Anja Wirkner zur Debatte um die Bayernhymne

„Man wollte einen Shitstorm provozieren“

Gleichstellungsbeauftragte Anja Wirkner in ihrem Büro im Landratsamt. Eine gendergerechte Sprache ist nur ein kleiner, aber wichtiger Teil auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sagt Wirkner.
Gleichstellungsbeauftragte Anja Wirkner in ihrem Büro im Landratsamt. Eine gendergerechte Sprache ist nur ein kleiner, aber wichtiger Teil auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sagt Wirkner. | Foto: Gramlich2018/03/Anja-wirkner-gleichstellungsbeauftragte-landratsamt.jpg

NÜRNBERGER LAND — Sollen die männlichen Formulierungen in der Bayernhymne durch neutrale ersetzt werden? Zu dieser Frage äußerte sich die Gleichstellungsbeauftragte des Nürnberger Lands kürzlich in einem Radio-Interview – und erntete dafür einen Shitstorm. Im Gespräch mit der PZ erklärt Anja Wirkner nun, warum Sprache so wichtig ist, was sie von der derzeitigen Kommunikationskultur hält und welche Themen ihr wirklich auf den Nägeln brennen.

Frau Wirkner, weil sie gefordert hat, die Nationalhymne gendergerecht umzuschreiben, hat die Gleichstellungsbeauftragte der Bundesregierung, Kristin Rose-Möhring, kürzlich viel Gegenwind bekommen – sogar von der Bundeskanzlerin. Warum haben Sie sich nun trotzdem für eine Überarbeitung der Bayernhymne ausgesprochen?
Wirkner: Zunächst einmal habe ich die Umformulierung nicht gefordert. Antenne Bayern hatte mich angerufen und gefragt, ob man nicht auch die Bayernhymne ändern müsste, wenn die Nationalhymne umgeschrieben würde. Ich habe dazu gesagt, dass das nur konsequent wäre. Das war eine Wenn-Dann-Aussage, aus der der Münchner Merkur für seine Schlagzeile eine Forderung gemacht hat.

Hielten Sie es denn für sinnvoll und machbar, die Bayernhymne umzuformulieren?
Wirkner: Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, dass bei uns eine Hymne umgeschrieben wird. Aber es ist unser Job als Gleichstellungsbeauftragte, uns auch über solche Dinge Gedanken zu machen. Sprache ist wichtig und hat viel Macht. Deshalb muss man über Veränderungen nachdenken dürfen.

„Sprache schafft Bewusstsein“
 

Warum ist Sprache so wichtig?
Wirkner: Sprache schafft Bewusstsein und weckt Bilder. Wenn ich Ihnen jetzt sage, Sie sollen nicht an einen rosa Elefanten denken, werden Sie genau das tun. Wenn ich im Alltag also immer nur von Krankenschwestern und Ingenieuren rede, kommt mir beim einen Beruf eine Frau und beim anderen ein Mann in den Sinn. Es gibt aber auch Männer in der Pflege, weshalb wir uns dafür einsetzen, dass von Pflegekräften gesprochen wird, und eben auch von Ingenieurinnen. Es geht darum, feste Bilder zu verändern, damit sich im Kopf der Menschen etwas ändert. So wollen wir zum Beispiel unterstützen, dass mehr Männer soziale Berufe in Erwägung ziehen und mehr Frauen naturwissenschaftliche Laufbahnen einschlagen.

Viele befürchten, dass im Zuge der „Genderisierung“ Sprache zerstört oder zumindest komplizierter wird.
Wirkner: Wenn man den Leuten früher gezeigt hätte, wie wir heute kommunizieren – gerade in Zeiten von „Whatsapp“, Twitter und Co. – hätten sie auch gesagt, dass wir Sprache zerstören. Dazu gibt es ja auch zahlreiche Debatten. Fakt ist: Sprache hat sich schon immer verändert. Das hat ja nicht erst mit der Genderforschung angefangen.

Wenn wir alle Texte gendergerecht schreiben müssten, würde das aber alles andere als schön klingen.
Wirkner: Das ist alles eine Frage der Gewohnheit. Ich habe mich zum Beispiel schon komplett daran gewöhnt, immer die männliche und weibliche oder die neutrale Formulierung zu wählen. Für mich klingt es inzwischen komisch, wenn von Studenten die Rede ist und nicht von Studierenden. Ich höre häufig die Aussage: „Es wird zwar die männliche Form verwendet, die Frauen sind aber mit gemeint.“ Die Universität Leipzig hat den Spieß mal umgedreht: Sie hat die Grundordnung in die weibliche Form übersetzt und gesagt: „Die Männer sind mitgemeint“. Was glauben Sie, was da los war?

„Keine konstruktive Auseinandersetzung“
 

Die Reaktionen im Netz zum Thema Hymne waren ja sehr heftig. Wie gehen Sie damit um?
Wirkner: Ich weiß zwar, dass Sprache oft kontrovers diskutiert wird. Aber dass das Thema solche Emotionen weckt und Menschen sich derart provoziert fühlen, hat mich schon verwundert. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand sagt: „Frau Wirkner, das sehe ich aber anders“ und sachliche Kritik äußert. Aber dass einige zu persönlichen Beleidigungen greifen und derart unter die Gürtellinie gehen, finde ich erschreckend. Da waren Unterste-Schubladen-Meinungen dabei. Auch in einigen E-Mails bin ich beschimpft worden. Das ist keine konstruktive Auseinandersetzung und keine Kommunikationskultur, deshalb antworte ich auf so etwas auch nicht. Leider gibt es solche Shitstorms ja immer häufiger bei verschiedensten Themen. So etwas zeigt aber auch, was Sprache alles kann. Sie hat Auswirkungen auf Männer und auf Frauen.

Wie erklären Sie sich, dass unter Ihren Kritikern viele Frauen sind?
Wirkner: Das trifft natürlich besonders. Ich kann es mir nur so erklären, dass den Kritikerinnen die Bedeutung von geschlechtergerechter Sprache noch nicht so bewusst ist oder sie es nicht als wichtig empfinden.

Auch CSU-Kreistagsfraktionsvorsitzende Cornelia Trinkl und Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler hatten Ihre Aussagen öffentlich kritisiert. Was sagen Sie dazu?
Wirkner: Wir haben über das Thema im Kreisausschuss gesprochen und ich habe den Sachverhalt richtig gestellt, dass ich nicht aktiv die Änderung der Hymne gefordert habe, sondern nach meiner Meinung befragt worden bin.

Sind Sie trotzdem froh, dass das Thema so viel Aufmerksamkeit bekommen hat oder glauben Sie, dass das der Gleichstellung eher schadet?
Wirkner: Das ist schwer zu sagen. Mir ist es wichtig, Themen zu benennen, bei denen es noch Handlungsbedarf gibt. Und Sprache ist eines davon. Darüber hinaus befasse ich mich ja mit vielen anderen Dingen. Ich finde es aber interessant, dass ausgerechnet die Debatte um eine Hymne so viel Aufmerksamkeit bekommt. Dabei wurde es in vielen Kommentaren ja richtig benannt: Es gibt noch viel wichtigere Baustellen. Trotzdem habe ich auf all die wichtigen Themen, die ich in meiner Funktion regelmäßig anspreche, noch nie eine solche Reaktion erhalten.

Welche Themen sind es denn, die Sie als Gleichstellungsbeauftragte beschäftigen?
Wirkner: Da gibt es viele. Schauen Sie nur auf die immer noch herrschende Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen. Oder darauf, dass es viel weniger Frauen in Führungspositionen gibt und deutlich mehr Frauen als Männer von Alters­armut betroffen sind. Auch das Thema häusliche Gewalt ist nach wie vor ein wichtiges, wie auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dies alles findet sich im Gleichstellungsbericht der Bundesregierung.

„Ich habe viel über die Medien gelernt“
 

Mit dem Wissen von heute: Würden Sie zu dem Thema noch einmal Stellung nehmen?
Wirkner: Ich würde wieder meinen Job machen. Und der ist es nun mal, mich auch mit solchen Dingen zu befassen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die Medien anders damit umgehen. Da stand ganz eindeutig die Sensation im Vordergrund. Aus meiner Sicht wurde die Schlagzeile eindeutig so gewählt, weil man einen Shitstorm provozieren wollte. Ich würde mal sagen, ich habe in den vergangenen Tagen viel über die Medien gelernt.

Wie steht es denn um die Gleichstellung im Nürnberger Land?
Wirkner: Es gibt jetzt seit 30 Jahren die Gleichstellungsstelle im Landkreis. In dieser Zeit ist viel passiert, aber es gibt auch noch jede Menge Handlungsbedarf. Wenn jemand sagt „Männer und Frauen sind heute doch gleichberechtigt“, ist das einfach nicht wahr. Die Zahlen sprechen hier für sich, zum Beispiel beträgt die Lohnlücke 21 Prozent. Wir müssen uns den Fakten stellen, Themen auch in Zukunft benennen und aktiv angehen – egal wie groß oder klein sie sind.

N-Land Tina Braun
Tina Braun