Seit einem halben Jahr darf die Branche nicht arbeiten

Tätowierer fordern Umdenken in München

Tattoostudioinhaber Jack Rebel (Bildmitte) hat seinen FW-Parteikollegen Wolfgang Hauber nach Lauf eingeladen. Die Maskenpflicht im Studio gilt auch für die Comicfigur Wonder Woman. | Foto: Kirchmayer2021/04/Jack-Rebel-Tattoostudio-Lauf-Corona-Wolfgang-Hauber-Freie-Wahler-kir-scaled.jpg

Lauf – Das Tattoostudio von Jack Rebel an der Nürnberger Straße in Lauf ist ein Paradies für Nerds. Der ganze Raum ist eine Hommage an die Comics und Zeichentrickserien, die dem Inhaber besonders gut gefallen. Ins Auge sticht vor allem die fast lebensgroße Figur von „Wonder Woman“, die passend zur aktuellen Lage einen Mund-Nasen-Schutz trägt. Eine Ansteckungsgefahr für die Amazone besteht allerdings nicht, denn seit 2. November darf Jack Rebel keine Kunden mehr empfangen.


Dienstleistungsbetriebe, in denen „eine körperliche Nähe zum Kunden unabdingbar ist“, mussten vor einem halben Jahr erneut schließen, neben Tattoostudios auch Kosmetikstudios oder Massagepraxen. Als am 8. März deutschlandweit solche Betriebe wieder öffnen durften, entschied sich nur ein Bundesland dagegen: Bayern.


Rebel hat dafür kein Verständnis. „Wir haben die höchsten Hygienevorschriften überhaupt“, sagt der Laufer über die Branche, ungeachtet der Pandemie. Dazu gehört neben dem desinfizierten Arbeitsbereich und -gerät, dass jeder Kunde dokumentiert werden muss, die Nachverfolgbarkeit ist also gegeben. Rebels Studio empfängt ohnehin fast nur Stammkunden, ein ständigen Kommen und Gehen wie im Supermarkt gibt es also nicht.


Rund 20 Prozent der Deutschen gelten als tätowiert, oft bleibt es nicht bei einem Tattoo oder ein Termin reicht nicht aus, um eine Arbeit fertigzustellen – manche Kunden warten seit sechs Monaten darauf, dass die unfertigen Projekte beendet werden können.

Keine Infektion in Tattoostudio bekannt


Das Problem der Branche ist der fehlende Abstand bei der Arbeit: „Körpernahe Dienstleistungen bergen ein erhöhtes Risiko einer Infektionsübertragung, da Mindestabstände nicht einzuhalten sind“, drückt es ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums aus.
Jack Rebel hält dagegen, es sei kein Fall bekannt, in dem sich jemand in einem Tattoostudio mit dem Corona­virus angesteckt hat.

Umgekehrt fürchtet er, dass die Branche in die Schwarzarbeit getrieben wird, der Bedarf sei schließlich da, Anfragen hatte er auch schon einige.
Doch im privaten Wohnzimmer kann man die hohen Hygienestandards eines Studios nicht einhalten – so könnten beispielsweise Hunde- oder Katzenhaare, die in eine frische Wunde gelangen, zu einer Blutvergiftung führen, sagt Rebel.


Wirtschaftshilfen hat er seit Beginn der Pandemie zwar bekommen, finanziell wird es mittlerweile aber dennoch ernst. Zusammen mit einigen Kollegen hat Rebel an einem Video mitgewirkt, das auf die Nöte der Branche aufmerksam machen soll. Die Forderung: gleiche Regeln in Bayern wie im Rest der Republik und damit eine klare Perspektive, dass bei niedrigeren Fallzahlen wieder gearbeitet werden darf. Bundesweit dürfen Tätowierer unterhalb der Sieben-Tage-Inzidenz von 100 pro Landkreis wieder zur Nadel greifen, in Bayern gilt das Verbot aber grundsätzlich.


Hauber kam nach Lauf


Der Laufer ist Mitglied der Freien Wähler (FW), er kandidierte bei der vergangenen Kommunalwahl für den Stadtrat, einen Sitz ergatterte er nicht. Den Kontakt zur Parteikollegin Julia Hacker hat er jetzt aber genutzt, um sich einen Landtagsabgeordneten ins Studio einzuladen.


Wolfgang Hauber aus Weißenburg hat zwar selbst mit Tattoos nichts am Hut, für die Nöte der Branche hat er aber ein offenes Ohr. Schon seit einigen Wochen ist er mit Rebel in Kontakt. Dass Tattoostudios nach wie vor nicht öffnen dürfen, sei „einfach nicht nachvollziehbar“, sagt der ehemalige Polizist.


Über die Branche werde „immer wieder in der Fraktion diskutiert“, die FW hätten versucht, das Thema in Kabinettssitzungen einzubringen.
Bisher ohne Erfolg, die am Dienstag geänderte zwölfte Infektionsschutzmaßnahmenverordnung des Freistaats gilt nun bis 9. Mai, so lange gibt es also wenig Hoffnung für die Branche.


„Unser Problem ist immer, dass wir Kompromisse finden müssen“, sagt Hauber über die politische Arbeit im Kabinett Söder. So habe man erreicht, dass die Blumenläden inzidenzunabhängig wieder öffnen dürfen, bei den „körpernahen Dienstleistungen“ gebe es aber weiterhin Einschränkungen.
Hauber sagt, seine Partei setze sich dafür ein, dass im Freistaat die bundesweit geltenden Regelungen greifen, doch „es konnte leider nur ein Teil umgesetzt werden“.

Dünkel äußert Verständnis


Auch mit dem heimischen Landtagsabgeordneten Norbert Dünkel hat Jack Rebel längst Kontakt aufgenommen. Der CSU-Politiker äußert Verständnis für die Sorgen der Branche und sagt, er habe die Staatskanzlei schon mehrmals gebeten, zu prüfen, ob eine Lockerung möglich sei. „Ich bin am Thema dran und bleibe dran“, so Dünkel. Er verweist darauf, dass sich der Freistaat an Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina orientiere, bestimmte Einrichtungen noch nicht zu öffnen, etwa Massagesalons oder Tattoostudios. Es handle sich aber nicht um eine „politische Entscheidung“ gegen bestimmte Branchen.


Wieso der Freistaat als Einziger bei Inzidenzen unter 100 einen Sonderweg geht, kann Dünkel nicht erklären. Jedoch sagt er, dass die Fallzahlen in bestimmten bayerischen Landkreisen noch sehr hoch seien, und man wolle keine Unterscheidung nach einzelnen Regionen machen.


Der Hersbrucker sagt, er sei guter Hoffnung, dass Tattoostudios und sonstige körpernahe Dienstleistungen nach dem nächsten Beschluss aufatmen können. „Ich hoffe, dass wir in vier Wochen weiter sind.“

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