Weihnachtsgottesdienste

Andachten draußen bei den Menschen

So wie in diesem Reichenschwander Adventsfenster macht sich Kirche in diesem Jahr an Heiligabend wie der Zug auf zu den Menschen; doch zugleich müssen sie zum Bahnsteig beziehungsweise zum Platz der Andacht kommen, um mit auf die Reise zu Begegnungen, Glaube und Weihnachten gehen zu können. | Foto: A. Pitsch2020/12/IMG-20201216-193533.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Raus aus der Kirche, rein in die Dörfer: Die Andachten zu Heiligabend haben coronabedingt ein neues Format erhalten. Kirche kommt zu den Menschen – eigentlich ganz im Sinne von Weihnachten, zumindest fast.

„Das ist ein ganz spannendes Thema, mit dem ich mich immer wieder beschäftige“, sagt stellvertretende Dekanin Kathrin Klinger. Die Henfenfelder Pfarrerin beschreibt sich selbst als Fan davon, hinauszugehen und Gottesdienste wo anders zu halten.

Und gerade zu Weihnachten passe dieser Ansatz perfekt: „Gott kommt durch Jesus in die Welt“, erklärt sie, „er verlässt den Himmel und geht ins Dorf“. Doch wenn keiner da ist, bekommt es keiner mit: „In Betlehem schlafen alle.“ Sprich, es müsse auch jemand dahinkommen, wo Gott ankommt.

Mit offenen Augen

In der Bibel stünden dafür exemplarisch zwei Personengruppen: die Hirten, die wachgerüttelt werden, und die Weisen aus dem Morgenland, die „Augen und Ohren offen halten, die Zeichen erkennen und die Reise auf sich nehmen“. Nicht nur die Kirche müsse sich also auf den Weg zu den Menschen machen, sondern auch umgekehrt. „Da muss sich jeder fragen, ob es ihm etwas wert ist, zu kommen.“

Diese Bereitschaft, aufeinanderzuzugehen, sei aber nicht nur auf die Kirche anwendbar. „Das gilt auch in Sachen Integration oder bei der Sprache.“ Wenn einer in seinem tiefsten Dialekt rede, könne er nicht erwarten, dass das Gegenüber, das sich außerdem vielleicht mit Deutsch schwer tue, ihn versteht. „Da muss man sich Mühe geben.“

Und diese „Mühe“, einen Schritt in die Kirche zu machen, haben sich scheinbar in diesem Jahr mehr Menschen als gewohnt gemacht, hat zumindest Klinger das Gefühl. Von ihrem Arbeitszimmer aus habe sie den Eingang des Henfenfelder Gotteshauses im Blick. Seit März sieht sie ganz viele Bürger, Besucher, Radler, Wanderer und Spaziergänger, die hineingehen.

„Das ist ganz toll, dass so viele gekommen sind“, freut sie sich. Und weil sie immer wieder auf die Gäste zuging, durfte sie schöne Momente mit ihnen erleben. Das vermittelte ihr den Eindruck, dass die Menschen Kirche wieder mehr zu schätzen wissen: „Allein schon die Tatsache, dass ich in einen Kirchenraum hineingehe, macht etwas mit mir.“

Überraschung in der Post

Regungen löste auch der Osterbrief der Henfenfelder Kirchengemeinde aus. Klinger und der Kirchenvorstand hatten diesen in jeden Briefkasten im Ort geworfen – egal ob evangelisch oder katholisch. Die Zahl der Reaktionen sei Wahnsinn gewesen: „Katholiken haben sich sehr darüber gefreut und auch Leute, die eher keine Kirchgänger sind, haben sich bedankt.“

Solche Aktionen wie auch die neuen Weihnachtsformate lösen sicher bei vielen Denkprozesse aus, ist Klinger überzeugt. „Da tauchen Fragen wie „Kommen die zu mir?“, „Gehöre ich dazu?“ oder „Bin ich bereit zu gehen?“ in einem auf.“

Dadurch werde sich in den kommenden Jahren bestimmt etwas in der Kirche und im Verhältnis zu den Menschen tun, aber wohin das führen wird, das könne sie nicht sagen. „Glaube und Weihnachten sind ja kein Zwang, sondern ein Angebot der Kirche“, betont Klinger.

Wenn man das offen und liebevoll gestaltet und damit zu den Menschen gehe, könne man deren Herzen berühren. Aber das sei eben keine Einbahnstraße: „Es müssen sich beide Seiten bewegen. Nur dann funktioniert Begegnung.“

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren