Corona-Folgen

Jugendamt braucht einen großen Zuschuss

Der Etat der Jugendhilfe im Nürnberger Land steigt von Jahr zu Jahr – heuer muss der Landkreis für die vielen verschiedenen Hilfen knapp 15,5 Millionen Euro „zuschießen“. | Foto: Landratsamt2021/01/redwebJHA-HH-Sitzung-25-01-2021-final-Se.jpg

NÜRNBERGER LAND – Die Corona-Krise hat spürbare Auswirkungen auch auf die Arbeit des Jugendamts im Nürnberger Land: So fragen mehr Familien nach einem Erziehungsbeistand und in der Heimerziehung müssen die Jugendlichen wegen des Ausfalls des Schulunterrichts deutlich länger betreut werden. Nicht zuletzt deshalb muss der Landkreis heuer wohl 15,53 Millionen Euro zum Haushalt der Jugendhilfe „zuschießen“, und damit ziemlich genau eine Million mehr als noch im vergangenen Jahr.

Der Haushalt sei „schwierig zu planen, wir befinden uns in einem besonderen Jahr“, sagte Jugendamtsleiterin Amanda Müller zu Beginn ihrer Präsentation des Zahlenwerks im Jugendhilfeausschuss des Kreistags. Ein bezeichnendes Beispiel dafür: die Entwicklung bei der Kindeswohlgefährdung und Inobhutnahme. Obwohl viele Experten warnten, durch den Shutdown und den langen Unterrichtsausfall würde die Gewalt in den Familien und vor allem gegen Kinder steigen, lässt sich das bislang – glücklicherweise – an den Zahlen für den Landkreis nicht ablesen.

In der Familien bleiben

Zwar gingen im vergangenen Jahr mit 745 ein paar Verdachtsfälle mehr beim Jugendamt ein als noch 2019 (738), dennoch mussten „nur“ 39 Kinder (2019: 45) daraufhin kurz- oder langfristig aus ihrer Familie genommen werden. „Vielen Familien werden rechtzeitig Angebote gemacht, um eine Inobhutnahme zu verhindern“, sagte Müller. Deshalb plant sie für 2021 hier erneut nur 244  000 Euro ein.

Anders dagegen der „Befund“ bei den Stichworten Erziehungsbeistand und sozialpädagogische Familienhilfe – hier verharren die Fallzahlen, wie auch bundesweit zu beobachten, auf hohem Niveau. „Die Familien befinden sich coronabedingt im Krisenmodus“, sagte Müller. 195 von ihnen benötigten im vergangenen Jahr einen Erziehungsbeistand, 186 die sozialpädagogische Familienhilfe. Wegen der geltenden Kontaktbeschränkungen sei diese Unterstützung zudem länger gefragt als in der Vergangenheit, auch deshalb veranschlagt die Jugendamtsleiterin hier jeweils 100 000 Euro mehr an Ausgaben.

Geld vom Kreis

Bei der stationären Erziehungshilfe (Heimerziehung) macht Müller eine Stabilisierung aus. Die Fälle blieben konstant, die Zahl der Belegtage sinkt. Weil die Kinder wegen des Unterrichtsausfalls aber auch vormittags betreut werden müssen und die geltenden Tagessätze auf halbe Tage kalkuliert sind, rechnet Müller mit deutlich steigenden Gesamtkosten von jetzt 3,6 Millionen Euro (2020: 3,1 Millionen). Auf der Einnahmenseite dürfte das Jugendamt 2021 wie schon im vergangenen Jahr 688 000 Euro verbuchen, so dass der Kreis unterm Strich wohl 2,9 Millionen „zuschießen“ muss.

Konstant bei 700 000 Euro bleibt der Ansatz für den Bereich der teilstationären Eingliederungshilfe. Dabei handelt es sich um die Betreuung von aktuell 35 Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in einer heilpädagogischen Tagesstätte, die ihnen vor allem eine geregelte Tagesstruktur geben soll. „Hier kommt das Jugendamt gut mit der gleichen Summe wie 2020 aus“, sagte Müller. Anders bei den stationären Eingliederungshilfen. Hier sanken zwar die Belegtage, weil nun aber drei Kinder mehr im Heim untergebracht sind (insgesamt 45), steigt der Zuschussbedarf leicht auf 2,14 Millionen Euro.

Weil die Heimerziehung die teuerste Form der Unterbringung ist, bringt das Jugendamt die Kinder ohnehin lieber in Pflegefamilien unter, von denen es viele sehr gute gebe im Landkreis. Aktuell leben 219 Kinder und Jugendliche bei einer Pflegefamilie (2019: 241), für 76 davon kommen andere Jugendämter auf. Weil deren Entlohnung gestiegen ist, sind hierfür 3 Millionen Euro im Haushalt vorgesehen, 2020 waren es 2,8 Millionen.

Rasanter Anstieg

Während die Unterstützung bei den sogenannten „Teilleistungsstörungen“ wie Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie seit Jahren in rund 170 Fällen angefordert wird, kennen die Zahlen bei den Schulbegleitern, die Kinder mit geistigen, seelischen oder auch körperlichen Behinderungen dabei unterstützen, am Unterricht in der Regelschule teilzunehmen, seit längerem nur eine Richtung: nach oben. Seit der Einführung der ambulanten Eingliederungshilfen 2012 sind die Fallzahlen jährlich gestiegen – von 13 auf inzwischen 99 (2019: 93). In diesem Jahr könnte sich der Trend fortsetzen, deshalb hat die Jugendamtsleiterin den Kostenansatz leicht auf 2,6 Millionen Euro angehoben.

Für weiter spürbare Entspannung bei der „Förderung von Kindern in Kindertageseinrichtungen“, mit der der Landkreis finanzschwächeren Familien bei den Kita-Gebühren unter die Arme greift, sorge das seit April 2019 ausbezahlte „Krippengeld“ von 100 Euro, sagte Müller. Im vergangenen Kindergartenjahr nahmen 988 Familien diese Unterstützung in Anspruch (Kostenpunkt: 800 000 Euro), im laufenden sind es 990, die Kosten dürften sich entsprechend wieder auf rund 800  000 Euro belaufen. Die „Förderung in der Kindertagespflege“ rufen zwar weniger Eltern ab (95 statt 101), weil hier aber die Bezüge der Pflegepersonen stiegen, kalkuliert Müller hier nun mit 415 000 Euro, knapp 20 000 Euro mehr als im Jahr 2020.

Weniger Einnahmen

Unter dem Strich muss der Landkreis 2021 für die Jugendhilfe 18,91 Millionen Euro in die Hand nehmen – der dritthöchste Wert bisher, und das, obwohl die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zurückgeht. Im November 2015 waren noch 190 junge Flüchtlinge in verschiedenen Heimen im Landkreis untergebracht, so die Jugendamtsleiterin, aktuell sind es nur noch 49, Tendenz weiter fallend.

Weil aber die Kosten für die minderjährigen Flüchtlinge zu 100 Prozent vom Bund zurückerstattet werden, sinken auch die Einnahmen des Jugendamts weiter – auf heuer knapp 3,4 Millionen Euro (2016 waren es noch 8,09 Millionen). Folge: Der Kreis muss demnach 2021 aus eigener Tasche erneut mehr Geld für die Jugendhilfe aufbringen, insgesamt 15,53 Millionen – sofern die weiter nicht bewältigte Corona-Krise die Kalkulation von Amanda Müller nicht noch über den Haufen wirft.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren