Abschied mit einem weinenen Auge

Horst Günter Lott wie man ihn kennt: mit voller Begeisterung am Klavier. Morgen übernimmt er zum letzten Mal die Leitung der Schwaiger Chorgemeinschaft. Foto: Krieger2010/04/Chorleiter_Lott_schwaig_1.jpg

SCHWAIG – Beethoven, Mozart, Liszt – wer in einem Viertel residiert, dessen Straßen die Namen der berühmtesten Komponisten tragen, kann der Musik eigentlich nur zugetan sein. Horst Günter Lott, langjähriger Leiter des Schulamtes Nürnberger Land und ehemaliger Rektor der Schwaiger Schule, jedenfalls liebt die Musik. 36 Jahre lang hat der heute 70-Jährige die Chorgemeinschaft Schwaig geleitet, hunderte Konzerte und Auftritte gestaltet und den Chor maßgeblich geprägt. Am morgigen Sonntag nun schwingt er zum letzten Mal den Taktstock.

Um 17 Uhr geht in der St.-Pauls-Kirche in Schwaig das letzte Konzert der Chorgemeinschaft unter Leitung von Horst Günter Lott über die Bühne. Auf dem Programm stehen Werke von Haydn, Schubert und Händel, als Solisten sind Christine Lehner-Belkaied (Sopran), Richard Kindley (Tenor) und Martin Dechet (Bariton) zu hören.

Etwas wehmütig ist Horst Günter Lott schon. Nicht nur, dass die Paulskirche von Anfang an zu den festen „Bühnen“ des Chors gehörte, unzählige Gottesdienste hat die Chorgemeinschaft Schwaig seit 1974 hier musikalisch gestaltet und ebenso viele Konzerte gegeben. Auch das Endgültige der Entscheidung, den Taktstock in jüngere Hände abzugeben – neuer Leiter ist der Rückersdorfer Josef Laußer – rückt näher.

Leicht wird es nicht fallen, in den vielen Jahrzehnten hätten sich doch „viele persönliche Beziehungen und auch Freundschaften“ entwickelt, erzählt Horst Günter Lott. Und auch wenn die Chorproben und Auftritte neben dem beruflichen und familiären Alltag immer viel Zeit in Anspruch nahmen, „Stress war das nie für mich“, sagt der pensionierte Volksschullehrer, „in der Musik kann ich mich entspannen.“

Schon als Student verdiente er sich in einer Tanzkapelle ein Zubrot, leitete als Lehrer dann diverse Kinder-, Jugend- und Männerchöre. Er spielt Klavier, Violine und Trompete und dirigierte unter anderem das Kammerorchester Fränkischer Lehrer und das Fürther Kammerorchester – eine musikalische Vita durch und durch.

In der gemütlichen Wohnung im Schwaiger Musikerviertel sind die Noten am Klavier aufgeschlagen, Lott arbeitet noch an den letzten Feinheiten für den morgigen Auftritt. Er ist Perfektionist, hat von Anfang an großen Wert auf Qualität bei „seinem“ Chor gelegt, wollte aber gleichzeitig auch immer frisch und modern klingen.

Schon 1974, bei der Gründung der Chorgemeinschaft Schwaig, nahm er deshalb nicht nur klassische Werke und Volkslieder ins Programm, sondern auch Musicals und Spirituals. In den Jahren darauf gelang es ihm außerdem, ausgebildete Solisten und Instrumentalisten ins Boot zu holen und Kontakte zu Chören aus dem In- und Ausland zu knüpfen, „wir wollten was lernen“.

Die Mischung mit Anspruch hat sich bewährt, die Chorgemeinschaft ist gefragt, hat allein 2009 mehr als 20 Auftritte absolviert und verfügt trotz altersbedingtem Rückgang über 78 aktive Sängerinnen und Sänger. Konzertreisen führten in den letzten Jahren oft auch ins Ausland, unter anderem nach Polen, Frankreich und Österreich. Und mit den Schwaiger Chortagen (seit 2005 Schwaiger Kulturtage) ist ein Forum für europäische Chorarbeit entstanden.

Eine musikalische Erfolgsgeschichte, die Horst Günter Lott verantwortlich begleitet hat, doch die Lorbeeren will er nicht allein ernten. Die Teamarbeit sei immer wichtig und entscheidend gewesen, „der Chor kann allein nicht singen und ich kann allein nicht dirigieren“ – fasst er zusammen.

Besondere Momente gab es viele während der vergangenen 36 Jahre, einer der bewegendsten war für den 70-Jährigen 2007 der Auftritt als erster deutscher Chor in der Kirche von Oradour-sur-Glane in Frankreich, wo die SS während des 2. Weltkrieges ein Massaker angerichtet hatte. Dass die Franzosen ihm und den Mitgliedern des Chores danach die Hände geschüttelt hätten, sei unglaublich berührend gewesen, erinnert sich der Chorleiter. Ein weiterer sicher bewegender Moment wird morgen um 17 Uhr in der Paulskirche sein, wenn Horst Günter Lott seine Chorgemeinschaft zum letzten Mal dirigiert.       

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger