Veranstaltungstechnik

Eine Branche am Boden

Die Technik für Fritz Egner bei den Laufer Literaturtagen zu betreuen war Flo Sperbers absolutes Highlight im vergangenen Jahr. | Foto: Ina Gombert2021/05/flomutec.jpg

NÜRNBERGER LAND – Seit über einem Jahr bleiben die Bühnen in Deutschland dunkel und leer. Das nagt nicht nur an Musikern und Kulturschaffenden, sondern auch an denjenigen, die für den Aufbau und die Organisation von Events verantwortlich sind.

Es gibt Menschen, ohne die ein unvergessliches Konzert, eine imposante Veranstaltung oder ein gemütliches Bierfest nie möglich wären. Sie sind hinter Bühnen, Kameras, Mischpulten und Lichtmaschinen versteckt: die Veranstaltungstechniker. Die Corona-Pandemie hat wohl kaum einen Sektor so früh und so hart getroffen wie die Eventbranche. Während sich viele Gastronomiebetriebe noch mit Außer-Haus-Verkäufen oder Lieferungen über Wasser halten können, sieht es für Veranstaltungstechniker mehr als düster aus: keine Kirchweihen, Feste, Konzerte, Festivals oder Messen.

Flexibler Unterricht

Die Problematik fange schon bei der Ausbildung an. „Ich habe das Gefühl, ich bin nicht mehr so nah an meinen Schützlingen dran“, erzählt Gerhard Schwenkert, seit 2009 Lehrer an der Berufsschule für Medienberufe in München. Er unterrichtet dort die Fachkräfte für Veranstaltungstechnik in den Lernfeldern Energie- und Sicherheitstechnik, Veranstaltungsplanung und -organisation sowie Veranstaltungstechnik. Er fühle sich in seinem Unterricht stark eingeschränkt. Einerseits fehle ihm die Nähe zu seinen Schülern, andererseits verstehe er die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung.

„Es ist eigentlich ein ständiges Agieren und Anpassen an neue Situationen und Vorgaben.“ Damit bezieht er sich vor allem auf Quarantäneregelungen und den Wechsel zwischen Präsenz- auf Distanzunterricht, was sich jederzeit und je nach Inzidenzzahlen ändern könne. „Der adressatengerechte Einsatz erfordert Planungssicherheit, und die haben wir im Moment nicht“, so Schwenkert.

Theorie ohne Praxis

Im Home-Schooling-Modell sehe er nur den Vorteil, dass für die aus ganz Bayern kommenden Schüler die Anreise und Buchung eines Wohnheims entfalle. „Ansonsten bringt der Digitalunterricht für unsere Abteilung keine weiteren Vorteile.“ Über die Kommunikationssendegeräte sei der Anteil der Schülerbeteiligung gefühlt geringer geworden und es verleite viele dazu, sich „berieseln zu lassen.“ Erschwerend komme hinzu, dass aus datenschutzrechtlichen Gründen kaum jemand die Webcam anschaltet. „Ich kann also nicht sehen, ob mein Gegenüber gerade lernt oder von anderen Dingen abgelenkt wird.“

Außerdem sei die Situation besonders für lernschwache Schülerinnen und Schüler sehr problematisch, weil diese aus dem Raster fielen und ihre Förderung deutlich schwieriger sei. „Vor allem dann, wenn kein geeignetes Kommunikationssendegerät vorhanden ist oder die nötige Selbstdisziplin fehlt.“ Während berufsspezifische, theoretische Inhalte im Distanzunterricht auch dank der verwendeten Kommunikationsplattform gut abgedeckt werden könnten, fehle oft die praktische Durchführung. „Natürlich kann man in der Theorie planen, wie man eine Person ausleuchtet oder wie man einen Stromverteiler elektrotechnisch sicher überprüft, aber gemacht haben sollte man sowas mit eigenen Händen schon“, erklärt Schwenkert.

Angst vor der Zukunft

Das Hygienekonzept der Berufsschule sieht neben dem inzidenzabhängigen Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht ausreichend Desinfektionsmöglichkeiten, eine Maskenpflicht in allen Räumlichkeiten und während des Unterrichts, geltende Abstandsregeln und regelmäßige Lüftungspausen vor. Daran werde sich auch gehalten, denn man verfolge ein gemeinsames Ziel: „Gerade in der VT-Brache möchte man so schnell wie möglich wieder zurück in die Normalität.“

Eine Frustration seiner Schützlinge bemerke Gerhard Schwenkert dennoch gelegentlich, vor allem in Hinblick auf Zukunftsperspektiven in dem Berufsfeld. Allerdings habe diese pandemiebedingte Entwicklung auch positive Seiten: Der Ausbildende habe mehr Zeit, sich um seine Azubis zu kümmern und sie zu fördern. „Trotz all den Schwierigkeiten und Hürden begegne ich täglich Menschen, die Bock haben, ihre Ausbildung erfolgreich zu beenden, und das motiviert mich in meinem Tun!“

Auf eigenen Beinen

Die einen trifft es härter, andere schaffen sich neue Perspektiven. Flo Sperber gründete 2012 mit nur 19 Jahren seine eigene Veranstaltungstechnikfirma „flomutec“ in Laipersdorf. „Ich hätte nie gedacht, dass es so groß wird“, erklärt der gelernte Informationstechniker. Entstanden sei alles aus einem Hobby, weil er oft den Bühnensound von Bands mischte. Schritt für Schritt baute er sich einen Kundenstamm aus dem Nichts auf und betreute unter anderem schon die Hauptbühne beim Laufer Altstadtfest.

Es sei ein stetig wachsender Prozess gewesen. Angefangen habe Sperber nur mit Tontechnik, kaufte aber bald schon Lichttechnik und Bühnenelemente. „In der Branche muss man die Kundenwünsche verstehen und darauf eingehen“, erzählt er. Dank seiner Vielseitigkeit habe ihn die Corona-Pandemie nicht so hart getroffen wie viele seiner Kollegen in der Branche. „Zum Glück habe ich mehrere Standbeine und konnte mich rechtzeitig umorientieren.“ Außerdem habe Flo Sperber keine Festangestellten. „Ich hatte bei Jobs oft Unterstützung von Selbstständigen, die Veranstaltungstechnik nebenbei machen.“ Damit falle das Thema Kurzarbeit komplett vom Tisch.

Streaming als Lösung

Dabei seien ihm viele Entscheidungen der letzten Monate nicht leicht gefallen. „2020 habe ich gepokert, bin ein finanzielles Risiko eingegangen und bereue nichts“, erklärt er. Durch seine guten Verbindungen zur Laufer und anderen Kirchengemeinden im Nürnberger Land habe er schnell erkannt, dass er auf Streaming setzen sollte und investierte viel Geld in eine HD-Video-Ausrüstung. „So entstand dann church-solutions, was sich auf Streaming und Consulting bei Kirchen spezialisiert.“ Dadurch habe sich auch sein Kundenstamm geändert. Sein Highlight während der Pandemie seien die Laufer Literaturtage gewesen, die er technisch betreut habe.

Viele Veranstaltungstechniker, Künstler und Veranstalter werfen der Politik mangelndes Interesse an der Kultur vor. Flo Sperber sieht das zwiegespalten: „Auch wenn ich bei manchen politischen Entscheidungen skeptisch bin, ziehe ich den Hut vor den Entscheidungsträgern, denn man kann es nie allen recht machen!“ Zumindest eine finanzielle Unterstützung müsse gegeben sein, vor allem wenn die Existenz von Firmen davon abhängt. Die Situation sei jedoch nicht allein von der Politik abhängig, sondern von jedem Einzelnen. „Wenn es keine Perspektive gibt, müssen wir uns eben selbst eine schaffen!“ Er habe sich neue Standbeine aufgebaut, verstehe aber, dass dies nicht jedem möglich sei.

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