Erich Schreier besuchte 1991 den DDR Staats-Chef

Auf einen Kaffee bei Honecker

Sowjetisches Militärkrankenhaus Beelitz, 1991: Erich Schreier (in der Bildmitte) trinkt eine Tasse Kaffee mit dem Ehepaar Margot und Erich Honecker. Der einstige DDR-Staatschef wurde zu diesem Zeitpunkt schon per Haftbefehl gesucht. Weil die Sowjetarmee den 78-Jährigen allerdings beschützte, war die deutsche Polizei machtlos. Foto: Privat2012/08/49613_21-03-91erichhoneckerschreyergaeste0001_New_1346313661.jpg

RÖTHENBACH — Für viele ist er der Inbegriff des DDR-Unrechtsstaats: Erich Honecker, Staatschef bis 1989, wäre am vergangenen Wochenende 100 Jahre alt geworden. Vier Röthenbacher Kommunisten haben ihn kurz nach der Wende getroffen – als Honecker bereits auf der Flucht vor der Polizei war. Erich Schreier, heute 83 Jahre alt, erzählt die Geschichte dieser abenteuerlichen Begegnung.

Auch wenn er noch immer überzeugt vom Kommunismus ist: Erich Schreier ist nicht blauäugig. Die DDR-Führung habe „viele Fehler“ gemacht, sagt der Röthenbacher, „und die kleinen Leute haben darunter gelitten“. Heute sehe man – diese distanzierte Formulierung verwendet der 83-Jährige – die Dinge einfach anders als damals, kurz nach der Wende.

Rückblick: Im Herbst 1990 versucht die nunmehr vereinigte Berliner Staatsanwaltschaft, dem einstigen SED-Generalsekretär Erich Honecker den Prozess zu machen. Bereits die DDR-Führung hatte nach der Absetzung des Staatschefs ein Jahr zuvor ein Wirtschaftsstrafverfahren eingeleitet. Honecker soll sich im Amt bereichert haben, lautet der Vorwurf. Jetzt will ihn die Justiz der Bundesrepublik für den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze verantwortlich machen. Der 78-Jährige flüchtet zunächst zu einem Pastor, später findet er Unterschlupf im sowjetischen Militärkrankenhaus in Beelitz, einem riesigen Komplex südwestlich von Berlin.

Schreier, der als Altenpfleger in Röthenbach arbeitet und in der DKP aktiv ist, gelingt, was Petra Kelly und Gerd Bastian von den Grünen verwehrt bleibt: Er bekommt eine Besuchserlaubnis, darf gemeinsam mit drei Genossen aus der Pegnitzstadt zu Margot und Erich Honecker fahren. „Das ging damals über ein Solidaritätskomitee, die hatten Kontakt zu Honeckers Rechtsanwälten“, erinnert er sich. Schreier hat einen entscheidenden Vorteil, er kennt den geschassten DDR-Staatschef persönlich. Das hat mit seinem ungewöhnlichen Lebenslauf zu tun.

1947 war er, schon damals ein Linker aus Überzeugung, in Oberfranken in die FDJ eingetreten. Die kommunistische Jugendorganisation hatte in Westdeutschland zwischenzeitlich bis zu 30 000 Mitglieder, ihre Funktionäre waren allesamt Mitglieder der KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands. Schreier, der aus dem Fichtelgebirge stammt, engagierte sich im westdeutschen FDJ-Vorstand und traf so auf Honecker, der die Gruppierung bis 1955 in der DDR leitete. In Westdeutschland wurde sie zu Beginn der Fünfziger verboten.

Strenge Kontrollen

An den Besuch der Röthenbacher in Beelitz im Frühjahr 1991 kann sich Schreier noch gut erinnern. Vor dem Tor zum Krankenhaus stand damals die deutsche Polizei, drinnen kon­trollierte die Sowjetarmee jeden, der zu Honecker wollte. „Die haben geschaut, ob wir keine Waffen dabei haben“, sagt der 83-Jährige. Das Ehepaar habe bescheiden gelebt, zwar in einer kleinen Villa, aber dort nur in zwei Zimmern mit einer Kochnische.

Honecker litt zu diesem Zeitpunkt bereits an einem Lebertumor. Die Pegnitz-Zeitung berichtete am 21. März 1991 über das ungewöhnliche Treffen und zitiert auch Schreier: „Eine längere Unterhaltung ist mit dem 78-Jährigen kaum mehr möglich.“ Stark verbittert sei der frühere Staatschef obendrein, heißt es in dem Text weiter. Er könne nicht verwinden, dass er jetzt als Gefangener behandelt werde.

Diesen Eindruck bestätigt Schreier, wenn man ihn heute darauf anspricht. Und dann erinnert er daran, dass Honecker während der NS-Zeit zehn Jahre im Zuchthaus gesessen habe. Aber was ändert das an der Tatsache, dass dieser für den Schießbefehl, also für die Toten an der Grenze, verantwortlich war? „Natürlich war er dafür verantwortlich“, sagt der Rentner. Trotzdem sei das Vorgehen der Justiz im wiedervereinigten Deutschland von politischen Erwägungen gesteuert worden. Schreiers Argument: „Gorbatschow hat man ja auch nicht angeklagt.“ Dabei habe dieser weit mehr Einfluss gehabt. „Es gab Fehler auf beiden Seiten“, meint er.

Um diese Argumentation zu verstehen, muss man die Biografie des 83-Jährigen genau kennen. 33 Monate war er nach eigenen Angaben inhaftiert – unter anderem, weil er Mitglied der FDJ war und illegal für DDR-Zeitungen schrieb. Schreier: „Ich habe nichts gestohlen und niemanden vergewaltigt.“ Lange sei er vom Verfassungsschutz beobachtet worden.

Die Begegnung des einstigen SED-Generalsekretärs mit den Röthenbachern fand übrigens zu einem historischen Zeitpunkt statt. Nur zwei Tage später wurde dieser mit einem
 sowjetischen Militärflugzeug nach Moskau ausgeflogen. Erst im Jahr darauf – nach massivem diplomatischem Druck – kehrte Honecker zurück nach Deutschland, wo ihm in Berlin der Prozess gemacht wurde. Ob seiner Erkrankung folgte allerdings bald die Einstellung des Verfahrens. 1994 starb er in Chile. Margot Honecker lebt dort noch heute. Sie und Erich Schreier schreiben sich hin und wieder E-Mails.

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