Röthenbacher Eduard Schottenhammer ist wieder unterwegs

Ohne Weckruf am 1. Mai geht es nicht

Weckruf mit dem Megafon: So ist Eduard Schottenhammer am Tag der Arbeit unterwegs. | Foto: Sichelstiel2021/04/edi-schottenhammer-dgb-rothenbach-1-mai-kundgebung-auto.jpg

Röthenbach – Seinen kleinen roten Hyundai kennt in der Stadt fast jeder. Und wenn morgen daraus ein Megafon gereckt wird, dann wissen eingefleischte Röthenbacher sofort, was los ist: Edi ist wieder unterwegs, so wie an jedem 1. Mai, dem Tag der Arbeit. Er macht seinen Weckruf.


Edi, das ist Eduard Schottenhammer. Jemand wie er lässt sich weder von der zuletzt etwas angeschlagenen eigenen Gesundheit noch von einer Pandemie unterkriegen. Schottenhammer, seit über 50 Jahren Gewerkschafter und seit den Achtzigern Vorsitzender des Röthenbacher DGB-Ortskartells, fährt natürlich auch durch die Straßen seiner Heimatstadt, wenn die sonst stattfindenden Kundgebungen ausfallen. „Heraus zum 1. Mai“, sagt der 72-Jährige, wird er diesmal aber nicht rufen. Wohin sollten die Leute auch? Weder in Nürnberg noch in Röthenbach finden Veranstaltungen statt. Nur im Internet.


Für Schottenhammer, gelernter Maschinenschlosser, „44 Jahre beim Diehl“, ist der 1. Mai zwar ein Tag mit einer wichtigen politischen Botschaft, aber eben auch ein Feiertag: „Es geht um das Miteinander“, sagt er. 400 bis 500 Leute, ganze Familien, die auf den Beinen sind, Abordnungen aus den Betrieben, von Graphite Cova und dem Röthenbacher Diehl-Werk, Bier, Bratwürste und dazu die Musik der Stadtkapelle: Das ist seine Vorstellung vom 1. Mai. Früher, meint Schottenhammer, hätten die Kirchen noch ihre Glocken geläutet und selbstverständlich hätten auch die Pfarrer vorbeigeschaut.


Röthenbach als Arbeiterstadt


Aber Edi ist kein Träumer. Dass die Röthenbacher Maikundgebungen auf dem Friedrichsplatz und zuletzt in der „Neuen Mitte“ in den vergangenen Jahren zunehmend weniger Leute anzogen, weiß er selbst, man muss es ihm nicht sagen. Röthenbach ist nicht mehr die Arbeiterstadt, die es einmal war. „Aber bisher war noch jeder Bürgermeister in der Gewerkschaft“, sagt der 72-Jährige. Und das Ortskartell schafft es Jahr für Jahr, die einzige richtige Kundgebung zum Tag der Arbeit auf die Beine zu stellen, die es im Nürnberger Land noch gibt. Darauf ist der Vorsitzende des Röthenbacher DGB-Ortskartells stolz. Im mehr als doppelt so großen Lauf, der Nachbarstadt, gelingt das seit über einem Jahrzehnt nicht mehr.
Und Corona? Bedeutet es das Aus für den 1. Mai in Röthenbach? Endet die Tradition? Edi winkt sofort ab. „Wenn es wieder geht, machen wir es wieder.“


Bis dahin will er „das Bewusstsein erhalten“. Und schon deshalb wird er morgen sein Megafon nehmen und in sein Auto steigen, so wie er es seit den 80er-Jahren tut. Beim Landratsamt ist die Ein-Mann-Kundgebung bereits angemeldet. Start wird allerdings nicht um 8 Uhr sein, wie sonst, sondern eher um 9 Uhr, meint Schottenhammer. Ein Zugeständnis an die Gesundheit des 72-Jährigen. Auch die Dörfer, also Haimendorf, Renzenhof, Rockenbrunn, bekommen in diesem Jahr keinen Besuch von ihm, „das traue ich mir nicht mehr zu“. Doch im Kernort wird Edi unterwegs sein, jeden Stadtteil will er besuchen, ob Seespitze oder Speckschlag. „Manche Leute warten schon darauf“, sagt er. Und beschwert hat sich über den Weckruf ohnehin noch nie jemand.

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