt Schattenseiten der Ukraine

Ein Blick ins Zentrum von Charkiw: In der Stadt mit ihren 1,4 Millionen Einwohnern im Nordosten der Ukraine spielt die deutsche Mannschaft am nächsten Mittwoch gegen die Niederlande. Dort leben viele arme Menschen – keiner weiß das besser als Fritz Körber, SPD-Bezirksrat aus Behringersdorf. Foto: Privat2012/06/44623_charkiwkoerberinnenstadt_New_1339163163.jpg

BEHRINGERSDORF/CHARKIW — Wenn die Niederlande bei der Fußball-EM gegen Dänemark oder gegen Deutschland spielen, dann gehen Bilder aus dem Stadion im ukrainischen Charkiw um die Welt. Was nicht im Fernsehen gezeigt wird: In der Nürnberger Partnerstadt prallen Arm und Reich aufeinander, hungern viele Menschen. Keiner weiß das besser als der Behringersdorfer Fritz Körber, der dort seit zwei Jahrzehnten hilft.

„Ich würde nicht einmal hinfliegen, wenn ich Freikarten bekäme“: Zur Europameisterschaft in der Ukraine hat der frühere Schwaiger Bürgermeister und Bezirksrat – sonst durchaus ein Fußballfan und lange Jahre selbst aktiv auf dem Platz – eine klare Meinung. Die Menschen in dem osteuropäischen Land hätten immer weniger Geld zum Leben, „während andere dort Millionen für neue Stadien ausgeben“, sagt der 72-Jährige.

Hilfe für die Ärmsten

Seit zwei Jahrzehnten reist Fritz Körber regelmäßig nach Charkiw im Nordosten der Ukraine und bringt Spenden mit, die er zu Hause in Mittelfranken gesammelt hat. Damit unterstützt die Arbeiterwohlfahrt, deren Ortsvorsitzender er ist, Armenküchen, Krankenhäuser und Behindertenorganisationen (die Pegnitz-Zeitung berichtet regelmäßig). Wenn Körber davon erzählt, dann leuchten seine Augen. Er schwärmt von der Dankbarkeit der Ukrainer, von den vielen Freunden, die er dort mittlerweile habe. Keine Frage: „Fritz aus Deutschland“ ist eine Bekanntheit in Charkiw.

Doch kaum geht es um das gestern eröffnete Fußballturnier, verfinstert sich dessen Miene. „Potemkinsche Dörfer“ seien in der 1,4-Millionen-Einwohner-Stadt gebaut worden. Rund um das Stadion und am Flughafen sei alles neu, aber gleichzeitig gebe es immer weniger Sozialleistungen. So klaffe die ohnehin schon große Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Körber macht das an konkreten Zahlen fest: Hotelzimmer kosten bis zu 350 Euro pro Nacht, für viele Ukrainer sind schon 30 Euro eine halbe Monatsrente. Die Preise für ein Essen in einem Restaurant sind nach Angaben des SPD-Politikers um bis zu 100 Prozent gestiegen. „Wunderschöne Geschäfte“ gebe es mittlerweile in Charkiw, aber davor hielten nur Porsche- und Mercedesfahrer.

Ganz anders dagegen die Eindrücke, die Körber bei seinen Besuchen in Krankenhäusern und Armenküchen sammelt. Alkoholismus und Jugendarbeitslosigkeit seien große Probleme, berichtet er. Mitunter würden die Menschen in der Kanalisation leben, um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.

Aber der Behringersdorfer will auch kein allzu düsteres Bild malen. Charkiw sei trotz aller Widersprüche eine interessante Stadt, es gebe dort viele Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel das bekannte Pokrowski-Kloster oder die Jugendstilgebäude im Zentrum. Die Sicherheitsbedenken mancher deutschen Fans, die Diebstähle oder Überfälle fürchten, teilt der Ukraine-Kennern auch nicht. „Ich habe dort noch nie Angst gehabt“, sagt er. Allerdings empfiehlt Körber, bei längeren Reisen zu zweit im Auto zu fahren. Angesichts schlechter Straßen seien Pannen an der Tagesordnung.

Aufgeschlossene Menschen

Fremden gegenüber sind die Charkiwer laut dem 72-Jährigen sehr offen. Häufig würden Einladungen ausgesprochen: „Wo man auch hingeht, ist der Tisch gedeckt.“ Ein bisschen trinkfest müsse man allerdings schon sein, den Wodka gibt es in der Ukraine – genauso wie im benachbarten Russland – schließlich aus großen Gläsern.

Der örtliche Fußballverein heißt FK Metalist Charkiw, er spielt in einem Stadion, das rund 40 000 Zuschauer fasst. Größter Erfolg in der Klubgeschichte: das Erreichen des Viertelfinales der Europaliga in der Saison 2011/12. Fußball, hat Körber beobachtet, besitzt für viele Menschen in der Ukraine den gleichen Stellenwert wie in Deutschland. „Sie freuen sich auf die Spiele der Europameisterschaft“ – auch wenn sie diese nicht selbst im Stadion erleben können, weil die Karten zu teuer sind.

Verfolgen wird Körber die Ereignisse wähend der Europameisterschaft gerade wegen seiner Bedenken. Er hofft, dass es nicht zu Auseinandersetzungen zwischen deutschen Hooligans und ukrainischen Fußballfans kommt. Inzwischen nämlich hätten die Charkiwer ein positives Deutschland-Bild – und das obwohl die Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs als Besatzer aufgetreten sei. Laufe das Turnier hingegen aus dem Ruder, so der 72-Jährige, „wird das, was wir wieder aufgebaut haben, kaputt gemacht“.

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