Missbrauch in der Kirche

„Tragen mit an dieser Schuld“

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NÜRNBERGER LAND — In einer gemeinsamen Erklärung haben die Priester und hauptamtlichen Seelsorger aus dem Dekanat Neunkirchen Stellung zur am Dienstag veröffentlichten Missbrauchsstudie bezogen. In den Akten des Erzbistums Bamberg finden sich Hinweise auf 88 Opfer – der tatsächliche Wert dürfte höher liegen. „Strukturell“, so die katholischen Geistlichen „tragen wir mit an dieser Schuld“.

Die von Dekan Stefan Alexander aus Lauf im Namen der Priester und Seelsorger sowie der Caritas und der katholischen Jugendarbeit unterzeichnete Erklärung ist in erster Linie ein Eingeständnis. Die Schuld für den Missbrauch liege zwar bei den Tätern, heißt es darin, aber eben auch bei „den Verantwortlichen, die darum wussten und oft eine Atmosphäre des Verdeckens, Vertuschens, Verschweigens und Wegsehens gepfl egt haben“. Dass die Taten innerhalb der Kirche „als moralische Instanz“ stattgefunden hätten, ließe sie „noch einmal schwerer“ wiegen. Die Geistlichen selbst als Teil der kirchlichen Gemeinschaft trügen „strukturell mit an dieser Schuld, und das, obwohl es immer Einzelne sind, die sich als Täter verstecken“.

Mitgefühl mit den Betroffenen

Mit den Opfern bekenne man „tiefes Mitgefühl“ und wolle „alles tun, was in unserer Macht steht“, damit sie „Gerechtigkeit und Hilfe erfahren“. Die Täter fordere man auf, „sich zu ihren Taten und ihrer Schuld zu bekennen“, denn ihr Leugnen belaste die Betroffenen zusätzlich.

Zugleich wehren sich die Kirchenmitarbeiter mit der gestern per Pressemitteilung verschickten Erklärung aber gegen Pauschalurteile: „Viele Frauen und Männer in der Seelsorge leisten tagtäglich gute Arbeit und zeigen großes Bemühen, zum Wohl der Menschen zu wirken. Diese Arbeit und Mühe soll nicht klein gemacht werden.“ Längst Standard bei Neueinstellungen seien „erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse, Selbstverpflichtungserklärungen und eingehende Gespräche“. Schulungen zur Prävention sexueller Gewalt seien in der Erzdiözese Bamberg inzwischen ebenso etabliert wie „unabhängige Ansprechpersonen“. Fazit: „Wir sind nicht perfekt, aber wir bemühen uns nach bestem Wissen und Gewissen, Gefährdungen von jungen Menschen durch klare Regeln zu minimieren.“

Mindestens 88 Opfer

Ergänzend zur von der Bischofskonferenz vorgestellten Studie, die den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in den Jahren 1946 bis 2015 zum Gegenstand hat, liegen Daten aus dem Erzbistum Bamberg vor. Hier wurden als Teil der Untersuchung 1711 Personalakten von Geistlichen ausgewertet. In 41 gab es Hinweise auf sexuelle Übergriffe. Betroffen waren 88 Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 20 Jahren. 20 der Opfer waren Ministranten, 20 Religions- oder Internatsschüler, sieben waren in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Besonders alarmierend: Strafanzeigen gab es nur in 26 Fällen und obendrein lediglich 15 kirchenrechtliche Verfahren.

Doch selbst diese Zahlen sind noch mit Vorsicht zu genießen: Wie die Autoren der Studie um den Mannheimer Forensiker Harald Dreßing selbst anführen, sind „Aktenvernichtungen oder nachträgliche Aktenmanipulationen nicht auszuschließen“. Aus zwei deutschen Diözesen, die in dem 366-seitigen Papier nicht näher benannt werden, wurden diese sogar explizit berichtet. In gerade einmal sechs von 27 Diözesen gab es zum Untersuchungszeitpunkt verbindliche Regelungen zur Eintragung von verifzierten Missbrauchsfällen in Personalakten.

Zahlen aus einzelnen Dekanaten wurden nicht veröffentlicht. Wie groß das Problem im Landkreis Nürnberger Land war und ist, bleibt damit offen.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel