Altdorferin berät und coacht betroffene Personen

Raus aus der Erschöpfungsfalle

Probleme, die vielen äußeren Reize angemessen zu verarbeiten, und ein hoher Anspruch an sich selbst: So sieht der Alltag vieler hochsensibler Menschen aus. Das erschöpft, wenn man nicht lernt, richtig damit umzugehen. | Foto: Konstantin Yuganov/stock.adobe.com2020/07/AdobeStock-ueberforderte-Mutter-scaled.jpg

ALTDORF – 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung sind hochsensible Menschen. Viele wissen es nicht und leiden unter dieser besonderen Disposition. Die Altdorfer Sozial-Pädagogin Michaela Rödl bietet Betroffenen Beratung und Coaching an.

Susanne weiß nicht mehr weiter. Die Mutter zweier Kinder scheint im typischen Dilemma der Doppel- bis Dreifachbelastung einer jungen Frau zu stecken, die Familie, Beruf und Haushalt unter einen Hut bringen will und zwar nicht irgendwie, sondern besonders gut. Dass ihr dabei immer schnell im übertragenen Sinn die Luft ausgeht und kaum noch Zeit für sich selber bleibt, schiebt die 35-Jährige auf die Ansprüche, die von allen Seiten und auch von ihr selbst an sie gestellt werden und auf die Schwierigkeiten, die sie mit einem ihrer Kinder hat, das sehr emotional in anscheinend belanglosen Situationen reagiert, ja häufig überreagiert.

Da sie nichts dem Zufall überlassen will und von starken Minderwertigkeitskomplexen geplagt wird, informiert sich die 35-Jährige anhand unterschiedlicher Literatur im Internet über die Wesensauffälligkeit ihres Kindes und stellt fest: „Der Junge ist hochsensibel.“ Mehr noch: Die Charakterzüge ihres Kindes treffen genauso auf sie selber zu. Äußere Reize wie positive oder negative Erlebnisse hallen bei ihnen länger nach, beschäftigen sie noch, während andere Personen ähnliche Ereignisse längst abgehakt haben. Sinneseindrücke wie Licht, Geräusche, Gespräche nehmen sie stärker wahr, störend oft, anstrengend und ermüdend. Typisch ist für diese Personengruppe ein besonders hohes Schlafbedürfnis, Susanne geht vor Erschöpfung mit ihren Kindern um 20 Uhr ins Bett.

Untersuchungen ohne Ergebnisse

Ähnlich ging es Michaela Rödl (31), ebenfalls schon in ihrer Kindheit. Wenn sie zum Beispiel mit der Clique in der Pubertät shoppen ging, „war ich nach einer halben Stunde platt“, erinnert sie sich. Hausärztliche Untersuchungen ergeben nichts. Als ihr Jahre später ein Bekannter ein Buch zum Thema Hochsensibilität gibt, verschlingt sie es auf Anhieb, denn „ich habe mich darin sofort wiedererkannt“. Dieser Moment ist ein Wendepunkt in Michaelas Leben. Die darin beschriebenen Züge eines Temperaments, eines Wesens liefern die Erklärung dafür, warum sie in bestimmten Situationen so anders reagiert als andere Menschen, die ihre Eindrücke besser filtern und verarbeiten können.

Michaela Rödl berät hochsensible Menschen. Die 31-Jährige kennt die Zweifel, die betroffenen Personen zu schaffen machen, aus eigener Erfahrung. Foto: privat2020/07/Altdorf-Roedl-scaled.jpg

Von da an beschäftigt sie sich viel mit dem Phänomen und erfährt, dass 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung zu jener Personengruppe gehören, die ein ganzes Bündel an Besonderheiten aufweisen und oft nicht von ihrer Veranlagung wissen. Das will Michaela Rödl ändern.
Die verunsicherten Betroffenen sollen aufhören, sich falsch und unzulänglich zu fühlen und sich stattdessen annehmen, wie sie sind, sich mehr selbst vertrauen, sorgsam auf sich schauen und ihre besondere Persönlichkeit auch nach außen vertreten. Zudem – das ist ihr sehr wichtig – sollen sie lernen, auf ihre Stärken zu bauen, denn hypersensible Menschen sind sehr empathisch, haben hohe moralische Werte und einen besonderen Sinn fürs Kreative und Ästhetische. Vielfach müssen sie erst Stück für Stück lernen, das Leben zu genießen und auf ihre besonderen Talente zu setzen.

Michaela Rödl weiß das so genau, weil sie sich nicht nur privat, sondern auch beruflich mit diesem Thema auseinandersetzt und Betroffene fachlich begleitet. Die Sozialpädagogin hat auf vielen Gebieten Sonderausbildungen absolviert, unter anderem Weiterbildungen als Seelsorgerin, zur psychologischen Beraterin unter anderem zum Thema Hochsensibilität, zur Suchtberaterin und in Sachen achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Eine fundierte Ausbildung ist ihr wichtig, denn die Forschung auf diesem Gebiet ist noch nicht besonders alt und fortgeschritten. Daher kommt es, dass hochsensible Menschen mit ihrem Leidensdruck oft beim Hausarzt oder Psychotherapeuten landen, weil sie anfälliger für Burnout oder Depressionen sind, manchmal auch mit Suchtproblematiken zu kämpfen haben, aber der eigentliche Grund für ihre Instabilität nicht erkannt wird.

Dazu kommt noch, dass sie nicht nur psychisch empfindlicher reagieren, sondern auch physisch. Das heißt, dass bei ihnen Medikamente viel schneller Wirkung zeigen als bei anderen Patienten, so dass sie oft eine geringere Dosierung bräuchten und – wenn ihre Disposition nicht erkannt wird – häufig überdosiert therapiert werden, was ihnen natürlich nicht gut tut. Ebeno wenig wie diverse esoterische Richtungen.

Betonung der Stärken

Rödl setzt anders an. Sie bietet auf sehr individueller Basis Begleitung und Stärkung der betroffenen Personen an, angepasst an deren Bedürfnisse, mal wöchentlich, mal monatlich. Entspannung ist wichtig, Betonung der Stärken statt der vermeintlichen Schwächen, sich selbst anzunehmen und auch die Besonderheit nach außen zu kommunizieren. „Wenn man‘s anspricht, wird‘s besser“, lautet die einfache Botschaft im Umgang mit der Umwelt. Der ewige, ermüdende und oft vergebliche Versuch, sich zusammenzureißen, den man seit seiner Kindheit kennt, soll einem Akzeptieren und einer achtsamen Sicht auf sich selbst weichen.

Info:
Michaela Rödl ist unter 01577/2929064 oder unter [email protected] erreichbar. Sie bietet Beratung und Coaching im Yoga-Zentrum in Altdorf und Kurse mit Entspannungsübungen bei der vhs Schwarzachtal an.

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