Rückwärtswalzer statt Reckturnen

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Lauf. Rot und blau sind die Fenster im ersten Stock der Turnhalle erleuchtet und weisen vom Parkplatz aus den Weg durchs Dunkel. Es ist schon ungewohnt im ersten Moment, die letzten Meter hinein ins Laufer Lesefestival nicht wie all den Jahren durch den hell erleuchteten Eingang der Bertleinschule zu nehmen, wo sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten dutzende Namen der Literaturszene im November ein Stelldichein gaben. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ohne Zweifel war der Gang in die große Aula mit der Bühne vor der hohen Freitreppe für Autoren und Gäste stets ein besonderer. Doch die Schule wird umgebaut und die Literaturtage brauchten ein neues Quartier. Das Christoph-Jacob-Treu Gymnasium gewährt dem Festival Unterschlupf.


Im Eingangsbereich der Halle begrüßen die Damen der Laufer Bücherei die Besucher, während im Untergeschoss gerade die letzten Gäste das Bad verlassen. „Stimmt, es gibt ja hier ein Schwimmbad“, entfährt es einer Besucherin. Ihr Blick geht suchend nach oben, dann stellt sich langsam ein vertrautes Gefühl ein: Durch die Türen der Turnhalle fällt schummrig-rotes Licht, im Hintergrund ist die große Bühne zu erkennen.

Links und rechts von dieser haben sich Schüler sowie Lehrer alle Mühe gegeben, das nüchterne Flair der Turnhalle zu verstecken. Sie zeigen Kunst und Projektarbeiten, auf Plakatwänden hat sich das W-Seminar Deutsch um Tanja Forster mit den Autoren der Woche beschäftigt, zwei Liegestühle und ein Büchertisch laden zum Schmökern und Kaufen ein. Der schwarze Fußboden, der extra für die Literaturwoche verlegt wurde, dämpft die Schritte, die Bestuhlung im Halbrund ermöglicht einen guten Blick auf die Bühne auch von den hinteren Plätzen: Doch, das Lesefestival kann hier gut ein paar Jahre verbringen.

Das findet auch Andreas Reichel, Leiter der Stadtbücherei, der die 24. Laufer Literaturtage mit Dank an die Stadt, das Gymnasium und die Sponsoren eröffnet. Der Umzug war für das Projektteam eine große Herausforderung, doch die Unterstützung, betont Reichel, war hervorragend. 4000 Besucher werden bis Ende der Woche bei den Laufer Literaturtagen erwartet, 1000 Schüler zusätzlich in den Schullesungen. Erstmals stehen auch in den Laufer Kindertagesstätten Lesestunden auf dem Programm. Lesen ist gut für alle Generationen, lautet die Botschaft.

Dann kündigt Literaturtageorganisatorin Renate Grabmeier Vea Kaiser an. Das Feuilleton erkor die 30-jährige Niederösterreicherin zum Shootingstar der österreichischen Literaturszene, seit sie mit ihren Romanen „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und jetzt „Rückwärtswalzer“ der oft eher schwermütigen alpenländischen Literaturszene einen literarischen Galopp verpasste. Warum die studierte Altphilologin, die sich außer mit dem österreichischen Lieblingsthema Sterben und Tod gerne auch mit gutem Essen, alten Mythen und Parasitologie beschäftigt, nicht nur als Autorin und Kolumnistin so erfolgreich ist, wird innerhalb weniger Minuten klar, als das Energiebündel aus St. Pölten auf der Bühne aus dem Leben der Familie Prischinger, den Protagonisten ihres Romans, zu erzählen beginnt.
Selten gelang es Autoren, so temperamentvoll und charmant Familienanekdoten zu Geschichten zu verdichten und mit Erlebnissen der Kindheit im staden Waldviertel zu verknüpfen.

Das Publikum, das mit Erstaunen in die Welt der niederösterreichischen Nachkriegszeit eingeführt wird und dabei auch vom kargen Leben mit russischer Besatzung bis 1955 erfährt, lehnt sich zunehmend entspannt zurück. Souverän verknüpft Vea Kaiser fast schon kabarettistisch Erzählpassagen, Rückblenden und Lesestücke, schafft es, die Charaktere und Eigenheiten ihres umfangreichen Romanpersonals, das im wahren Leben von Vea Kaiser durch eine Großfamilie mit 100 Cousinen und Cousins ergänzt wird, zum Leben zu erwecken. Viele Lacher bis zuletzt, als Kaiser einen Exkurs zur Beerdigungskultur anhängt. Die besten Geschichten schreibt eben das Leben selbst.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger