Wohnhaus in Reichenschwand

Zwangsversteigerung deckt Schwarzbau auf

Laut Bauplan müsste das Gebäude oben eigentlich an der Stelle des relativ neuen Einfamilienhauses stehen . | Foto: A. Pitsch2020/10/IMG-8287.jpg

REICHENSCHWAND – Es steht seit über 50 Jahren am falschen Fleck, nämlich außerhalb des Reichenschwander Ortsbereichs. Daher droht dem Schwarzbau nun der Abriss.

Das Zweifamilienhaus ist denen im Ort gut bekannt, die von Oberndorf aus Richtung Hansgörgl wandern oder die Schlittenwiese ansteuern. Da am Hang steht das Gebäude als letztes Haus auf dieser Straßenseite, bevor sich Wald und Wiesen ausbreiten. Eine idyllische Lage, an der sich seit dem Bau 1963 keiner gestört hat.

„Wenn niemand einen Antrag einreicht für Umbauten oder es sonstige Gründe gibt, die Bebauung zu prüfen, dann würde das Haus sicher noch weitere 20 Jahre so stehen“, erklärt Roland Uschold, Geschäftsleiter der Gemeinde Reichenschwand. Das Wohngebäude sei nach dem Tod des Erbauers in der Familie vererbt worden und befinde sich nun im Besitz einer Bank. Diese müsse das Objekt am 20. Oktober um 9 Uhr im Nürnberger Amtsgericht zwangsversteigern.

Außerhalb vom Ort

Und den Wert der Immobilie zu ermitteln, sei ein Gutachten nötig gewesen, führt das Landratsamt Nürnberger Land aus: „Der Verkehrswert soll eine Orientierungshilfe für Gläubiger, Schuldner und Bieter sein. Deshalb ist der Sachverständige verpflichtet, alle den Grundstückswert beeinflussenden Umstände tatsächlicher und rechtlicher Art sorgfältig zu ermitteln.“

Im Zuge dessen wurde das Haus als Schwarzbau entlarvt, dem aufgrund dessen ein möglicher Abriss droht. Wie das Sachverständigenbüro Plössl festgestellt hat, wurde das Haus 1963 entgegen der genehmigten Pläne um rund 15 Meter versetzt gebaut – und damit nicht mehr im Ortsbereich von Reichenschwand. Eigentlich hätte das Wohnhaus etwa an der Stelle errichtet werden müssen, an der seit einigen Jahren ein Neubau steht.

„Warum man da in den 60ern entgegen der Baugenehmigung gebaut hat, darüber kann man heute nur spekulieren“, sagt Uschold. Der falsche Standort ist zwar das größte, aber nicht das einzige Problem: Laut Gutachten wurde es zudem über einen Meter zu hoch gebaut, die Fenster wurden anders als geplant und genehmigt angeordnet, am Grundriss wurde auf einer Seite gemogelt und auch das Dachgeschoss ist ohne Erlaubnis ausgebaut worden. Das Gesamturteil der Sachverständigen fällt daher vernichtend aus: „Das Gesamtobjekt ist wegen der gravierenden Schwarzbauten als Abbruchgebäude einzustufen.“ Die Experten errechneten aus Bodenwert, Abbruchkosten und behördlichen Gebühren daher einen Immobilienwert von einem Euro.

Ganz so negativ würde Uschold die Sache nicht formulieren: „Der erste Schritt vor einem Abriss wäre, rechtmäßige Zustände herzustellen“, erläutert er. Sprich, eine Baugenehmigung für das Zweifamilienhaus zu erhalten, so wie es nun da steht. „Das ist im Nachgang möglich und geht nur über das Landratsamt als zuständige Baugenehmigungs- und Bauaufsichtsbehörde.“

Warten auf die Behörde

Dazu müsste die Anlage laut Landratsamt aber genehmigungsfähig sein. Ob sie das wirklich ist, sei im Einzelfall zu prüfen. So auch in Oberndorf. Eine Frage sei dabei zum Beispiel, ob der Bürger aufgrund eines behördlichen Verhaltens darauf vertrauen konnte, dass die Bauaufsichtsbehörde nicht tätig wird. Selbst wenn der rechtswidrige Zustand jahrzehntelang niemandem aufgefallen ist, heiße das nicht, dass die Bauaufsichtsbehörde nicht irgendwann doch noch tätig werden kann. Ein Schwarzbau verjähre also nicht.

Und mit solchen Gebäuden bekommt es das Landratsamt immer wieder zu tun, bestätigt Pressesprecher Rolf List. Roland Uschold hat Derartiges hingegen noch nicht erlebt: „Das ist eine kuriose Sache.“ Wie diese nun ausgeht, bleibt abzuwarten. Denn ob der Käufer das aktuell spottbillige Zweifamilienhaus, das daher viele Interessenten anlockt, wirklich abreißen muss, wird letztlich das Landratsamt entscheiden.

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