Mit Andrea Lipka auf der „Tour de Bett“

In elf Rollen schlüpft Andrea Lipka in ihrem neuen Stück. Es beginnt mit der Museumsführerin und erstreckt sich von der alten Jungfer bis zur Prostituierten und vom Naivchen am Vorabend der Hochzeit bis zum lüsternen Ehemann. Ihre «Bettgeschichten» sind die erste Eigenproduktion im Tausendschön. Foto: Ziegler2010/04/20100419_lipkabettgeschehemann_big.jpg

SCHNAITTACH – Das Bett ist eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte. Diese weise Erkenntnis steht am Anfang der »Bettgeschichten», die Andrea Lipka nun als erste Eigenproduktion in der neuen Spielstätte Tausendschön in Schnaittach auf die Bühne brachte. Nach der Premiere war ihr die Erleichterung anzumerken: Mit den »Bettgeschichten» mutet sie ihrem Publikum ernstere Kost zu als mit ihren beliebten Kabarett-Programmen – doch der Applaus gibt ihr recht.

»Ich liebe meine Elfriede, sie ist sicherlich mein Alter Ego, aber ich möchte nicht auf sie beschränkt werden», sagt die preisgekrönte Kabarettistin Andrea Lipka. Deswegen suchte sie mit den »Bettgeschichten» eine neue Herausforderung nach ihren Erfolgsprogrammen als fränkisch-derbe Putzfrau Elfriede. Die »Bettgeschichten», die erste Eigenproduktion nach dem Umzug von der Simmelsdorfer Mühle ins »Tausendschön», sind voneinander unabhängige Theaterszenen, nur verknüpft durch das gemeinsame Motiv des Betts. Und dabei ist keine einzige von ihnen schlüpfrig, wie der Titel vielleicht vermuten ließe.

Eingebettet – um im Bilde zu bleiben – sind die einzelnen Szenen, die aus der Feder der Heuchlinger Autorin Renate Scholz stammen, in eine Rahmenhandlung, die sich Lipka und ihr Regisseur Klaus Lumpp ausgedacht haben: Die Zuschauer befinden sich im »Betten-Museum». Sie werden begrüßt und verabschiedet von Andrea Lipka als Museumsführerin und zwischen den einzelnen Szenen von einem »Audio-Guide», also einem akustischen Museumsführer, von Schauplatz zu Schauplatz geleitet.

Hinter der Bühne schlüpft indes Lipka in elf verschiedene Rollen vom Baby bis zum Sterbenden, von der Mutter im 19. Jahrhundert bis zur Nobel-Hure. Das ist nicht nur schauspielerisch, sondern auch rein logistisch eine Meisterleistung, denn für das Einfinden in die zum Teil diametral unterschiedlichen Rollen und das Umziehen bleiben maximal 90 Sekunden.
»Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie so mitgemacht haben», sagte die Tausendschön-Chefin ihrem Premierenpublikum am Ende. Dieses hatte besonders die heiteren Szenen mit viel Applaus und Lachtränen honoriert – so kennt das Publikum »seine» Andrea Lipka nun mal. Als dralles, oberbayerisches Bauernmädel, das – sich immer wieder das Dekolleté zurechtrückend – vergebens auf seinen Xaver wartet, der doch hatte »fensterln» wollen. Als mit einer berüschten Schlafhaube angetane alte Jungfer Gretchen, die »viel frische Luft und ihr Bett für sich allein» braucht. Als mit einem Sträflings-Strampler bekleidetes Kleinkind, das seinen Laufstall als Zelle und seine Mutter als Wärterin bezeichnet und in einem grandiosen »Baby-Rap» für seine Freiheit kämpft: »Und was zum Teufel ist eigentlich Eiapopeia?» Diese Baby-Szene – sicher eine der besten – ist die einzige, die nicht von Renate Scholz, sondern von Klaus Lumpp stammt.

Doch es sind gerade die nachdenklichen Szenen, die die »Bettgeschichten» zu dem machen, was sie sind, nämlich ein durchaus ernst gemeintes Theaterstück. Die überforderte moderne Mutter, deren Kind krank ist und sich auch durch den Struwwelpeter nicht beruhigen lässt. Die Hure, die einmal Bankangestellte war und die jetzt voll Zynismus ihren ehemaligen Chef als Kunden erwartet. Oder auch die x-fache Mutter im 19. Jahrhundert, die, gerade wieder einmal schwanger, darüber sinniert, ob ihr Ungeborenes es nicht besser hätte, wenn es tot zur Welt käme. Der sterbende Lebemann, der mit Gott abrechnet. Es ist gerade der Wechsel aus nachdenklichen und urkomischen Szenen, der die »Bettgeschichten» wirklich sehenswert macht.

Die »Bettgeschichten» werden ab sofort monatlich im Tausendschön gespielt, die nächsten Vorstellungen sind am Freitag, 14. Mai, und am Sonntag, 20. Juni.

N-Land Julia Ziegler
Julia Ziegler