Mit den Mittwochskletterern im Frankenjura

Unterwegs in der Vertikalen

Der „Partnercheck“, bevor der Kletterer los legt, ist eine unerlässliche Sicherheitsmaßnahme. Ist der Knoten richtig eingebunden? Läuft das Seil reibungslos durchs Sicherungsgerät? Ist der Karabiner des Geräts verschlossen? | Foto: Hornung2016/12/Klettern1.jpg

NÜRNBERGER LAND – Sein drahtiger Körper schmiegt sich eng an den Fels. Ein Bein gestreckt, das andere leicht gebeugt, balanciert er sein Gewicht von einem winzigen Vorsprung auf den nächsten. Jochen Schneider hebt den Blick, fixiert den silbernen Haken im grauen Gestein. Etwa eineinhalb Meter über seinem Kopf: da will er hin. Er ist hoch konzentriert. Die Unternehmung fordert seinen ganzen Körper, von den Fußsohlen bis zu den Fingerspitzen. Er bewegt sich schnell und doch ruhig. Mit langem Arm greift er weit nach oben, bekommt den anvisierten Griff zu fassen, atmet durch. Der Griff ist gut.

Die Wand, in der Schneider sich befindet, gehört zu den Kirchtalwänden im südlichen Frankenjura. Wer hier klettert, der schwitzt bereits zum ersten Mal bevor er überhaupt einen Fuß an den Fels setzt – und das selbst im November. Ein steiler Weg führt vom Parkplatz im Tal zwischen moosigen Felsen und Baumstämmen den Bergrücken hinauf. Ein Schauer am Morgen hat den Waldboden aufgeweicht. Dunkle Wolken hängen am Himmel. Es riecht nach Regen.

Vom Gurt um Schneiders Hüfte baumelt ein rotes Seil. Es führt direkt zu Andi Schmidt. Mit zügigen Handgriffen sichert der 39-Jährige die Bewegungen seines Kletterpartners. Gibt Seil aus, holt Seil ein. „Zu“, erschallt ein knappes Kommando von oben. Das heißt, sein Freund hat die Route geschafft. „Ab!“ Entspannt in seinem Hüftgurt sitzend schwebt Jochen Schneider gen Boden. Es ist die erste Route an diesem Tag. Eine einfache im vierten Grad. Zum Aufwärmen.

Im deutschsprachigen Raum sind Kletterrouten nach der UIAA-Skala (Alpinskala) bewertet. Diese ordnet sie mit ganzen Zahlen nach Schwierigkeitsgraden und ist nach oben offen. Der höchste bisher gekletterte Grad ist „12-“. Durch Nachstellen eines minus (-) für die untere Grenze oder eines plus (+) für die obere Grenze eines Grades lässt sich die Skala weiter unterteilen.

„Eins ist das Begehen einer steilen Treppe, zehn das Klettern an einer Raufasertapete“, hat Reinhold Messner das Spektrum einmal beschrieben. Die beiden Freunde Jochen Schneider und Andi Schmidt bewegen sich im mittleren Schwierigkeitsbereich bis zum oberen sechsten Grad, wenn es gut läuft, wagen sie einen Siebener.

Die sieben spielt an diesem Tag auch auf einer anderen Skala eine Rolle: dem Thermometer. Viele Kletterer ziehen bei diesen Temperaturen die beheizte Halle dem kalten Felsen vor. Nicht aber Schneider und Schmidt: Die beiden sind am liebsten in der Natur – trotz unwegsamen Zustiegs und unsicherer Wetterlage. „Das Spannende am Fels ist, dass man, die Linie finden muss, die der Erstbegeher eingebohrt hat“, erklärt Jochen Schneider. Dazu gehört es, die Geländestruktur zu studieren. Wie verläuft die Linie? Wo sind Tritte, wo sind Griffe? Am Fels verschafft man sich selbst Übersicht, in der Halle ist die Route farbig markiert und damit vorgegeben. Der 59-jährige Autoverkäufer hat das Sportklettern vor 15 Jahren für sich entdeckt. „Von einer Route, die mir echt Spaß gemacht hat, träume ich manchmal Tage“, erzählt er.

Fränkische Spitze

Die leichte „4+“ hat auch Schmidt schnell gemeistert. Schmidt, den seine Kletterfreunde Johnny nennen, plant auch beruflich Outdoor-Aktivitäten. Unten angekommen wechselt er zügig das Schuhwerk, reibt sich die Zehen. Man sieht dieser gummibesohlten Variante eines Ballettschuhs an, wie unbequem sie ist. Das muss so sein, damit die Kletterer ein Gefühl für winzige Felsvorsprünge, Kanten und Absätze bekommen.

Andi Schmidt beim Einklettern in der zweiten Route an diesem Tag.
Andi Schmidt beim Einklettern.2016/12/Klettern2.jpg

 

Zwischen den Stämmen taucht eine weitere Person in dunkellila Jacke mit vollgepacktem Rucksack auf. Brigitte Conchedda schimpft über den rutschigen Zustieg. Die drei umarmen einander.

Jeden Mittwoch führt sie ihre Leidenschaft an einem Felsen in der Fränkischen zusammen. Seit über vier Jahren gibt es die „Mittwochskletterer“, einen lockeren Kreis, zu dem etwa zehn Leute gehören. „In der Gruppe gibt es immer Veränderung“, berichtet Schneider. „Der Termin ist geblieben.“

Riskantere Projekte

Nach einer weiteren Aufwärmroute geht es zur Sache: im sechsten Grad, mit Überhang und Riss. Wie ein dicker Bauch wölbt sich der Überhang den dreien entgegen. Weiter oben zerteilt der Riss als schmale, vertikale Spalte das Gestein. In ihn lassen sich je nach Breite Finger, Fuß, Faust oder Hand verkanten.

„Ich komme natürlich häufig an meine Grenzen, versuche aber realistisch einzuschätzen, ob ich eine Route schaffen kann oder nicht“, erzählt Schneider. Er orientiere sich an dem, was er bei anderen sehe. Und an den Beschreibungen im „Führer“, wie die Kletterer ihr Handbuch für den Frankenjura nennen.
Schneider steigt vor. Die Konsequenz eines Sturzes ist im Vorstieg eine ganz andere als im „Toprope“, wenn das Seil von oben kommt. Im Vorstieg wird es vom Kletterer erst Stück für Stück in die Bohrhaken im Fels eingeklippt.

Zur Kletterausrüstung am Standplatz gehören bequeme Schuhe, eine warme Jacke und der Frankenjura-Führer Band zwei.
Zur Kletterausrüstung am Standplatz gehören bequeme Schuhe, eine warme Jacke und der Frankenjura-Führer Band zwei.2016/12/Klettern3.jpg

 

Den Überhang hat Jochen Schneider schon gemeistert. Vor ihm zerteilt der lang gezogene Riss den Fels. Es gibt wenige Tritte. Der letzte Haken befindet sich etwa zwei Meter unter ihm. Der nächste ist noch nicht in greifbarer Nähe. Würde er jetzt abrutschen, er fiele mindestens vier Meter tief. Eine Mischung aus Stress und Euphorie liegt in der Luft. Als wollte das Wetter die Spannung unterstreichen, verdunkelt sich der Himmel. Wie eine Nabelschnur verbindet das rote Seil die beiden Männer und sichert dem Kletternden – für den Fall eines Falles – das Überleben.

You can do it…

„Das Gehirn ist der wichtigste Muskel beim Klettern“, hat Wolfgang Güllich einmal gesagt. Ist Klettern also Kopfsache? „Eine gute Physis gehört schon dazu“, räumt Schneider ein, aber Güllichs Worte stimmten auch. Jemand könne topfit sein, müsse aber trotzdem nicht besser klettern, wenn er sich viel zu viele Gedanken mache.

Wolfgang Güllichs Name ist untrennbar mit dem Klettersport im Frankenjura verbunden. In den 1980ern erschließt der legendäre Kletterer mit seinen Freunden dort zahlreiche neue Routen. Gemeinsam machen sie die Fränkische zu dem Klettermekka, das sie heute ist. In seiner Generation setzt Güllich Maßstäbe, pusht das Limit und schreibt mit einer Tour am Waldkopf im Krottenseer Forst Geschichte. Er tauft sie „Action Directe“. Die Route im elften Grad ist die damals weltschwerste und sollte es auch über Jahre hinweg bleiben.
Auch heute sind Koryphäen der Szene in Franken beheimatet. Der 23-jährige Senkrechtstarter Alexander Megos aus Erlangen etwa zählt derzeit zu den besten Kletterern seiner Generation.

Ein integraler Bestandteil der Mittwochstermine ist die Einkehr.
Ein integraler Bestandteil der Mittwochstermine ist die Einkehr.2016/12/Klettern4.jpg

Es bleibt spannend

Die letzte Tour der Mittwochskletterer an diesem Tag gebührt Conchedda. Die Leiterin einer Wirtschaftsschule soll den Sylvesterweg abbauen, das heißt alles Material, das sich jetzt noch in der Route befindet, mit herunter bringen. „Eine Genussroute im fünften Grad“ nennen die drei Freunde die Tour. Doch auch die hat eine knifflige Stelle. Von einem Pfeiler, auf dem sie gut steht, muss die Kletterin den Schritt in eine steile Passage wagen. Es dämmert bereits. Die Zeit wird knapp. Noch dazu befreit sich ausgerechnet jetzt ein kräftiger Regenschauer aus den dunklen Wolken. Klitschnass steigt Conchedda in die Route ein. Ihr Fokus verengt sich auf den nächsten Schritt, Tritt, Griff. Dann ist auch diese Route geschafft.

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