Unterstützerkreis fordern schnelle Maßnahmen

Aufstand der Asylhelfer

Da war die Stimmung im Sitzungssaal noch gelöst: Landrat Armin Kroder begrüßt die Asylhelfer. | Foto: Braun2016/06/infoabend-asylhelfer-lra-kroder-begruessung1.jpg

NÜRNBERGER LAND — Es brodelt gewaltig in den Asylhelferkreisen im Nürnberger Land. Bei der inzwischen vierten „Infoveranstaltung für Ehrenamtliche in der Asylarbeit“ im Landratsamt machten die Freiwilligen ihrem Frust Luft und stellten einen lange Liste mit Maßnahmen vor, die ihrer Meinung nach unerlässlich sind für eine funktionierende Betreuung und Integration von Flüchtlingen.

Wollte man die mehr als zweistündige, teils sehr emotional geführte Diskussion in einem Satz zusammenfassen, so müsste man wohl sagen: Die freiwilligen Helfer in den Unterstützerkreisen fühlen sich allein gelassen. Allein gelassen vom Landratsamt, das ihrer Meinung nach weder genug tut noch ausreichend informiert; vom Staat, der sich weder um den Abbau der Bürokratie noch um ausreichend professionelle Unterstützung kümmert; und von der Politik, die lieber über Grenzen und Verteilungsschlüssel diskutiert, statt über die brenzlige Situation an der Basis, in den Unterkünften der Kommunen.

Während die Debatte zum Thema Asyl parallel zum Rückgang der Neuankömmlinge in Deutschland immer leiser wird, ist die Schmerzgrenze bei den Helfern längst erreicht – bei manchen vielleicht schon überschritten. Kein Wunder also, dass so einigen der rund 100 anwesenden Helfern der Kragen platzte. Landrat Armin Kroder und seiner Verwaltung wurde so einiges an den Kopf geworfen. Da war es am Ende Nebensache, dass der Landkreischef, der geduldig und um Lösungen bemüht zuhörte, für viele der durchaus sinnvollen und wichtigen Kritikpunkte gar nicht der richtige Ansprechpartner war.

Vor allem ist es die fehlende Klarheit bei den Zuständigkeiten, die die Helfer so auf die Palme bringt. Wenn jeder die Verantwortung von sich weist, bleibt die Arbeit am Ende an den Ehrenamtlichen hängen, die dafür gar nicht geschult sind, so der Tenor. „Wir Ehrenamtliche fühlen uns mit der Aufgabenmenge, aber auch mit der großen Verantwortung, die wir für andere Menschen tragen, überfordert. Wir können in diesem Stil nicht weitermachen“, brachte es ein Helfer aus Happurg auf den Punkt und appellierte an den Landrat: „Deshalb die herzliche Bitte an Sie: Helfen Sie uns. Machen Sie das Problem zu Ihrer Aufgabe.“

Lange Mängelliste

Dieses „Problem“ setzt sich aus gut 25 großen und kleinen Punkten zusammen, die vorab gesammelt und dann von Renate Lendl aus Neuhaus vortragen wurden. Da geht es um die Aufstockung der Asylsozialarbeit, Hilfe bei der Wohnungssuche sowie Beratung anerkannter Flüchtlinge, um fehlende Dolmetscher und mehrsprachige Merkblätter für Behördengänge, aber auch um eine bessere Koordination und Zusammenarbeit des Landrats­amts mit den Helferkreisen sowie der Behörden untereinander, um fehlende Fahrkarten und Krankenversicherungen, verspätete Auszahlungen von Sozialhilfe, um Familienzusammenführungen und die scheinbar wahllose Umverteilung von Flüchtlingen.

Von ganz allgemeinen Problemen mit der deutschen Rechtsprechung bis hin zu ganz konkreten Einzelfällen kam vieles zur Sprache. Und so dauerte alleine die Aufnahme der Kritikpunkte über eine Stunde. Wirklich bearbeitet werden konnten am Ende aber nur wenige davon.

Besonders lang diskutiert wurde über etwas, das sich schnell als Knackpunkt herauskristallisiert hatte: die in der Praxis nicht ausreichende Unterstützung durch die professionelle Asylsozialberatung. Viele der Probleme, da waren sich alle einig, könnte durch eine Aufstockung der hauptamtlichen Mitarbeiter gelöst werden.

Doch hier mache das Sozialministerium dem Landkreis einen Strich durch die Rechnung, sagten Detlef Edelmann von der Diakonie und Michael Groß von der Caritas, bei denen die Asylsozialberatung angesiedelt ist. Derzeit beschäftigen sie dafür acht Sozialpädagogen und vier Assistenten. Damit sei das Nürnberger Land gut besetzt, so die Antwort des bayerischen Sozialministeriums auf einen Antrag der Wohlfahrtsverbände auf Aufstockung. „Wir bekommen keine neuen Stellen und können noch froh sein, wenn ausscheidende Kollegen wieder ersetzt werden“, erklärte Groß. Auch wenn er selbst diese Einschätzung keinesfalls teile.

Die Forderung von Kreisrätin Lydia Hufmann-Bisping, der Landkreis solle die Kosten selbst übernehmen, wies Kroder zurück: „Die Landräte in Bayern sind sich alle einig, dass es sich dabei um eine staatliche Aufgabe handelt. Es geht nicht darum, dass wir nicht zahlen wollen, wir können es nicht“, betonte er. Schließlich gehe es um rund eine Million Euro im Jahr. Eine Aussage, die aus politischer Sicht wohl verständlich ist, die Ehrenamtlichen aber nicht überzeugt.

Immerhin: Zumindest ein paar Lösungsansätze und Lichtblicke gibt es. So fängt ab 1. Juli mit Solveigh Grunow eine neue Kollegin im WinWin-Freiwilligenzentrum in Hersbruck an, die ausschließlich für die Asylhelferkreise zuständig sein wird – zunächst in Teil-, ab September in Vollzeit. Sie soll die gesammelten Kritikpunkte nach und nach zusammen mit einer Arbeitsgruppe aus Helfern abarbeiten. Außerdem wurden mehrsprachige Wegweiser für Flüchtlinge verteilt, die direkt in größeren Mengen geordert werden konnten.

Und schließlich versprach der Landrat, sich mithilfe der CSU-Abgeordneten, Marlene Mortler (Bundestag) und Norbert Dünkel (Landtag), mit Nachdruck bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, dass möglichst viele Missstände beseitigt werden. Außerdem will Kroder zum nächsten Infotreffen der Helferkreise einen Vertreter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge einladen und bei einer Versammlung zum Thema Asyl kommende Woche bei den dann anwesenden Bürgermeistern erneut um Hilfe werben.

Trotz dieser Versprechungen gingen viele der Helfer enttäuscht nach Hause. Sie hoffen nun, dass sich doch das eine oder andere zum Besseren wenden lässt. Und das am besten schnell, bevor vielen Ehrenamtlichen in der von Kroder als „Marathonlauf“ bezeichneten Flüchtlingsarbeit endgültig die Puste ausgeht.

N-Land Tina Braun
Tina Braun