Niemand fühlt sich zuständig für Sprachkurse für EU-Ausländer an heimischen Schulen

Wer kein Deutsch spricht, bleibt auf der Strecke

Thomas Freiman, der Schulleiter des Laufer CJT-Gymnasiums, setzt sich dafür ein, dass Schüler aus dem EU-Ausland wieder Deutschkurse bekommen. Foto: Chemnitz2014/01/76293_thomasfreimanrektorcjt_New_1390409764.jpg

LAUF — Sie sitzen im Unterricht und verstehen kein Wort. Nicht, weil sie dem Stoff nicht folgen können, sondern weil sie kein Deutsch sprechen: die Kinder von EU-Ausländern, die nach Deutschland zum Arbeiten kommen. Der Schulleiter des Laufer Gymnasiums, Thomas Freiman, schlug deshalb bereits im Sommer Alarm. Er fordert entsprechende Sprachkurse. Passiert ist bislang nichts.

„Es ist ein Desaster“, sagt Freiman über die Situation der Kinder aus Spanien, Griechenland, Ungarn, Polen, Bulgarien oder Rumänien. Sechs Schüler ohne Deutschkenntnisse sind in diesem Schuljahr alleine am Laufer Gymnasium neu eingetroffen, an den weiteren Schulen im Landkreis sind es ähnlich viele. Anders als bei den Kinder von Asylbewerbern, die drei Monate Deutschunterricht bekommen bevor es in die Schule geht, gilt dies für die Kinder von Zuwanderern nicht – hier greift die Schulpflicht ab dem ersten Tag.

Für die Schüler ein Alptraum, sagt Freiman. Sie haben ihre Heimat, ihre Freunde, ihr gewohntes Umfeld verlassen und werden in eine völlig neue Umgebung geworfen. „Das gesamte soziale Bezugssystem ist weg und dann sitzen sie in der neuen Klasse und verstehen weder den Lehrer noch ihre Mitschüler.“ Integration fällt da schwer.

Eine Willkommenskultur sieht anders aus, findet Freiman. Zumal auch im Nürnberger Land viele Unternehmen händeringend nach Fachkräften suchen. „Dass die Familie sich wohlfühlt und die Kinder gute Bildungschancen erhalten, ist bei der Standortwahl von Zuwanderern oft ausschlaggebend“, gibt Freiman zu bedenken. Zudem werde auch das Potenzial der Schüler verschwendet.

Deshalb hat er sich im Sommer an sämtliche Stellen gewandt, von denen er sich Hilfe versprach: an Landtagsabgeordneten Norbert Dünkel, den ehemaligen Landtagsabgeordneten Thomas Beyer, Landrat Armin Kroder und Laufs Bürgermeister Benedikt Bisping. Alle waren sich einig, dass man helfen müsse, nur zu einer Lösung ist es bislang nicht gekommen.

Lauf macht vor, wie es geht

Dabei hat die Stadt Lauf im Schuljahr 2012/13 gezeigt, wie es gehen kann. Mit 3800 Euro aus ihrem Topf für Integrationsarbeit finanzierte sie Deutschkurse für Schüler mit Migrationshintergrund an der VHS. Nach einem einwöchigen Basiskurs in den Sommerferien bekamen die Schüler danach jeden Samstag und in den Ferien Unterricht. „Die Stadt Lauf hat da absolut positiv und unbürokratisch reagiert“, lobt Freiman. „Das war eine gute Lösung, die auch richtig schnell Resultate gebracht hat.“

Doch warum gibt es diesen Kurs nicht mehr? „Der Stadtrat hat damals einstimmig entschieden, das Geld zu investieren. Allerdings war es nur als Anschubfinanzierung für ein Jahr gedacht“, erklärt Laufs Bürgermeister Benedikt Bisping. Hinzu kommt: „Von den 14 Kindern, die den Kurs regelmäßig besucht haben, kamen nur acht aus Lauf“, die restlichen aus den Nachbarkommunen. Diese und den Landkreis wollte die Stadt ins Boot holen. „Wir können und dürfen den Kurs nicht auf Dauer alleine finanzieren. Wir haben aber super Erfahrungen damit gemacht und wären sofort dabei, wenn die anderen mitmachen“, betont Bisping. Doch die anderen stiegen nicht mit ein. Sie sehen den Freistaat Bayern in der Pflicht.

Das Thema wird in München bereits diskutiert. Dünkel hatte sich an Kultusminister Ludwig Spaen­le gewandt und ihm das Problem geschildert. Der schrieb zurück und versprach, sein Haus wolle „die organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen für solche örtlichen Sammelkurse allgemein prüfen lassen“. Das war im Juli 2013 … Doch seitdem ist man sich nicht einig geworden, wer zuständig ist: die Schulen und damit das Kultusministerium, oder handelt es sich um Eingliederungshilfe, die am Sozialministerium angesiedelt ist?

Über solche Verzögerungen ärgert sich Freiman: „Es kann doch nicht sein, dass eine solch wichtige Sache nur rein formal und bürokratisch diskutiert wird. Es geht schließlich um die Schwächsten, die Kinder, die nichts für ihre Situation können.“

„Es sind schon einige Schritte gemacht worden“, findet indes Norbert Dünkel und verweist darauf, dass es für Grund- und Mittelschulen bereits ein solches Bildungsangebot gibt. Hier lernen die Schüler in Übergangsklassen Deutsch. „Ich halte es für keine gute Idee, Schüler, die in ihrem Heimatland ans Gymnasium gingen, in die Mittelschule zu stecken, nur weil es dort Sprachkurse gibt“, so Freiman. Das sei auch den Eltern nur schwer zu vermitteln. Er erzählt von einem in Mathematik hoch begabten Geschwisterpaar aus Spanien, das vergangenes Jahr ans CJT kam. „Die wären an der Mittelschule falsch gewesen.“

Für weiterführende Schulen stellt das Kultusministerium zwar auch ein Budget für diesen Sonderunterricht bereit, sagt Dünkel, doch die Kurse werden vor allem in den großen Städten angeboten. Er will sich nun dafür einsetzen, dass auch die kleineren Kommunen nicht vergessen werden.

Bis eine Entscheidung fällt, bleibt den Schulen nichts anderes übrig, als sich selbst zu helfen. „Doch wir haben dafür weder genug Personal noch sind unsere Lehrer dafür ausgebildet, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten“, erklärt Freiman. Er hofft weiter darauf, dass sich im Nürnberger Land eine Lösung findet.

Gelder aus der Bildungsregion?

Hoffnung macht der Pressesprecher des Landrats, Rolf List: „Wir wollen das Thema im Rahmen der Bildungsregion einbringen“, sagt er. Schließlich laute eine der Säulen dieses Projekts, das Bildungsmaßnahmen fördern soll: „Kein Talent darf verloren gehen“. Hier sei nicht wichtig, wer zuständig ist, sondern allein ob eine Maßnahme sinnvoll ist. Ob die Deutschkurse wieder eingeführt werden, wird sich zeigen: Die Auftaktveranstaltung zur Bildungsregion findet heute um 18 Uhr in der Realschule Röthenbach statt.

N-Land Tina Chemnitz
Tina Chemnitz