Viele Facetten von Heimat

Klein, aber keineswegs ungemütlich ist die Stube im „Armenhaus“. Schorsch Berger blättert in seinen Unterlagen und findet dort allerlei historische Notizen, Postkarten und Fotos, darunter einige Raritäten.2011/08/heimatmuseum_rueck_stube_armenhaus_berger.jpg

RÜCKERSDORF — Ein Vierteljahrhundert gibt es das Rückersdorfer Heimatmuseum schon. Eine urige Sammlung von allerlei Krimskrams, die auf den ersten Blick chaotisch wirkt, auf den zweiten interessant, auf den dritten liebenswert. Sie ist im Schloss untergebracht. „Wie bitte: Schloss? Museum? In Rückersdorf?“ Viele können das gar nicht glauben. Beim Weinfest heute von 15 bis 22 Uhr werden die Türen und Tore weit geöffnet. Ansonsten kommt man nur nach Voranmeldung rein.

25 Jahre – eine lange, bewegte Zeit. Georg „Schorsch“ Berger freut sich, dass es dieses Museum in der Schlossgasse immer noch gibt – und dass es dank einiger Mitstreiter, besonders vom Verschönerungsverein, vitaler ist als je zuvor. Er erinnert sich an die Ursprünge: Die Geburtswehen waren heftig, als zartes Kind musste das Museum manchen Spott ertragen, die Jugend war mitunter turbulent. Und jetzt, in welcher Altersphase steckt das Museum eigentlich? Für Georg Berger ist 25 nur eine Zahl, eine schöne zwar, aber kein Grund für eine offizielle Jubiläumsfeier mit Festreden, die spätestens am Tag darauf vergessen sind.

Berger ist ein Unikum. So wie sein Museum. Dieses gehört zwar der „Gmaa“, auf Hochdeutsch der Gemeinde Rückersdorf, aber Berger ist der Chef, der in seiner rustikal-diplomatischen Art die Fäden zieht. Manchmal hängt am sprichwörtlichen Fadenende eine Antiquität, die er gern fürs Museum haben möchte. „Ich dränge nie jemanden, etwas herzugeben“, sagt er. Komischerweise kriegt er früher oder später trotzdem fast alles.

Sammlung quillt über

 

Das ist einerseits ja schön, aber auch ein Problem. Die Sammlung quillt über. Streichholzschachteln oder Bierdeckel lassen sich leicht zu Hunderten sammeln. Bei Schreibmaschinen oder Radiogeräten (in großen Mengen vorhanden) wirds schon schwieriger. Besonders viel Platz brauchen Trachten, wenn man sie an lebensgroßen Puppen präsentiert. Gut, manches kann man stapeln, Bücher, Postkarten oder Schallplatten beispielsweise. Und mal ganz ehrlich: Waren Waschküchen, wie hier im Museum, nicht schon immer und überall Räume, in denen sich verschiedenstes Zeug häuft?

Schwelgen in Erinnerungen

 

Trotzdem: Die Besucher sind – wenn ihre Verwunderung sich erst mal gelegt hat – in aller Regel begeistert. Berger erzählt, wie ältere Frauen beim Anblick einst vertrauter, aber mittlerweile vergessener Haushaltsgeräte in Erinnerungen schwelgen. Wie Männer vor der alten Modelleisenbahn wieder zum Kind werden. Und wie Kinder begeistert mit einfachsten Uralt-Rollern durchs Museumsareal flitzen.

Museumsareal: ein hochtrabendes Wort. Eigentlich handelt es sich um einen Hinterhof mit einer Scheune und unscheinbaren Nebengebäuden. Das Haupthaus dieses Ensembles steht leer. Es ist das alte Rückersdorfer Tucherschloss. An einer Ecke fehlt großflächig der Putz; kein Verfall, wie viele glauben, sondern sichtbares Ergebnis denkmalpflegerischer Untersuchungen. Das Haus böte durchaus Raum für weitere Sammlungen – aber zuerst müsste wohl für die aufwändige Sanierung gesammelt werden, erklärt Berger.

Ein Teil des Museums wurde kürzlich von fleißigen Händen mustergültig hergerichtet: die Druckerei. Hier stehen betagte, aber blitzblanke und voll funktionsfähige Druckmaschinen sowie ein Teil der alten Bleisetzerei von „Fahner-Druck“. Das Laufer Unternehmen hat sie gerne dem Museum überlassen, wo sie zu neuen Ehren kommen. Heute druckt Berger damit historische Postkarten.

Schulbänke und Schmetterlinge

 

Eine bekannte Attraktion ist das originelle, winzige Schulzimmer mit alten Original-Holzbänken. Auch der Naturkunderaum mit großer Schmetterlingssammlung ist beliebt. Georg Berger erzählt, dass er damals einigen Widerstand überwinden musste. Ein Gönner wollte ihm die mehr als 10 000, teils exotischen Insekten überlassen. Gemeindevertreter runzelten aber die Stirn: Was, bitteschön, haben diese bunten Falter mit Rückersdorf zu tun? Sind sie wenigstens mal drüber hinweggeflogen? „Freilich sind da auch auswärtige Schmetterlinge dabei. Aber ich kann doch in so einer Sammlung nicht nur Kohlweißling und Zitronenfalter zeigen“, habe er daraufhin gesagt.

Den 72-Jährigen reizt es nach wie vor, Widerstände zu überwinden. Eines käme ihm aber hart an, sagt er zumindest: Wenn es zum 25. Geburtstag des Museums hochtrabende Jubiläumsreden gäbe. Viel lieber möchte er heute beim Weinfest ungezwungen mit Leuten plaudern. Wie das enden wird, weiß er natürlich: Danach wird die Sammlung wieder ein Stück wachsen.

Zum Thema

Das Heimatmuseum Rückersdorf bietet zahlreiche Exponate aus dem heimischen bäuerlichen, handwerklichen und hauswirtschaftlichen Bereich:

Verschiedenste bäuerliche Geräte
Große alte Schmiede
Armenhaus mit Wohnstube
Küche und Waschküche
Ländliches Schlachthaus
Schreinerwerkstatt
Schusterwerkstatt
Kleines Schulzimmer
Wintersportabteilung
Naturkunderaum mit großer Schmetterlingssammlung
Museumsdruckerei
Viele nostalgische Dinge des täglichen Lebens im Originalzustand

Keine festen Öffnungszeiten. Besichtigung nach Vereinbarung unter Telefon 0911/570 63 32 (Georg Berger) oder 0911/57054-0 (Gemeindeverwaltung). Schulklassen sind willkommen.

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