PZ-Serie „Ein Jahr im Amt“: Rückersdorfs Bürgermeister Manfred Hofmann

Auf einem guten Weg

Bürgermeister Manfred Hofmann vor seinem alten und neuen Arbeitsplatz: dem Rückersdorfer Rathaus. Foto: Braun2015/06/DSC_0229.jpg

RÜCKERSDORF — Vor einem Jahr haben die Rückersdorfer Manfred Hofmann zu ihrem Bürgermeister gewählt und damit in mehrerlei Hinsicht ein neues Kapitel aufgeschlagen: Sie beendeten eine lange Ära unter CSU-Bürgermeistern, hoben erstmals einen Parteilosen in den Chefsessel und zeigten, dass Vorurteile in ihrem Ort keinen Platz haben: Der neue Rathauschef ist kein „Eingeborener“ und steht zu seiner Homosexualität. 

Ein paar Sonnenstrahlen fallen durch die halb geschlossenen Lamellenvorhänge des Bürgermeisterbüros auf einen aufgeräumten Schreibtisch. Mappen und Unterlagen sind feinsäuberlich aufeinander gestapelt, Telefon, Taschenrechner und Kalender ordentlich im Halbkreis um den Flachbildschirm angeordnet. Wer genau hinsieht, findet auch Hinweise auf die private Seite des neuen Büroinhabers: eine Handvoll Bilder, eine bunte Tasse, aus der Kaffee dampft, eine Orchidee und ein grüner Stock auf dem Fensterbrett lassen sein größtes Hobby erahnen, das Gärteln. Dafür ist allerdings kaum noch Zeit.

Offen erzählt Hofmann, wie vor einem Jahr seine berufliche Laufbahn in der Verwaltung und sein Leben durcheinander gewirbelt wurden. Als SPD und RUW (Rückersdorfer unabhängige Wähler) ihn fragten, ob er als Bürgermeisterkandidat für beide Parteien antreten wolle, war der damalige Gemeindekämmerer „komplett überrascht“. Nach einem Wochenende Bedenkzeit war für ihn klar: „Das ist eine einmalige Chance.“

Der Wahlkampf setzte ihm zu. Plakate wurden mit schwulenfeindlichen Parolen beschmiert, „unsägliche Briefe“ (Hofmann) in Zeitung und Mitteilungsblatt veröffentlicht, in denen Ex-Bürgermeister Wiesner und CSU-Gegenkandidat Johannes Ballas gegen ihn schossen – und trafen. „Es hat mich traurig gemacht, weil ich mit Peter Wiesner acht Jahre lang gut zusammengearbeitet hatte“, sagt Hofmann über die Attacken.

Tolerantes Rückersdorf

Dass er trotzdem siegte, war für den 52-Jährigen, der mit seinem Lebenspartner in Altdorf wohnt, mehr als eine persönliche Bestätigung. „Dass ich hier einfach als Mensch zähle, bedeutet mir viel. Meine Wahl ist aber auch ein Zeichen an andere Homosexuelle, dass Rückersdorf sehr weit ist. Für eine solche Gemeinde arbeitet man gern“, sagt er und strahlt.

Für die CSU kam die Wahl 2014 eher einem Erdrutsch gleich. Neben dem Bürgermeisterposten verloren sie nach über 40 Jahren auch die Mehrheit im Rat. Doch darauf will Hofmann nicht herumreiten: „Es hat in Rückersdorf immer ein gutes Miteinander im Gemeinderat gegeben und das möchte ich auch so beibehalten.“

Ein gutes Zeugnis stellt ihm hier auch der politische Gegner aus: „Er ist umgänglich, objektiv und zielorientiert. Wenn mal etwas hochkocht, versucht er, die Wogen zu glätten“, hat CSU-Rat Theodor Pleyer im Gemeinderat beobachtet. Den Haushalt für 2015 lehnte seine Fraktion trotzdem ab (wir berichteten). „Das habe ich nicht verstanden“, sagt Hofmann. In den Vorberatungen seien alle Posten einstimmig verabschiedet worden. Pleyer erklärt: „Da waren noch nicht alle Fakten auf dem Tisch“. Bei einigen Themen habe es Unstimmigkeiten gegeben, zum Beispiel, ob das Dach des Bauhofs wirklich neu gedeckt werden muss.

Hofmann, der einst selbst in der Jungen Union aktiv war, aber einen sozialdemokratischen Hintergrund hat („Ich bin in Burgkunstadt in einem Arbeitermilieu aufgewachsen“), sagt von sich, dass er in kein Partei­schema richtig passt. Ein Vorteil für einen Bürgermeister, wie er findet, weil er keine Parteipolitik betreiben müsse und wolle. „Es gibt viel Sachverstand in allen Fraktionen, den ich unbedingt einbinden will. Gerade bei den großen Herausforderungen, die wir vor uns haben, müssen wir alle zusammenstehen.“

Mit diesen großen Aufgaben meint Hofmann unter anderem das Thema Asyl. Im Spätsommer sollen bis zu 66 Flüchtlinge in Reihenhäuser am Kiefernsteig einziehen. Dass sich bereits ein großer Unterstützerkreis gebildet hat, macht den Bürgermeister stolz. Schließlich gelte es, jede Menge Arbeit ehrenamtlich zu schultern.

Bei den aktuellen Großprojekten, wie der Hangentwässerung am Strengenberg, bei der offene Grundstücksfragen einen baldigen Abschluss verhindern, ist man im ersten Jahr noch nicht wirklich voran gekommen, räumt Hofmann ein. Ähnlich schwierig gestalten sich die Diskussionen um den maroden Bürgersaal und die Zukunft des Schmidtbauernhofs, der für viel Geld saniert werden müsste.

Immerhin habe man Kita-Plätze geschaffen, einen neuen Schulbus, eine Bürgerbroschüre und eine neue Homepage auf den Weg gebracht, die Nachbarschaftshilfe laufe gut an. Im Rathaus versuche er, einen frischen Wind hineinzubringen und seinen Mitarbeitern immer mehr Kompetenzen zu übertragen.

Bürger mehr mit einbeziehen

Auf längere Sicht haben für Hofmann der flächendeckende Breitbandausbau und die Schaffung bezahlbaren Wohnraums Priorität. Sein wichtigstes Anliegen, das betont er immer wieder, ist aber die Bürgerbeteiligung. Im ersten Jahr sei er einfach zu viel am Schreibtisch gesessen, bedauert er. In Rückersdorf ist der Bürgermeister gleichzeitig geschäftsleitender Beamter und Leiter der Gemeindewerke. Daneben hat Hofmann seinen Nachfolger in der Kämmerei, Hendrik Wolf, unterstützt. Jetzt, da alles angelaufen ist, will er verstärkt in die Bürgerschaft hinein gehen, Vorschläge und Sorgen aufnehmen.

Dabei helfe ihm, dass er „gut auf Menschen zugehen und sie erreichen kann“, beschreibt er eine seiner Stärken. Auch seine Erfahrung als Kämmerer komme ihm jetzt zugute: „Ich kenne die Gemeindefinanzen und kann strukturiert arbeiten“. Dabei sei er allerdings oft „zu ungeduldig mit mir selbst und mit anderen“. „Ein bisschen diplomatischer“ wolle er werden, sagt er selbstkritisch.

Ist Manfred Hofmann in seinem Amt denn schon angekommen? Er überlegt. „Ich glaube, ich habe meine Rolle noch nicht ganz gefunden.“ Doch erste Rückmeldungen von Bürgern, dass er seine Sache gut mache, stimmten ihn positiv. An die neue Position als Chef unter ehemaligen Kollegen müsse er sich noch gewöhnen. Die Möglichkeiten, die mit dem Amt einhergehen, „gestalten, anregen und bewegen zu können“, begeistern ihn aber schon jetzt. Das Führen gelinge immer besser und schließlich sei das erste Jahr immer das schwerste.

N-Land Tina Braun
Tina Braun