Schätze in Reichenschwand

Zu Besuch beim Krippenbauer

Diese Eckkrippe steht bei Drechsels im Wohnzimmer. | Foto: A. Pitsch2018/12/IMG_4272.jpg

REICHENSCHWAND – Auf den ersten Blick wirkt der Kellerraum wie eine normale Heimwerker-Werkstatt: Werkbank mit allerlei Utensilien, ein Tisch, dekoriert mit Werkzeug, und ein alter Stuhl aus vergangenen Schulzeiten. Doch bei genauem Hinsehen, fallen einem die vielen Krippenfiguren in Vitrinen und am Fensterbrett auf, diverse Häuschen, Material für und fertige Palmen. Denn Hans-Martin Drechsel ist Krippenbauer aus Leidenschaft.

Wer jetzt denkt, das sehe man dem Haus des ehemaligen Lehrers und seiner Frau an, der irrt. Zwei Krippen stehen im Wohnzimmer – eine schlichte fränkische und eine große orientalische Eckkrippe. „Für die haben wir extra einen Schrank verschoben“, erzählen die beiden. Schließlich bleiben bei Drechsels die eigenen Werke auch mal bis Ostern stehen.

Erst wer die Stufen in den Keller hinabstapft, der landet im Krippenparadies: Fast in jedem Eck steht ein selbst gebautes Stück, etwa in Kommodengröße, wie Drechsel erklärt, damit man sie gut wohin stellen könne. Die Vitrinen sind voll von verschiedenen Krippenfiguren unterschiedlicher Machart („Ich habe eine kleine Sammlung“), teilweise hat er sie auch lebhaft in die Krippen hineindekoriert. Dazwischen stehen Regale mit Teilbauten, Deko, Hintergründen und Naturmaterialien.

„Die großen Wurzeln lagern auf dem Balkon zum Verwittern“, sagt der 82-Jährige. Als der Vorrat einmal zu viel wurde, hat das Ehepaar das Holz wieder in den Wald gefahren. Prompt kam die Polizei und verdächtigte sie, Müll abzuladen. Die beiden lachen, als sie diese Anekdote zum Besten geben.

Denn Drechsel geht mit offenen Augen durch die Natur, findet seine Frau. Da sticht ihm eine Wurzel im Sumpf ins Auge, die eine besondere Höhlung hat. Schon beginnt es in seinem Kopf zu rattern: Was kann man damit machen? Wo und wie könnte man etwas dazubauen? Welche Figuren könnten passen? Skizzen sind ihm fremd. „Die Szenerie muss sich entwickeln.“ Klar habe er Bücher über Krippen mit Fotos und Plänen, aber ausgehend von der Wurzel oder einem anderen Element baut er Häuser „aus der Fantasie“ dazu.

Er sucht Lösungen, zum Beispiel für einen riesigen Ochsen, den er geschickt in einem Stall im Eck unterbringt, rupft an den leichten, weichen Dämmplatten, die das Hauptmaterial für Boden und Häuser sind. Treppen, Stufen, Türme und Brunnen sorgen für eine belebte Landschaft. „Und so wird die Krippe immer größer“, sagt er fast verlegen schmunzelnd. Und auch ein Hintergrund darf nicht fehlen. Dafür hat Drechsel – neben einem Krippenbaukurs – sogar Mal-, Schnitz- und Töpferkurse belegt. Daher zieht sich am Fensterbrett in der Werkstatt ein Tross selbst geschnitzter und gefasster („bei den Figuren spricht man nicht von Bemalung, sondern von Fassung“) Figuren entlang.

Mit der Muttermilch
Doch woher hat er diese Begeisterung? Die beiden stammen aus evangelischen Pfarrhäusern in der Fränkischen Schweiz: „Krippen waren bei uns üblich.“ Dabei sei das ursprünglich eine katholische Tradition aus Italien, weiß Drechsel. Ein evangelischer Pfarrer aus Großengsee hatte Beziehungen in den Alpenraum und brachte Figuren von dort mit, berichtet Drechsel in seiner ruhigen Art. Daher habe er teils richtig alte Stücke daheim. Heute gebe es in der Oberpfalz viele Krippenzentren.

Welche Bedeutung damals die Darstellung der Weihnachtsgeschichte hatte, zeigt die Geschichte seiner Frau: Deren Vater hatte ihrer Mutter zum Fest nur ein Geschenk gemacht – einen gekauften geschnitzten Schäfer, den Drechsels noch immer besitzen. Hans-Martin Drechsels Vater war selbst Krippenbauer, als Kind durfte er, der mit seinen Freunden zum Krippenschauen in die Bauernhäuser ging, aber nicht mithelfen: „Es war streng verboten, in die Krippe hineinzufassen.“

Einmal hat er es aber doch getan: In der Landschaftskrippe in der Kirche, „ein Riesenaufbau mit Wurzeln, Moosen und Wacholder“, war auf dem Hirtenfeld ein Schaf umgefallen. „Ich habe dann das Scheunentor zugemacht, damit das Christkind nicht sieht, wie ich das Schaf wieder aufstelle.“ Er lächelt bei dieser Erinnerung und ergänzt: „Die Begeisterung für Krippen ist mir mit der Muttermilch eingepflanzt worden.“

Dennoch wurde das Thema für Drechsel erst wieder interessant, als die eigenen Kinder auf die Welt kamen. Da bastelte er eine Landschaft aus Papier, Moos und Wurzeln. „Unsere Kinder durften auch nicht reinlangen und mussten erst zur Krippe schauen an Heiligabend und dann auf die Geschenke.“ Professioneller wurden seine Bauten dann kurz vor der Pensionierung, erinnert er sich, der seit fast 40 Jahren bei den Krippenfreunden Nürnberg-Fürth aktives Mitglied ist.

Regelmäßig sind Werke von ihm bei der Krippenausstellung des Vereins in der Nürnberger Egidienkirche zu sehen. In diesem Jahr sein Erstling, ein Monstrum von 2,50 mal 1,50 Metern. Da bildet eine Tempelruine, die er in einem Buch erspäht hat, den Mittelpunkt: „Die habe ich als Stall hergenommen.“ Und wie bringt man da die Figuren rein? Drechsel friemelte sie mittels Grillzange in ihr orientalisches Ambiente.
Der Orient ist überhaupt Drechsels Thema: „Der ist für mich interessanter.“

Besonderes Augenmerk lege er immer auf den Königszug aus dem Morgenland mit seinem Gepränge. „Da werden die Elefanten extra mit kleinen Geschenkpäckchen bestückt“, verrät seine Frau, die es gewohnt ist, dass ihr Mann im Sommer einfach im Keller verschwindet: „Er sagt oft, ich baue etz nichts mehr, und dann ist er plötzlich weg und kommt irgendwann mit einer Idee wieder.“

Passend für Türen
Wie viele Krippen hat er denn schon geschaffen? Das weiß Drechsel, der sich selbst als „Spinner“ bezeichnet, gar nicht und vermutlich würde er es in seiner bescheidenen Art auch nicht sagen. Daher meint er nur: „Meine Krippen bestehen ja aus Teilen wie Stadt, Oase, Stall, Hirtenfeld, und so entstehen immer neue Kombinationen.“ Denn die Simultankrippen, die so heißen, weil sie mehrere Szenen, die nicht zugleich passiert sind, zusammen zeigen, so Drechsel, müssen ja durch die Tür passen. „Also teilt man sie, was man aber nicht sehen darf.“

Dafür eignen sich die weichen Dämmplatten gut, erläutert Drechsel. Seine Augen beginnen zu leuchten, wenn er davon spricht, wie er daraus die Einzelteile für die Häuser aussägt, zusammenschraubt und leimt. Dann verputzt er sie mit Krippenmörtel, einem Gemisch aus Leimwasser, Schlemmkreide und Sägespänen: „Die sind gröber oder feiner, je nach Gebäudeart.“ Auch Berge und Treppen entstehen auf diese Weise. Es wird gerupft, gemörtelt, mit weißer und dunkler Farbe gestrichen und diese mit dem nassen Schwamm wieder abgewischt. „Patinieren nennt man das.“

Was fasziniert ihn denn am Krippenbauen? „Ich will damit niemanden bekehren“, stellt er klar. Es sei das Gestalten, das zu erschaffen, „was mir gefällt“. So hat der ehemalige Lehrer zusammen mit dem Architekten das eigene Haus geplant. „So was macht mir Spaß!“ Ein künstlerischer Beruf wäre passend gewesen, pflichtet er seiner Frau bei, aber damals habe man sich das nicht getraut.

Für Hans-Martin Drechsel gehört zum Christfest eine Krippe einfach dazu. Aber warum? Er überlegt lange. „Weil es Tradition ist und ein Volksgut.“ Es handle sich schließlich um die Darstellung der Anfänge des Christentums, das Warum des Festes werde sichtbar. Und: „Was wäre Weihnachten denn ohne Krippe?“

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch