Diskussion über das Gottfried

„Pflege ist Armutsrisiko Nummer 1“

Für einen Pflegeplatz im Seniorenzentrum Gottfried Seiler müssen Feuchter Bürger viel eigenes Geld in die Hand nehmen. Das liegt laut Rummelsberger Diakonie aber nicht an ihrem Angebot, sondern an der deutschen Sozialpolitik. | Foto: Malik2020/03/Rummelsberg-Pflege-Foto_Malik-scaled.jpg

FEUCHT/RUMMELSBERG – Damit sich Menschen die Pflege in einem Heim noch leisten können, fordern Verantwortliche der Rummelsberger Diakonie die Politik zum Handeln auf. Nur sie könne den in Feucht so scharf kritisierten Eigenanteil senken.

Für die Gebühren in ihrem neuen Seniorenzentrum hat die Rummelsberger Diakonie in der jüngsten Sitzung des Marktgemeinderats viel Kritik einstecken müssen (wir berichteten). Nun erklären Diakon Werner Schmidt, der Einrichtungsleiter des Stephanushauses, und Peter Kraus, Regionalleiter Mittelfranken, wie sich der Eigenanteil für Feuchter Bürger im Seniorenzentrum Gottfried Seiler zusammensetzt.

2500 Euro müssen Feuchter Bürger im neuen Gottfried für einen Pflegeplatz beisteuern. Warum ist Pflege so teuer?

Schmidt: Es war nun mehrfach von einer Kostenexplosion die Rede. Für jemanden, der sich mit dem Thema Pflege beschäftigt, ist das absolut nicht nachvollziehbar. Die Vorwürfe von Teilen des Gemeinderats basieren ja auf einer Zahl, die 2016 von beiden Bewerbern um die Trägerschaft in den Raum gestellt wurde. Auf Basis der damals gültigen Pflegesätze. Wir haben aber damals schon gesagt: Wir können nicht in die Zukunft sehen, wir können nur sagen, wie hoch die Kosten aktuell in anderen Häusern liegen.

„Wir haben unser Versprechen gehalten“, sagen Peter Kraus und…2020/03/Rummelsberg-Pflege-Peter-Kraus-scaled.jpg
… Diakon Werner Schmidt. Fotos: Rummelsberger Diakonie2020/03/Rummelsberg-Pflege-Werner-Schmidt-scaled.jpg

Haben Sie diese Information dann nicht klar genug kommuniziert oder ist das beim Gemeinderat nicht angekommen?

Schmidt: Da spielt sicher das selektive Hören eine Rolle.

Kraus: Bei Teilen des Gemeinderats kam vor allem an: Wir schaffen kostengünstigen Wohnraum für Senioren. Und jetzt hat man nicht mehr differenziert zwischen dem Betreuten Wohnen, das wir wirklich für den normalen Geldbeutel anbieten, und der stationären Pflege. Dort legen nicht wir die Preise fest – diese werden knallhart verhandelt mit den Kostenträgern, Bezirk und Pflegekasse.

Was kostet dann das Betreute Wohnen?

Schmidt: Da liegen wir bei 700 bis 800 Euro, das finden Sie in der Umgebung nirgends. Wir halten also unser Versprechen, denn wir haben nie versprochen, dass Pflege günstig wird. Im Stephanushaus lagen wir vor zwei Jahren noch bei 2000 Euro, heute sind wir bei 2300 Euro. Da ist es logisch, dass es bei einem Neubau Richtung 2500 Euro geht.

Halten Sie eine Eigenbeteiligung in dieser Höhe für angemessen?

Schmidt: Dass dieser Zuzahlungsbetrag zu hoch ist, darüber sind wir uns alle einig. Da sind die Wohlfahrtsverbände diejenigen, die seit langem auf politischer Ebene versuchen, klarzumachen, dass es so nicht weitergehen kann. Sonst kann sich Pflege in einem Heim niemand mehr leisten. Wobei man auch sehen muss, dass Pflege-Alternativen auf ähnlichem Niveau angekommen sind. Wenn ich mir eine osteuropäische Hilfskraft hole, die einigermaßen Deutsch spricht, und alles halbwegs legal läuft, bin ich auch bei 2200 bis 2500 Euro. Plus Kost und Logie.

„70 Prozent der Kosten sind Lohnkosten“

Was macht Pflege letztlich so teuer?

Schmidt: Ein pflegebedürftiger Mensch braucht 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr Unterstützung. Und wir wollen unser Personal fair bezahlen, nach Tarif.

Kraus: 70 Prozent der Gesamtkosten eines Pflegeheims sind Lohnkosten.

Schmidt: Der Pflegesatz setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen: Erstens Unterkunft und Verpflegung, die muss der Bewohner immer selbst tragen. Zweitens die Pflege selbst – dazu zahlt die Pflegekasse einen Zuschuss, der sich seit Einführung der Pflegeversicherung aber kaum verändert hat. Und drittens die Investkosten für Bau und Unterhalt. Da gibt es wesentliche Unterschiede. Vor 2005 wurden bis zu 70 Prozent der Kosten staatlich gefördert. Das wurde zugunsten Stoibers schwarzer Null gecancelt. Und seit diesem Jahr gibt es nun wieder Zuschüsse, diese kommen für Feucht aber leider zu spät.

Kraus: Darum kann ich ein 1998 gebautes Haus mit Investförderung des Freistaats nicht mit einem nicht-geförderten Neubau vergleichen. Zumal die Preisexplosion am Bau ja allgemein bekannt ist.

„In Wendelstein hat sich die Gemeinde ganz anders engagiert“

Im Gemeinderat wurde das Gottfried aber mit der Einrichtung in Wendelstein verglichen, die erst vor einem Jahr eröffnet hat.

Kraus: Ich kann unsere Einrichtung, die 2021 ans Netz geht, nur mit einer vergleichen, die im gleichen Jahr eröffnet. Denn die Baukosten sind wirklich extrem gestiegen.

Schmidt: Sowohl in Wendelstein als auch in Pyrbaum – das zweite Paradebeispiel – haben sich die Gemeinden ganz anders engagiert. In Wendelstein hat die Gemeinde eine GmbH gegründet, die das Haus gebaut hat und nun an den Diakonieverein vermietet – zu welchen Bedingungen, wissen wir nicht. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die Einrichtung deshalb günstiger ist. Hinzu kommt, dass wir aufgrund der Nähe zu B8 und Autobahn höhere Lärmschutzauflagen einhalten und auf Beschluss der Gemeinde eine Tiefgarage bauen mussten.

Spielt der Grundstückspreis auch eine Rolle?

Schmidt: Nein. Da argumentiert der Bezirk mit dem Gegenwert, weil uns ein Grundstück gehört, das im Wert vielleicht sogar noch steigt. Aber es gibt natürlich Kommunen, die ein Grundstück kostenlos zur Verfügung stellen – ganz einfach, weil ihnen eine solche Einrichtung wichtig ist.

Kraus: Beim Grundstückspreis ist uns die Gemeinde jedenfalls nicht entgegengekommen. Wir haben zum marktüblichen Wert gekauft.

„Wir bauen keinen Luxusbau“

Heißt unterm Strich: Wenn ein neues Haus 500 Euro günstiger ist, dann liegt das daran, dass die jeweilige Kommune das Projekt in irgendeiner Weise fördert oder zumindest gefördert hat?

Kraus: Und vielleicht keine Tiefgarage und weniger Schallschutz notwendig ist. Wir bauen jetzt auch nicht mit goldenen Armaturen.

Schmidt: Wir bauen in vernünftiger Qualität, aber sicher keinen Luxusbau. Da würde auch der Bezirk nicht mitmachen. Es war oft die Rede davon, dass jeder Feuchter Bürger in das Heim ziehen können soll. Und es kann auch jeder, weil wir mit dem Bezirk eine entsprechende Vereinbarung treffen werden. Die Voraussetzung für einen solchen Versorgungsvertrag ist aber, dass nur das Notwendige gebaut wird.

Und deshalb haben Sie bei der Gemeinde um einen Zuschuss für zusätzliche Ausstattung gebeten?

Schmidt: Genau. Denn es gibt Dinge, die sind nicht notwendig für eine vernünftige Pflege. Aber sie erhöhen die Lebensqualität.

Hätte man diese aber vorab eingeplant, hätte der Bezirk die Förderung gekappt?

Kraus: So ist es. Der Bezirk hätte gesagt: Könnt ihr schon machen, aber dafür zahlen wir ein paar Euro weniger pro Tag und Bewohner. Und das ist eine ganze Menge Geld.

„Pflege ist Armutsrisiko Nummer 1“

Wie viel steuert der Bezirk denn zum Eigenanteil bei, wenn sich jemand die 2500 Euro für das Gottfried nicht leisten kann?

Schmidt: Nunja, ich muss dazu halt meine Vermögensverhältnisse offenlegen. Und behalte nur noch ein Restvermögen von 5000 Euro, alles andere ist weg. Das funktioniert wie bei Hartz IV. Und das empfinden viele natürlich als ungerecht, weil sie ihr Leben lang gespart und für ihre Enkel was beiseite gelegt haben. Und jetzt werden sie pflegebedürftig und müssen dieses Vermögen dazu einsetzen. Aber das ist eine grundsätzliche, sozialpolitische Frage.

Kraus: Und mit jeder Pflegesatzerhöhung gleiten Menschen in stationären Einrichtungen von der Selbstfinanzierung in die Sozialhilfe ab. Und das macht etwas mit den Menschen. Gerade mit dieser Generation, die nie vom Staat abhängig sein wollte.

Sehen Sie denn einen Weg, die Pflegekosten zu senken?

Kraus: Unsere Forderung ist ein Sockel-Spitze-Tausch, ähnlich wie im Krankenhaus. Dort zahle ich zehn Euro am Tag, maximal 30 Tage lang und den Rest zahlt die Kasse. Dieses System, auf die Altenpflege angepasst, dafür werben wir als diakonischer Träger. Denn mit unserem heutigen System ist Pflege das Altersarmutsrisiko Nummer 1.

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