Röthenbacher Hartmut Pürner hat ein Buch über seine vier Jahre in Albanien geschrieben

„Pegida? Leute, ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt“

Vier Jahre lang lebte und arbeitete der aus Röthenbach stammende Hartmut Pürner in Albanien. Über seine Erfahrungen in dem südosteuropäischen Land hat er jetzt ein Buch geschrieben. Foto: Kirchmayer2015/04/96183_HartmutPuernerAlbanienBuchRoethenbachFebruar2015kir_New_1429084868.jpg

RÖTHENBACH — „Es wird lauter gestritten, aber auch lauter gelacht“, sagt Hartmut Pürner über das Leben in Albanien. Und der Röthenbacher muss es wissen: Rund vier Jahre lang arbeitete er für die OSZE in dem südosteuropäischen Staat. Jetzt hat er ein Buch darüber geschrieben. Es soll Interesse wecken an einem Land, das sonst, wie Pürner sagt, oft nur wegen Blutrache und Drogenhandel im Gespräch ist.

Dass in dem kleinen Mittelmeerstaat Albanien die Uhren anders gehen als in Deutschland, hat Hartmut Pürner schnell bemerkt, als er beruflich in die Hauptstadt Tirana gezogen war. Für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) war er vier Jahre, von 2007 bis 2011, in Albanien. Die OSZE hilft Staaten, die sozusagen Nachholbedarf in ihrem politischen Aufbau haben. In Albanien, wo die Organisation immer noch aktiv ist, geht es um die „Schaffung von demokratischen Strukturen“, wie Pürner es ausdrückt.

Chaotisch ist aber nach der Erfahrungen des 47-Jährigen nicht nur die politische Lage Albaniens. Bis heute, so schildert er in seinem Buch „Albanien – mit dem Mercedes nach Europa“, ist ihm nicht klar, ob er in der Hausnummer 4, 5 oder 6 gewohnt hat. Die Rechnungen kamen dennoch immer irgendwie an.

„Mir war es ein Anliegen, das Land so darzustellen, wie man es erlebt, wenn man in Tirana lebt“, sagt Pürner.“ Mit Witz und einer Mischung aus Verwunderung und Sympathie für seine damalige Wahlheimat erzählt er von skurrilen Erfahrungen und vom Alltag in dem armen Land.

„Der Müll wandert ungetrennt in denselben Müllsack, den werfe ich in einen Container in der Straße. Abends kommen Roma und entnehmen alles Recyclebare. Die Roma sind der Grüne Punkt Albaniens. Nachts kommt die Müllabfuhr und holt den Rest. Der wird dann irgendwo in die Landschaft gekippt“, schreibt er.

Pürner, 1967 in Nürnberg geboren, aufgewachsen in Röthenbach, sein Vater saß dort 36 Jahre lang im Stadtrat, kam durch Zufall und über Umwege nach Albanien. Über den Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) wurde er 1997 kurzzeitig Lektor für Deutsch an der Universität der bosnischen Stadt Mostar, knüpfte dort Kontakte zur OSZE. „Ich bin da reingerutscht“, sagt Pürner. Für die OSZE arbeitete er in Bosnien, im Kosovo, 2006 auch als Wahlbeobachter in der Ukraine. 2007 ging es nach Albanien. Dort war er drei der vier Jahre Leiter des „Democratization Department“.

Der größte Unterschied zum Leben in Deutschland ist, so Pürner, „dass der staatliche Rahmen nicht funktioniert“. Soll heißen: „Die politische Auseinandersetzung findet nicht im Parlament statt.“ Die Opposition verweigert sich, ruft lieber zu Demonstrationen auf, statt sich dem Diskurs zu stellen.

Auch Steuern und Krankenversicherungen, hierzulande für manche ein Ärgernis, seien in Albanien ein echtes Problem. „Der schützende Rahmen fehlt“, sagt Pürner. Die Gerichte seien oft korrupt, Gesellschaft und Politik werden durch Klientelwirtschaft bestimmt. Pürner zieht den Vergleich zu Deutschland: „Pegida? Leute, ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt.“

Doch trotz allem, auch wenn Albanien eines der ärmsten Länder Europas sei, war Pürner von der Mentalität der Menschen erstaunt: „Ich habe dort so wenige Leute jammern hören“, sagt er. „Jeder schlägt sich irgendwie durch“, trotz der schwierigen Zustände zeigten die Albaner viel Optimismus und Lebensfreude.

Mit den meisten Menschen, die er traf, hat er positive Erfahrungen gemacht. „Es findet viel mehr auf der Straße und im Freien statt, weil es das Klima hergibt. Wenn man in Tirana aus der Haustür geht, ist man sofort unter Menschen.“ Das sei eben typisch für Südeuropa. „Es geht lauter zu, es wird lauter gestritten, aber auch lauter gelacht.“

Er spricht von „Herzlichkeit, Wärme, persönlichem Kontakt, den man leicht findet.“ Und von jüngeren Menschen: „Das Land ist im Schnitt zehn Jahre jünger als Deutschland, das sieht man.“

2011 hat sich Pürner aus familiären Gründen aus Albanien verabschiedet. Seine Frau erwartete ein Kind, er entschied sich, beruflich zunächst einmal zu pausieren. Als „Hausmann und Familienvater“ hatte er dann die Idee, ein Buch über seine Erfahrungen in Albanien zu schreiben. Und die nötige Zeit. „Damals, in Albanien, habe ich ständig Dinge erlebt, die ich festhalten wollte, und habe sie dann aufgeschrieben.“ Daraus wurde ein 288 Seiten dickes Buch, das seit November 2014 im Handel erhältlich ist.

Pürner sagt, er wollte ein Buch schrei­ben, „das sich unterhaltsam liest, humorvoll ist und neugierig auf das Land macht“. Es richtet sich an alle, die mit Albanien beruflich oder privat etwas zu tun haben oder es als Reiseziel ins Auge fassen.

Mittlerweile in Frankreich

Mittlerweile wohnt Hartmut Pürner mit seiner Familie in Frankreich, im Örtchen Ferney-Voltaire nahe der Grenze zur Schweiz. Seine Frau, eine Bulgarin, die er im Kosovo kennengelernt hat, arbeitet in Genf bei den Vereinten Nationen, Pürner hat eine Stelle als Deutschlehrer in der Schweiz.

Der ehemalige Röthenbacher hält Kontakt zu albanischen Freunden. „Die Verbindung zur Region wird bleiben“, sagt Pürner. Seit 2011 war er jetzt nicht mehr in Albanien. Zumindest für einen Urlaub zurückkehren will er, wenn seine Kinder, heute zwei und drei Jahre alt, etwas älter sind. „Es ist ein schönes Land. Ich habe mich unter den Menschen sehr wohlgefühlt“, sagt Pürner.

Die OSZE ist immer noch in Tirana. Albanien möchte gern in die EU, seit Juni 2014 ist der kleine Staat ein offizieller Beitrittskandidat. Realistisch ist eine Aufnahme in den kommenden Jahren aber nicht, sagt Pürner. Allerdings: „Albanien funktioniert im Moment besser als das EU-Land Griechenland.“

Schwierige Zustände

„Albanien – Mit dem Mercedes nach Europa“ ist ein kurzweiliges, weil in viele knappe und einfach zu lesende Kapitel aufgeteiltes Buch, das gut unterhält und gleichzeitig über ein Land informiert, über das man sonst wenig erfährt. Die sehr persönlichen Erlebnisse Pürners verbinden sich mit beruflichen Erfahrungen eines Albanien-Experten. In den Anekdoten, so launig sie auch erzählt sind, schwingen aber oft auch Verzweiflung und Kopfschütteln über die schwierigen Zustände in dem armen südosteuropäischen Land mit.

Eine Lektüre, nach der man das Gefühl hat, dass man sich angesichts der Verhältnisse in Albanien vielleicht seltener beklagen sollte über Deutschland.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer