Corona-Lockerungen

Physiotherapiepraxen fahren langsam wieder hoch

„Bitte Abstand halten“ – auch in der Praxis von Peter Meyer. | Foto: privat2020/05/redweb20200508-125823.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Der Corona-Lockdown scheint langsam ein Ende zu nehmen und viele Geschäfte haben wieder geöffnet – darunter auch die Physiotherapie-Praxen.

Seit 20. April hat Stephanie Zehrt ihre Praxis in Hartmannshof wieder geöffnet. Im März hatte sie vorübergehend geschlossen, weil viel Unklarheit herrschte, wie und ob Physiotherapeuten behandeln dürften. „Politiker und Medien sprachen immer davon, nur Notfälle zu therapieren“, sagt Zehrt. Doch für sie war unklar, welche Patienten zur Kategorie „Notfall“ gehören. Auch ein Telefonat mit dem Gesundheitsamt brachte nur wenig Klarheit. Sie solle doch eineinhalb Meter Abstand zu den Patienten halten – in der Praxis sei das unmöglich, sagt Zehrt.

Jetzt läuft der Betrieb in ihrer Praxis langsam wieder an: Sie behandelt vor allem dringende Fälle wie Schlaganfall-, Multiple Sklerose- oder frisch operierte Patienten und seit dem 4. Mai auch alle anderen mit Rezept. Personen, die sich krank fühlen, sollten ihren Termin absagen – doch das galt auch schon vor der Krise.

Neue Kleidung

Ihr ständiger Begleiter: ihre FFP2 -Mund-Nasen-Maske. „Die Patienten und ich tragen Masken. Zusätzlich habe ich einen Arztkittel und weiße Arbeitskleidung angeschafft, die ich bei 95 Grad waschen kann.“ Doch neben der neuen Kleidung hat sich für Zehrt der Arbeitsalltag kaum geändert: Flächendesinfektion von Türgriffen, Schuhlöffeln, Stühlen oder den Liegen nach jeder Behandlung gehörte schon vor Corona zu ihrer täglichen Aufgabe. Nur die Waschmaschine läuft jetzt dank neuer Kleidung noch öfter.

Gleich am Eingangsbereich steht ein Desinfektionsmittel für die Patienten bereit und nach jedem Besuch lüftet Zehrt das Zimmer. Das funktioniere gut, denn während sie in dem einen Zimmer behandelt, wird der andere Raum von frischer Luft durchströmt.

Die Therapiemethode selbst bleibt gleich – nur so kann sie bestmögliche Arbeit leisten. „Zur Physiobehandlung gehört Körperkontakt eben dazu – da kann ich keinen Mindestabstand halten. Deshalb sind die Masken auch für alle Pflicht.“ Handschuhe hingegen trägt sie nicht, die sind für Massagen nicht geeignet.

Dem pflichtet auch Peter Meyer aus Hersbruck bei: Seit Mitte März, rund zwei Wochen nach Beginn der Ausgangsbeschränkung in Bayern, hat er seine Praxis nur für Patienten mit Rezept geöffnet. „Direkt nach der Beschränkung hatten wir erst einmal eine Woche zu – es gab zu viel Unsicherheit. Eine Woche später haben wir dann Patienten mit ärztlichem Attest therapiert. Es sollte die medizinische Grundversorgung aufrecht erhalten werden“, sagt Meyer. So handhaben er und sein Team die Situation noch immer.

Weniger ist mehr

Die Hygieneschutzmaßnahmen hat er in der Praxis erhöht: Die Stühle im Wartezimmer sind von fünf auf drei reduziert. Wer sich nicht im Zimmer aufhalten möchte, kann auch vor der Praxis warten. Dafür hat das Team vor der Tür zwei weitere Stühle aufgestellt. In der Praxis zieren Desinfektionsmittel, Spuckschutz und Abstandsmarkierungen die Einrichtung. Und auch bei Meyer gilt: Maskenpflicht. „Unsere Arbeit hat sich seit Corona nicht verändert. Wir arbeiten noch immer so nah wie nötig am Menschen. Und nach jeder Behandlung waschen wir gründlich die Hände – aber das auch schon vor Corona“, so Meyer.

Berührungsängste wegen einer möglichen Infektion hat der Physiotherapeut nicht. Im Gegenteil: Er versucht, seine positive Stimmung in den Gesprächen mit seinen Patienten zu vermitteln. Und: „Personen, die wirklich Angst vor dem Virus haben, meiden derzeit ohnehin die Praxis.“ Aktuell kommen rund 80 Prozent der zu Behandelnden in die Praxis; die restlichen 20 Prozent gehören zur Risikogruppe und sagen den Termin vorsichtshalber ab. Auch Personen mit Grippesymptomen werden nicht therapiert – doch auch die kommen erst gar nicht. „Wir hatten nur einmal den Fall, dass wir jemanden wegen Husten wieder nach Hause schicken mussten“, sagt Meyer.

Strikte Trennung

In der Physiotherapiepraxis von Doris und Reinhard Küfner in Alfeld läuft der Betrieb seit 27. April wieder an. Das Ehepaar behandelt vor allem Patienten mit Restanwendungen, die noch von der Zeit vor der Corona-Krise übrig sind, Patienten für Krankengymnastik und Lymphdrainagen. Die Behandlung von Risikogruppen bleibt vorerst aus.

Der Rhythmus in der Praxis hat sich geändert: Maximal drei Personen pro Stunde befinden sich gleichzeitig im Raum: Physiotherapeut, Behandelter und der Patient, der noch in der Ruhephase ist. Die räumliche Trennung ist strikt geregelt: Zwischen den Liegen sind Trennwände, die für Schutz und Privatsphäre sorgen. Außerdem arbeiten die Therapeuten räumlich und sogar zeitlich getrennt: „Während ich im vorderen Teil der Praxis nur vormittags arbeite, behandelt mein Mann im hinteren Teil nur nachmittags“, sagt Doris Küfner.

Kontakt reduzieren

Auch wenn sich in ihrer Praxis die Behandlungsmethode nicht verändert hat, der Aufwand ist dennoch gestiegen: Zwar gehörte die Desinfektion aller Sport- und Elektrogeräte, Behandlungsschwämme und Oberflächen schon vor Corona zum Praxisalltag, doch der Umgang mit Materialien, wie den Laken, hat sich verändert: Die packen die Physiotherapeuten jetzt in extra große Säcke, die sie dann in eine nahe gelegene Wäscherei fahren. Zwar ist die Handhabung der Wäschesäcke etwas unpraktisch, doch sie reduzieren den Kontakt mit den Laken und die Gefahr einer Infektion.

Wo möglich, tragen die Therapeuten Handschuhe, wie zum Beispiel bei Behandlungen von offenen Wunden. Bei Massagen hingegen sind die Einweghandschuhe unangenehm auf der Haut und werden selten getragen. Das viele Händewaschen, Desinfizieren und Tragen der Gummihandschuhe hinterlässt bei Doris schon die ersten Spuren: „Die Hände sind schrecklich spröde dadurch“, sagt sie und hat sich deshalb schon Pflegecremes besorgt.

Für Patient und Behandelten gilt Maskenpflicht, denn der Abstand von eineinhalb Metern ist kaum einzuhalten. Für das Ehepaar Küfner ist es ein neuer Alltag, aber es ist ein Anfang, um langsam wieder zur Normalität zurückzukehren.

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