Bergwacht stellt eines von drei nordbayerischen Teams

Lauf ist Stützpunkt für Höhlenretter

Ein Retter steigt ab in die Riesending-Höhle: Für diesen Einsatz sind nur erfahrene Spezialisten geeignet. Foto: Bergwacht/BRK BGL2014/06/83859_riesendinghoehlebrkbgl_New_1402563964.jpg

NÜRNBERGER LAND — Höhlenretter sind gefragte Spezialisten. Nur etwa 70 Einsatzkräfte der bayerischen Bergwacht sind für den Einsatz unter Tage ausgebildet. Eine von acht Höhlenrettungswachen im Freistaat befindet sich in Lauf. Von hier aus starten die Ehrenamtlichen normalerweise zu Einsätzen in der Hersbrucker Schweiz. An Pfingsten haben sie ihre Kollegen unterstützt, die derzeit bei Berchtesgaden um die Rettung eines in der Riesending-Höhle verunglückten Forschers kämpfen.

Über 1100 Meter ist die Höhle in den Berchtesgadener Alpen tief, in der seit Tagen eine der schwierigsten Rettungsaktionen in der Geschichte der Bergwacht läuft. Angesichts dieser Zahl sind selbst erfahrene Einsatzkräfte beeindruckt. „Es gibt nur eine Handvoll, die dort überhaupt reingehen können“, sagt Jürgen Schmieder, der langjährige Leiter der Laufer Bereitschaft. Ganz klar: Zwischen der Riesending-Höhle und den 50 bis 60 Meter tiefen Hohlräumen in der Hersbrucker Schweiz, dem üblichen Einsatzgebiet der Laufer, liegen Welten.

Trotzdem mussten zwei Höhlenretter an Pfingsten in Richtung Berchtesgaden ausrücken. Sie brachten unter anderem Flaschenzüge und ein kabelgebundenes Kommunikationssystem an die Einsatzstelle, denn es ist eine regelrechte Materialschlacht, den verunglückten 52-Jährigen wieder ans Tageslicht zu bringen. Dafür braucht es mehrere Biwaks, mehrere Teams aus erfahrenen Rettern.

„Hohe psychische Belastung“

Theoretisch könnten die Laufer zwar auch noch selbst zum Einsatz in der großen Schachthöhle nach­alarmiert werden, doch Gabi Geiger-Brückner, Schmieders Nachfolgerin, hält das für unwahrscheinlich: „Das ist ein derartiger Schwierigkeitsgrad und eine so hohe psychische Belastung, dass man dafür absolute Fachleute braucht.“ Wohl höchstens als Unterstützung würden die zehn Höhlenretter eingreifen, die die Bereitschaft aufbieten kann.

Erst seit ein paar Jahren gibt es unter dem Dach der Bergwacht eine eigenständige Organisationsstruktur für Höhlenrettungen. In Südbayern sind fünf Bereitschaften darauf spezialisiert, in Nordbayern nur drei. Bamberg ist für die Fränkische Schweiz zuständig, Bayreuth für das Fichtelgebirge und Lauf für die Hersbrucker Schweiz. Alle bayerischen Teams üben miteinander, die Nordbayern haben einmal im Monat einen gemeinsamen Lehrgang. Voraussetzung ist die normale, zweijährige Ausbildung der Bergwacht, dann folgt eine Spezialisierung.

Wer Höhlenretter wird, hat oft ein privates Faible für die unterirdischen Hohlräume, ist vielleicht Hobbyforscher. Mit normalen Bergwachteinsätzen sei die Arbeit dort nicht zu vergleichen, sagt Schmieder: „Das fängt schon damit an, dass man zum Beispiel mit einem Hubschrauber nicht an Verunglückte herankommt. Und dann ist es meistens sehr eng, so dass nur einzelne Retter durch die schmalen Öffnungen steigen können.“ Dementsprechend lang kann es dauern, bis ein Einsatz abgeschlossen ist – „zehn bis fünfzehn Stunden sind gar nichts“.

Ein zentrales Problem ist die Kommunikation: Normale Funkgeräte versagen ihren Dienst, also müssen Kabel verlegt werden. So gehen derzeit auch Schmieders Kollegen in den Berchtesgadener Alpen vor; zunächst bis in 400 Meter Tiefe installierten sie eine Telefonleitung. Dafür war Material aus Lauf notwendig. Inzwischen kommt allerdings auch Cavelink zum Einsatz, ein drahtloser SMS-Dienst auf Langwellenbasis.

Ein verknackster Knöchel reicht

Typischerweise verunglücken in der Hersbrucker Schweiz keine erfahrenen Höhlengänger, sondern Wanderer: „Viele unterschätzen, dass die Felsen glitschig sind. Man kommt dann leicht in die Höhle rein, aber schwer wieder aus ihr heraus“, sagt der frühere Bereitschaftsleiter. Schon ein verknackster Knöchel reicht unter solchen Bedingungen aus.

2012 dauerte es mehrere Stunden, einen 15-Jährigen aus einem Felsenkeller bei Königstein zu befreien, der mit einem Fuß in einen Spalt geraten war. Im vergangenen Jahr musste ein Geocacher am Seil aus einer Höhle bei Breitenbrunn gezogen werden. Der Mann gelangte aus eigener Kraft nicht mehr an die Oberfläche. Spektakulär war die Rettung eines 34-Jährigen, der 2006 in einer Engstelle der Schönsteinhöhle bei Streitberg stecken geblieben war. Die Bergwacht brach ein Stück Fels heraus, um den beleibten Mann zu befreien.

Gestern befanden sich nach Auskunft der Berchtesgadener Bergwacht 20 Einsatzkräfte aus vier Ländern in der Riesending-Höhle. Um sie zu koordinieren, brauche es ein „Verkehrsmanagement“: Oft seien die Stollen so eng, dass zwei Teams gleichzeitig dort nicht durchpassten. Ihre Arbeit könnte heute noch einmal deutlich erschwert werden. Die heraufziehenden Gewitter werden wohl einzelne Abschnitte unter Wasser setzen.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel