Für Gruppengründungen

Kiss Nürnberger Land sucht neue In-Gang-Setzer

Carmen Henneberger (links) und Brigitte Bakalov werben für neue In-Gang-Setzer für Selbsthilfegruppen. | Foto: A. Pitsch2018/12/IMG_4151.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Jemand hat ein Problem oder besonderes Thema und möchte mit Gleichgesinnten in den Austausch kommen. Er wendet sich dazu an Kiss, die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen. Doch woher weiß er, wie eine Selbsthilfegruppe funktioniert? Wie kommt eine neue Gruppe ins Laufen? Dabei unterstützen die sogenannten In-Gang-Setzer, wie Carmen Henneberger eine ist. Sie und Kiss-Leiterin Brigitte Bakalov erklären, was das ist.

Was muss man sich denn unter einem In-Gang-Setzer vorstellen?
Brigitte Bakalov: Dieses Projekt kommt aus Nordrheinwestfalen und ist seit zehn Jahren in ganz Deutschland verbreitet. Die Idee dahinter ist, selbstorganisierte Gruppen bei der Gründung zu unterstützen. Vor allem bei psychischen Themen brauchen die Menschen oft länger, mit unbekannten anderen, einen vertrauensvollen Kontakt untereinander zu finden. Die In-Gang-Setzer helfen beim „Wir werden“. Wir als Kiss-Mitarbeiterinnen tun das zwar auch, haben aber nicht die Kapazitäten, eine Gruppe drei- bis fünfmal zu begleiten.

Begleiten heißt also …?
Carmen Henneberger: Gibt es einen Initiator für eine neue Gruppe – der ist unser Ansprechpartner –, wendet er sich an Kiss, damit die Werbung für weitere Interessierte machen. Findet sich eine Schar von Interessierten, geben wir diesen Regeln für die Gruppentreffen mit auf den Weg, beispielsweise „Jeder kann etwas sagen, muss es aber nicht“ oder „Alles, was in der Gruppe gesagt wird, bleibt auch da“. Das moderieren und begleiten wir bei den ersten drei oder vier Treffen. Wer dann weiterhin darauf achtet, das ergibt sich aus der Gruppe heraus.
Bakalov: Im Prinzip geben die In-Gang-Setzer im „Learning by doing“ Methoden weiter, um runde und bereichernde Gruppentreffen zu gestalten, zum Beispiel was machen wir, wenn einer zu viel redet oder um das Gespräch in der Runde in Gang zu halten.

Wie lange machen Sie das In-Gang-Setzen schon?
Henneberger: Ich bin seit 2014 dabei und eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dass ich gewissen Gruppen, bei deren Themen ich selbst anfällig bin, nicht haben möchte. Jetzt habe ich genau die (lacht). Beispielsweise begleite ich seit Februar Angehörige von Demenzpatienten. Da ist es schwierig für mich, mich rauszuhalten, denn die Mitglieder brauchen Hilfe mit dem Computer. Da schaue ich dann Sachen nach oder bringe Ausdrucke mit.
Bakalov: Das ist natürlich ein Sonderfall. Beim Tun hat sich deutschlandweit herausgestellt, dass es bestimmte Themengruppen – zum Beispiel Migranten, pflegende Angehörige – gibt, die für einen Start in der Selbsthilfe zusätzlichen Input brauchen. Daraus entstehen gerade neue Projekte. Es geht dabei aber nie um eine Gruppenleitung. Der In-Gang-Setzer hält lediglich den organisatorischen Rahmen.

Nicht jede Selbsthilfegruppe wird zu einer dauerhaften Einrichtung. Hat man als In-Gang-Setzer dann das Gefühl, gescheitert zu sein?
Henneberger: Leider habe ich das Scheitern von Gruppen schon erlebt. Aber wir sind so geschult, dass wir wissen, wir können die Leute nicht mit dem Lasso einfangen. Oft klappt es mit einer Gründung nicht, weil die Menschen dann doch keine Zeit mehr haben, es ihnen wieder besser geht oder sie mit unterschiedlichen Vorstellungen kommen: da will der eine über die Krankheit reden, der andere über die Psyche und der Dritte will Ausflüge machen und sich ablenken. Es braucht aber den kleinsten gemeinsamen Nenner für eine Tragfähigkeit.

Was ziehen Sie für sich aus dieser ehrenamtlichen Tätigkeit heraus?
Henneberger: Ständig neue Impulse. Ich lerne viele Menschen kennen und es ist interessant, zwei-mal hinzuschauen. Bei meiner Angehörigen-Gruppe hat zum Beispiel letztens eine Frau, die immer viel Unterstützung gebraucht hat, den Neuen geholfen. Das hat mich beeindruckt. Man sieht die Entwicklungen der Menschen. Im Prinzip nehme ich jedes Mal etwas für mich mit, und wenn es nur die Erkenntnis ist: „Mensch, geht’s mir gut!“ Man bekommt ein Bewusstsein für schwere Schicksale.

Wie viele In-Gang-Setzer gibt es aktuell in Mittelfranken?
Bakalov: Wir haben beim Start 2014 13 Leute geschult; davon sind aufgrund von Wegzug und weniger Zeit noch acht übrig. Da wir nun auch verstärkt junge Leute in den Blick nehmen wollen, wollen wir uns breiter aufstellen.

Welche Voraussetzungen und Bereitschaft sollten Interessierte mitbringen?
Henneberger: Auf alle Fälle Geduld, Interesse an Neuem und Teamfähigkeit. Wir bekommen Gruppen zugesprochen, mit deren Themen wir persönlich nichts zu tun haben; also wenn ich Rheuma hätte, dürfte ich diese Gruppe nicht anleiten.
Bakalov: Ich würde sagen offene Gelassenheit, denn zwar ist es kein ständiges Ehrenamt, weil man nach Bedarf gefragt und eingesetzt wird, aber man muss deswegen abwarten können. Die Liebe zum Menschen sowie Kontaktfreude und die Bereitschaft, die eigenen sozialen Kompetenzen zu erweitern, sind unabdingbar. Ich denke, das könnte aber gerade auch für junge Leute spannend sein, auf diese Weise „soft skills“ zu erwerben.

Und wie wird man In-Gang-Setzer?
Bakalov: Man besucht ein festes Schulungspaket von drei Mal zwei Tagen – das nächste Mal im Januar und Februar. Da erfährt man, was Selbsthilfe bedeutet und welche Haltung nötig ist, nämlich nur den Rahmen vorzugeben, sich aber inhaltlich nicht einzumischen und somit nicht bestimmend zu sein.

Wer sich für das Ehrenamt des In-Gang-Setzers interessiert, meldet sich bis 20. Dezember bei Brigitte Bakalov ([email protected], Tel. 09151/9084494).

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch