Luftzerlegungsanlage eingeweiht

Linde setzt auf Röthenbach

Blick aus knapp 40 Metern Höhe auf die beiden Tanks der Luftzerlegungsanlage – links Stickstoff, rechts Sauerstoff.
Blick aus knapp 40 Metern Höhe auf die beiden Tanks der Luftzerlegungsanlage – links Stickstoff, rechts Sauerstoff. | Foto: Sichelstiel2019/05/linde-werk-gas-rothenbach-schwaiger-strasse-birkensee.jpg

RÖTHENBACH – Das Prinzip klingt simpel: Luft wird in ihre Bestandteile zerlegt. So erhält man in erster Linie Stickstoff und Sauerstoff. Beides kann man in flüssiger Form in Tanks und Flaschen abfüllen und verkaufen – an Krankenhäuser zum Beispiel, die ihre Patienten mit Sauerstoff beatmen, aber auch an Chemie- und Elektrounternehmen oder Nahrungsmittelhersteller, die solche Gase in ihrem Produktionsprozess benötigen. Aber von wegen simpel: Eine Luftzerlegungsanlage, „das ist ein großer Tanker“, sagt Peter Wunner, der Kommunikationschef von Linde Gas in Europa. Wie groß, das lässt sich in Röthenbachtal sehen.

Dort, nicht weit vom Autobahnkreuz Nürnberg an der Straße zwischen Schwaig und Diepersdorf, hat Linde gestern nach knapp zwei Jahren Bauzeit seine neueste Luftzerlegungsanlage in Betrieb genommen. Es ist die erste nach der Fusion mit dem amerikanischen Praxair-Konzern. 59 Millionen Euro hat sie nach Unternehmensangaben gekostet. Und schon diese Zahl zeigt, wie viel Aufwand hinter der Produktion von Gasen steckt.


Die Luft wird zunächst verdichtet und dann bis knapp unter -200 Grad heruntergekühlt. Weil Sauerstoff und Stickstoff verschiedene Siedepunkte haben, also bei verschiedenen Temperaturen flüssig werden, kann man sie voneinander trennen. In Röthenbach entstehen so pro Tag rund 550 Tonnen Stickstoff und 200 Tonnen Sauerstoff. Ungefähr jede Stunde verlässt ein Lastwagen das 3,4 Hek­tar große Gelände, rechnet Werkleiter Christoph Krauß vor. So werden Kunden im Umkreis von etwa 150 Kilometern versorgt, vom Mittelständler bis zum Industrieriesen.

Fit für die Energiewende

Weil die Luftzerlegung ein „tiefkalter Prozess“ ist und zur Kühlung vor allem Strom benötigt wird, „sind nicht nur Stromkosten für uns ein Thema, auch die Planbarkeit ist wichtig“, sagt Jens Waldeck, der bei Linde Gas das Zentraleuropa-Geschäft leitet.

Die Röthenbacher Anlage ist eine Art Modellprojekt. Sie kann durch ein Puffersystem Lastschwankungen im Stromnetz abfangen. Damit reagiert der Konzern auf die Energiewende, auf den wachsenden Anteil von Strom aus Windkraft- und Solaranlagen. Trotz solcher Vorkehrungen plädiert Waldeck für einen schnellen Bau der Nord-Süd-Stromtrasse. Linde befürchtet, dass zwei Preiszonen in Deutschland entstehen könnten.

Knapp 60 Mitarbeiter arbeiten in dem Werk – und das, obwohl die Gasproduktion komplett ferngesteuert funktioniert. Waldeck spricht von einer „mannlosen Anlage“. Die entscheidenden Knöpfe drücken Linde-Mitarbeiter im sogenannten Remote Operations Center in Leuna (Sachsen-Anhalt). Das sei „höchst effizient“, so der Manager. Die Zentrale kennt die Parameter vieler Anlagen in Europa und kann sie miteinander vergleichen. Die Abläufe werden laut Waldeck so vereinheitlicht und optimiert. Das spare Kosten und Energie.

„Holen etwas Geschichte zurück“

Mit der Investition in Röthenbach „holen wir etwas Geschichte zurück“, sagt Werkleiter Krauß. Schon in den Siebzigern gab es in der Pegnitzstadt eine Luftzerlegungsanlage. Der Stickstoff wurde damals in die Gaspipeline eingespeist, die an dieser Stelle die A 9 unterquert. Das sind die Ursprünge des Standorts. In den vergangenen Jahren wurde in Röthenbachtal das Gas Acetylen hergestellt. Heute steht dort neben der Luftzerlegung eine Trockeneis­produktion.

Linde-Vorstandsmitglied Christian Bruch kündigt an, dass der Konzern auch nach der Fusion mit Praxair „weiter in Deutschland investieren will“. 

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel